Grünstreifen-Ratgeber:Rasen ist Glaubenssache

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Kann sein. Grundsätzlich gibt es ja zwei Möglichkeiten, ein Gartenbesitzer zu sein. Erstens: Man ist glücklich und findet, dass auch Moos schön grün ist. Dass man aus Löwenzahn Salat machen kann. Und dass die Kinder ruhig im Garten toben, rumkrawallen und Fußball spielen sollen.

Zweitens: Man will einen perfekten Rasen. Auch eine Idee. Allerdings ist das der direkte Weg in die Hölle.

Es gibt Beratungsstellen für Spielsüchtige, Arbeitssüchtige, Shoppingsüchtige, Sexsüchtige, Drogensüchtige und Menschen, die sich alte Bienzle-Krimis im Fernsehen anschauen. Nur für Wahnsinnige, die sich einen perfekten Rasen wünschen, gab es lange Zeit kaum Hilfe. Die mussten heimlich im Internet ihre Neigung ausleben, weshalb es dort höchst eigenartige Foren gibt, in denen der Nahostkonflikt lösbarer erscheint als die Frage: Spindelmäher oder Nichtspindelmäher? Und mit der Diskussion über die ideale Vertikutiertechnik und den perfekten Zeitpunkt zum Aerifizieren kann man schon mal eine Debatte anzetteln, gegen den Religionskriege als Kinderkram erscheinen.

Rasen ist Glaubenssache. Und mittlerweile auch ein großes Geschäft. Saisonal bedingt ist es gerade am Erblühen. Im Gartencenter türmen sich abholbereit die Düngersäcke (die "Startdüngung" ist zwar vorbei, jetzt aber steht die "Saisondüngung" an), die entweder "für sattgrünen Rasen statt Moos und Unkraut" stehen. Oder zumindest die Formel "Moos - bleibt chancenlos" besitzen. Das ist der Poet unter den Düngern. Es biegen sich die Hochregale unter Päckchen, auf denen zu lesen ist: "So einfach kann schöner Rasen sein". Es stapeln sich die Broschüren: "Alles über Rasenfilz" oder "Rollrasen: So wird's gemacht". Auch dominieren stets die Ausrufezeichen: "Wintermantel entfernen!" - "Unbedingt vertikutieren!" - "Nährstoffversorgung sichern!" - "Lücken schließen!" "Kräftig wässern!" Man will "zu Befehl!" brüllen und ins Manöver ziehen.

3,98 Zentimeter

Wo man sich gleich wieder verirren würde. Denn es gibt "Strapazier-Rasen", "Spiel-Rasen", "Nachsaat-Rasen", "Schatten-Rasen", "Premium-Rasen ,Schatten & Sonne'". Nur der perfekte Rasen ist nicht zu sehen. Und es gibt "Start-Dünger", "Langzeit-Dünger", "Premium-Langzeit-Dünger". Nur der ideale Dünger verbirgt sich. Man irrt orientierungslos im Gartencenter und dessen Garten-Eden-Verheißungen umher, begegnet Laubsaugern, Leisehäckslern, einer Rasenmäherausstellung in Divisionsstärke - und am Ende auch noch dem Kreisregner "Mambo" für 24,95 Euro. Die Rasenindustrie ist bedeutend.

Der Rasen oder wikimäßig "die anthropogene Vegetationsdecke aus Gräsern, die durch Wurzeln und Ausläufer mit der Vegetationstragschicht verbunden ist, im Siedlungsgebiet der Menschen liegt und nicht landwirtschaftlich genutzt wird": Das ist - kurz gesagt - nichts für Feiglinge. Am Rasen zeigt es sich. Dass er nämlich ziemlich schmal ist, der Grat zwischen Perfektion und Wahnsinn auf der einen Seite - sowie Filz und Kapitulation auf der anderen.

Wobei die Sehnsuchtsindustrie auf Irrationalität setzt. Der perfekte Rasen suggeriert Kontrolle. Da geht es mehr um Kultur als um Natur. Vielleicht auch um Hybris. Und gewiss ist es etwas für verhaltensauffällige Neurotiker - wenn auch für welche, die sich in ihrem permanenten Scheitern am Ideal eingerichtet haben. Sie pflegen nicht nur ihren Rasen, sondern auch das Verzweifeln daran. Das ist ja der Witz.

Man ist jedoch nicht allein. Mittlerweile outen sich immer mehr von uns. Folglich kann man uns mittlerweile sogar professionell helfen: Das Geschäft der Rasen-Doktoren, Rasen-Coaches und Rasen-Ratgeber blüht. Wie, sagen wir, Giersch. Wobei der ja eigentlich der Staatsfeind Nummer 1 ist. Giersch ist für den Grasmenschen das, was die Nacktschnecke für den Beetmenschen ist. Ein Beweis, dass es keinen Gott gibt. Jedenfalls keinen Gott der Gnade. Sagen wir also besser: Das Geschäft mit dem Rasen gedeiht. Wie ein dunkelgrüner Teppich. Denn das soll der perfekte Rasen sein: ein dunkelgrüner Teppich. Hochflor. Exakt auf 3,98 Zentimeter gestutzt.

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