Süddeutsche Zeitung

Grünstreifen-Ratgeber:Rasierte Natur

Lesezeit: 6 min

Dicht, grün, saftig: So soll der perfekte Rasen aussehen. Die Realität ist oft trauriger. Löwenzahn, Maulwürfe und Moos zerstören das gepflegte Grün. Ein Rasen-Coach verspricht Hilfe.

Von Gerhard Matzig

Wolfgang Niemeyer kommt ohne Blaulicht und Tatütata. Aber pünktlich auf die Minute. Es ist Donnerstag, elf Uhr. Die Sonne scheint und lässt den frühlingshaften Garten im Münchner Osten nach einer regnerischen Nacht wie frisch gewaschen aussehen. Wie Hohn wirkt das. Denn natürlich liegt der Patient in Wahrheit im Sterben. Findet man, fürchtet man. Es ist jedenfalls bitterernst. Da vorne zum Beispiel, diese Stelle, die aussieht wie . . . wie Schimmel? Oh Gott. Man kann gar nicht richtig hinschauen vor lauter Elend.

Deshalb hätte man erwartet, dass Niemeyer mindestens so etwas wie einen Notarztkoffer bei sich hat. Oder einen Defibrillator zur Wiederbelebung, der im Fachjargon "Defi" genannt wird. Man kennt das aus mittelschlechten TV-Krimis. Und so einen mittelschlechten TV-Krimi-Ausdruck trägt man nun auch während der nächsten 30 Minuten im Gesicht. Als warte man in einem leeren Flur zittrig mit kalt gewordenem Kaffeepappbecher auf jemanden, der aus dem OP kommt und einem endlich sagt: "Sieht gut aus, er kommt durch, machen Sie sich keine Sorgen."

Niemeyer, der immerhin Gummistiefel mitgebracht hat, beugt sich hinab zum komatösen Patienten, betastet ihn, sagt "hm", dann "hmhm", dann betastet er eine andere Stelle, "dann sagt er "tja" - und dann sagt er endlich - und zwar nach gefühlten 300 Jahren: "Das sieht ja gar nicht mal so schlecht aus."

"Sie meinen, er kommt durch?"

"Aber ja."

"Und das Moos?"

"Nicht so schlimm."

"Und die gelben Flecken hier?"

"Das wird schon."

"Aber hier, sehen Sie mal, hier wuchert ganz komisches Zeug. Sieht aus wie Günsel, oder?"

"Nein, dem geht's gut. Bisschen Dünger, dann wird das schon."

"Bestimmt?"

"Bestimmt."

An dieser Stelle wird man angeguckt von Wolfgang Niemeyer, den man sich als geduldigen, höflichen, hochgewachsenen Rasenexperten und Landschaftsarchitekten vorstellen kann, als habe nicht der Rasen im Garten ein kleines Problem - sondern der Rasenliebhaber und Gartenbesitzer selbst. Und zwar ein großes Problem. Offenbar hat man nicht mehr alle Düngerkörner im Streuwagen.

Rasen ist Glaubenssache

Kann sein. Grundsätzlich gibt es ja zwei Möglichkeiten, ein Gartenbesitzer zu sein. Erstens: Man ist glücklich und findet, dass auch Moos schön grün ist. Dass man aus Löwenzahn Salat machen kann. Und dass die Kinder ruhig im Garten toben, rumkrawallen und Fußball spielen sollen.

Zweitens: Man will einen perfekten Rasen. Auch eine Idee. Allerdings ist das der direkte Weg in die Hölle.

Es gibt Beratungsstellen für Spielsüchtige, Arbeitssüchtige, Shoppingsüchtige, Sexsüchtige, Drogensüchtige und Menschen, die sich alte Bienzle-Krimis im Fernsehen anschauen. Nur für Wahnsinnige, die sich einen perfekten Rasen wünschen, gab es lange Zeit kaum Hilfe. Die mussten heimlich im Internet ihre Neigung ausleben, weshalb es dort höchst eigenartige Foren gibt, in denen der Nahostkonflikt lösbarer erscheint als die Frage: Spindelmäher oder Nichtspindelmäher? Und mit der Diskussion über die ideale Vertikutiertechnik und den perfekten Zeitpunkt zum Aerifizieren kann man schon mal eine Debatte anzetteln, gegen den Religionskriege als Kinderkram erscheinen.

Rasen ist Glaubenssache. Und mittlerweile auch ein großes Geschäft. Saisonal bedingt ist es gerade am Erblühen. Im Gartencenter türmen sich abholbereit die Düngersäcke (die "Startdüngung" ist zwar vorbei, jetzt aber steht die "Saisondüngung" an), die entweder "für sattgrünen Rasen statt Moos und Unkraut" stehen. Oder zumindest die Formel "Moos - bleibt chancenlos" besitzen. Das ist der Poet unter den Düngern. Es biegen sich die Hochregale unter Päckchen, auf denen zu lesen ist: "So einfach kann schöner Rasen sein". Es stapeln sich die Broschüren: "Alles über Rasenfilz" oder "Rollrasen: So wird's gemacht". Auch dominieren stets die Ausrufezeichen: "Wintermantel entfernen!" - "Unbedingt vertikutieren!" - "Nährstoffversorgung sichern!" - "Lücken schließen!" "Kräftig wässern!" Man will "zu Befehl!" brüllen und ins Manöver ziehen.

3,98 Zentimeter

Wo man sich gleich wieder verirren würde. Denn es gibt "Strapazier-Rasen", "Spiel-Rasen", "Nachsaat-Rasen", "Schatten-Rasen", "Premium-Rasen ,Schatten & Sonne'". Nur der perfekte Rasen ist nicht zu sehen. Und es gibt "Start-Dünger", "Langzeit-Dünger", "Premium-Langzeit-Dünger". Nur der ideale Dünger verbirgt sich. Man irrt orientierungslos im Gartencenter und dessen Garten-Eden-Verheißungen umher, begegnet Laubsaugern, Leisehäckslern, einer Rasenmäherausstellung in Divisionsstärke - und am Ende auch noch dem Kreisregner "Mambo" für 24,95 Euro. Die Rasenindustrie ist bedeutend.

Der Rasen oder wikimäßig "die anthropogene Vegetationsdecke aus Gräsern, die durch Wurzeln und Ausläufer mit der Vegetationstragschicht verbunden ist, im Siedlungsgebiet der Menschen liegt und nicht landwirtschaftlich genutzt wird": Das ist - kurz gesagt - nichts für Feiglinge. Am Rasen zeigt es sich. Dass er nämlich ziemlich schmal ist, der Grat zwischen Perfektion und Wahnsinn auf der einen Seite - sowie Filz und Kapitulation auf der anderen.

Wobei die Sehnsuchtsindustrie auf Irrationalität setzt. Der perfekte Rasen suggeriert Kontrolle. Da geht es mehr um Kultur als um Natur. Vielleicht auch um Hybris. Und gewiss ist es etwas für verhaltensauffällige Neurotiker - wenn auch für welche, die sich in ihrem permanenten Scheitern am Ideal eingerichtet haben. Sie pflegen nicht nur ihren Rasen, sondern auch das Verzweifeln daran. Das ist ja der Witz.

Man ist jedoch nicht allein. Mittlerweile outen sich immer mehr von uns. Folglich kann man uns mittlerweile sogar professionell helfen: Das Geschäft der Rasen-Doktoren, Rasen-Coaches und Rasen-Ratgeber blüht. Wie, sagen wir, Giersch. Wobei der ja eigentlich der Staatsfeind Nummer 1 ist. Giersch ist für den Grasmenschen das, was die Nacktschnecke für den Beetmenschen ist. Ein Beweis, dass es keinen Gott gibt. Jedenfalls keinen Gott der Gnade. Sagen wir also besser: Das Geschäft mit dem Rasen gedeiht. Wie ein dunkelgrüner Teppich. Denn das soll der perfekte Rasen sein: ein dunkelgrüner Teppich. Hochflor. Exakt auf 3,98 Zentimeter gestutzt.

Kreuzfahrten mit Rollrasen

Rasiert, dimensioniert, letztlich aber manikürt wird natürlich nicht mit dem Aufsitzmäher (lächerlich), Mähroboter (disgusting), Benzinmäher (absurd), Elektromäher (wie komisch), Spindelmäher (nicht doch) oder mithilfe von Rasentrimmern, Freischneidern, Grasscheren . . . nein, das einzig angemessene Gerät für die Intimrasur des Gartenliebhabers stellt eine kleine goldene Sichel dar. Siehe "Asterix bei den Briten", Band VIII. Das ist ohnehin der beste Asterix-Band aller Zeiten.

Jedenfalls beugt sich darin ein würdiger Brite über seinen wunderbaren Rasen (tatsächlich sollte man als Rasenextremist einen Umzug nach Cornwall oder Kent grundsätzlich erwägen - überall sonst ist der feine englische Rasen, und etwas anderes ist praktisch undenkbar, ein bisschen fehl am Platze), jedenfalls beugt sich dieser Brite hinab, sieht einen einzelnen, dezent überstehenden Grashalm, zückt die goldene Sichel . . . ziiiiing. Dann senkt sich tiefer innerer Friede auf sein Gemüt, und der Brite sagt als Seelenverwandter des kontinentalen Rasen-Maniacs ungefähr: "Nun, nach 2000 Jahren Pflege dürfte mein Rasen recht annehmbar sein, denke ich."

Ach. Groß. Ganz groß.

Nächstes Bild: Asterix und Co. - "galoppelgaloppelgaloppel" - ruinieren auf der Flucht zusammen mit einer Meute Römer das jahrtausendealte Rasenwunderwerk. Manchmal können auch heutige Kinder und sonstige Barbaren die frühen Römer oder Gallier sein. Allerdings stimmt nicht, was man sich in der Nachbarschaft des Autors erzählt: dass dessen Kinder die Erstbegehung des neuen Rasens seinerzeit nur mit Hausschuhen durchführen durften. Ich schwöre: Sie waren barfuß. Barfuß auf dem Rasen ist okay. Samstags. Von 14.30 Uhr bis 15.15 Uhr.

Wolfgang Niemeyer ist Naturfreund - und zugleich kunstsinnig. Kein Rasen-Doc also, der vorschnell zu Chemie rät. Sondern ein ganzheitlich orientierter Künstler, der zu Entspannung rät. Gerade ist bei DVA sein wunderbar anregendes Büchlein "Der Rasen" erschienen, das sich wohltuend abhebt von all den Rasenpflege-leicht-gemacht-Fibeln einerseits und den zentnerschweren Botanik-Wichtigtuern zur Rasenkunde andererseits. Niemeyer, 62 Jahre alt, der in München beispielsweise die Außenraumgestaltung des Technischen Rathauses entworfen und auch sehr viele Privatgärten gestaltet hat, ist kein Rasenwahnsinniger. Aber er kann die Sehnsucht, die auch eine Seh-Sucht ist, eine Frage der Ästhetik, gut verstehen. Nur dass er den perfekten Rasen dann doch auch etwas langweilig findet. Daher kann man sein Büchlein als Einstieg in den Ausstieg vom Perfektionismus empfehlen.

Darin erzählt Niemeyer, wie er als Kind oft den 8000 Quadratmeter umfassenden Garten der Eltern auf dem Lande mähen musste. Das ist: 20-mal so groß wie die typische Gartenminiatur, wie sie in München aus Gründen der absurden Grundstückspreise üblich ist. Er hatte keine Wahl, er musste kreativ werden, um nicht an Langeweile zu sterben. So wurde er Rasenkünstler. Raseninterpret. Und jemand, der wunderbare Rasen-Storys zusammenträgt.

Wie etwa die von dem Kreuzfahrtschiff Celebrity Silhouette. Damit dort auf dem Oberdeck Grillpartys "wie daheim" stattfinden können, wird den Passagieren ein 2000 Quadratmeter großer Naturrasen geboten. Perfekt getrimmt. Greenkeeper betreuen diesen weit gereisten Rasen mit Spezialrasenmähern. In der karibischen See. Klar, das ist absurd. Andererseits . . . wer weiß, womöglich wäre ein bisschen karibisch angehauchte, salzhaltige Seeluft genau das probate Mittel im ewigen Münchner Kampf gegen den satanischen Giersch.

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Quelle:
SZ vom 10.05.2014/fran
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