Grünstreifen-Ratgeber:Rasierte Natur

Rasen

Das Geschäft der Rasen-Doktoren, Rasen-Coaches und Rasen-Ratgeber blüht.

(Foto: iStockphoto)

Dicht, grün, saftig: So soll der perfekte Rasen aussehen. Die Realität ist oft trauriger. Löwenzahn, Maulwürfe und Moos zerstören das gepflegte Grün. Ein Rasen-Coach verspricht Hilfe.

Von Gerhard Matzig

Wolfgang Niemeyer kommt ohne Blaulicht und Tatütata. Aber pünktlich auf die Minute. Es ist Donnerstag, elf Uhr. Die Sonne scheint und lässt den frühlingshaften Garten im Münchner Osten nach einer regnerischen Nacht wie frisch gewaschen aussehen. Wie Hohn wirkt das. Denn natürlich liegt der Patient in Wahrheit im Sterben. Findet man, fürchtet man. Es ist jedenfalls bitterernst. Da vorne zum Beispiel, diese Stelle, die aussieht wie . . . wie Schimmel? Oh Gott. Man kann gar nicht richtig hinschauen vor lauter Elend.

Deshalb hätte man erwartet, dass Niemeyer mindestens so etwas wie einen Notarztkoffer bei sich hat. Oder einen Defibrillator zur Wiederbelebung, der im Fachjargon "Defi" genannt wird. Man kennt das aus mittelschlechten TV-Krimis. Und so einen mittelschlechten TV-Krimi-Ausdruck trägt man nun auch während der nächsten 30 Minuten im Gesicht. Als warte man in einem leeren Flur zittrig mit kalt gewordenem Kaffeepappbecher auf jemanden, der aus dem OP kommt und einem endlich sagt: "Sieht gut aus, er kommt durch, machen Sie sich keine Sorgen."

Niemeyer, der immerhin Gummistiefel mitgebracht hat, beugt sich hinab zum komatösen Patienten, betastet ihn, sagt "hm", dann "hmhm", dann betastet er eine andere Stelle, "dann sagt er "tja" - und dann sagt er endlich - und zwar nach gefühlten 300 Jahren: "Das sieht ja gar nicht mal so schlecht aus."

"Sie meinen, er kommt durch?"

"Aber ja."

"Und das Moos?"

"Nicht so schlimm."

"Und die gelben Flecken hier?"

"Das wird schon."

"Aber hier, sehen Sie mal, hier wuchert ganz komisches Zeug. Sieht aus wie Günsel, oder?"

"Nein, dem geht's gut. Bisschen Dünger, dann wird das schon."

"Bestimmt?"

"Bestimmt."

An dieser Stelle wird man angeguckt von Wolfgang Niemeyer, den man sich als geduldigen, höflichen, hochgewachsenen Rasenexperten und Landschaftsarchitekten vorstellen kann, als habe nicht der Rasen im Garten ein kleines Problem - sondern der Rasenliebhaber und Gartenbesitzer selbst. Und zwar ein großes Problem. Offenbar hat man nicht mehr alle Düngerkörner im Streuwagen.

Zur SZ-Startseite
Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB