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JACQUEMUS FW20 Runway during Paris Fashion Week Men'Äôs January 2020 - Paris, France 18/01/2020

Für die Großstadtsafari: Trinkflasche von Jacquemus.

(Foto: dpa Picture-Alliance / Ik Aldama/picture alliance / Ik Aldama)

Ohne Wasservorrat geht heute kein Großstädter mehr aus dem Haus. Designer und Modemarken reagieren auf den Trend - mit teilweise sündhaft teuren Trinkgefäßen.

Von Jan Kedves

Lange lief das mit dem Trinkwasser und der Mode so: Eine Mineralwassermarke beauftragte einen Designer mit dem Entwurf einer Flasche, die ein bisschen schicker aussehen sollte als die normalen Flaschen der Marke. Das modisch aufgepimpte Mineralwasser kam als limitierte Edition in den Handel. Bei Evian zum Beispiel: Vor fünf Jahren durfte Kenzo nette blaue Zickzack-Streifen auf die Plastikflaschen der Marke designen. Oder 2010 bei San Pellegrino: Missoni zauberte ein buntes Zickzack-Muster auf die grünen Glasflaschen. Im besten Fall wurden solche Fashion-Flaschen nach dem Leeren nicht gleich weggeworfen oder im Altglas entsorgt, sondern man behielt sie und funktionierte sie um - zum Beispiel zur Vase für eine einzelne Rose oder so.

Das war einmal. Der Wassermarkt befindet sich im Umbruch, aus guten Gründen. Einwegplastik wird immer unbeliebter. Die Nachrichten von vermüllten Weltmeeren und Walen, die an verschlucktem Plastik verenden, zeigen da wohl Wirkung. Abgesehen davon begreifen viele Menschen, ebenfalls hinsichtlich Umweltschutz und Nachhaltigkeit, nicht mehr so recht, warum sie immer schwere Mineralwasserkisten die Treppen rauf und runter schleppen sollen. Das Wasser wurde vorher um die halbe Welt gekarrt? Hat Leitungswasser aus dem Hahn nicht dieselbe, manchmal sogar die bessere Qualität? Doch, zumindest in Deutschland.

So ist also das Zeitalter der wiederverwendbaren Trinkflasche angebrochen. Sie kann immer neu befüllt werden und ist das Statussymbol aller umwelt- und gesundheitsbewussten Menschen. Wer immer seinen eigenen Liter mit sich herumträgt und dies auch allen zeigt, etwa indem er die Trinkflasche im Arm hält oder an einem Karabinerhaken am Rucksack baumeln lässt, der signalisiert, dass er begriffen hat, worum es geht in der neuen Welt des eskalierenden Klimawandels. "Always stay hydrated!", sagt man sich in den USA schon zum Abschied, so wie man sich früher "Take care!" hinterherrief: "Bleib immer gut befeuchtet!" statt "Pass auf dich auf!"

Der Phipps hat ein Mittel gegen die Vertrocknungspanik

Und siehe da, auch hier ist die Mode, zack, mit im Boot. Ähnlich wie bei den iPhone-Schutzhüllen, die es inzwischen von fast jeder Marke gibt. Sie scheinen sich sehr gut zu verkaufen. Man muss das Sortiment immer auf Höhe der Zeit halten. Mehr und mehr Modelabels bieten also Trinkflaschen an, von ganz simplen Entwürfen bis zu superglamourösen ist alles mit dabei. Manche Modelle passen perfekt zum Image der Marke, manche, nun ja, weniger.

Da ist zum Beispiel der amerikanische Modedesigner Spencer Phipps, der früher hinter den Kulissen erst für Marc Jacobs, dann für Dries Van Noten gearbeitet hat. Seit 2018 hat er sein eigenes Label mit Namen Phipps, er gehört damit zu den Shootingstars der aktuellen Männermode. Seine Ästhetik: ein bisschen Cowboy in der Prärie, ein bisschen Klettersportler am Felsen. Technischer Outdoor-Look gekreuzt mit Vintage-Americana. Da passt eine Wasserflasche bestens. In diesem Fall besteht sie aus Edelstahl mit sandfarbenem Finish, das wirkt, als hätte ein Wüstensturm es matt geschmirgelt. Der Phipps-Mann spaziert nämlich, so soll es zumindest aussehen, nicht nur durch die Stadt, sondern auch gerne mal durchs Death Valley in der Mojave-Wüste. Da muss er zur Vermeidung von Vertrocknungspanik immer Wasser mit dabeihaben.

Oder da ist Eye/Loewe/Nature, die von Jonathan Anderson gestaltete, ebenfalls stark am Outdoor-Trend orientierte neue Männerlinie des spanischen Traditionshauses Loewe. Als sie im vergangenen Jahr lanciert wurde, gehörten zur ersten Kollektion nicht nur Luxus-Regenparkas und stabile Kletterschuhe in Erdfarben mit knallbunten Akzenten. LVMH, seit 1996 Mutterkonzern der Marke, versprach außerdem, für jedes verkaufte Produkt aus der Kollektion 15 Euro zu spenden, für den Kampf gegen Plastikverschmutzung. Daher gehörte in die Kollektion auch eine Trinkflasche aus mattem Stahl mit extra-großem Eye/Loewe/Nature-Logo.

Chanel hat ein Modell für 5000 Euro. Total übertrieben? Na ja, die Flasche ist schon ausverkauft

Um nun aber zur glitzernden Seite des Trends zu kommen: Wer auf Glamour steht, kann sich eine komplett mit Strass-Steinchen besetzte Trinkflasche von Collina Strada kaufen. Das Label für Frauenmode aus New York hat sich die Kombination von Nachhaltigkeit mit ironisch gebrochenem Luxus auf die Fahne geschrieben. So eine Flasche kostet 90 Dollar, etwa 75 Euro, das geht ja noch. Umso glamouröser: Chanel. Anfang des Jahres erregte eine goldene Trinkflasche des Pariser Labels Aufsehen. Sie steckt in einer gesteppten Schutzhülle aus schwarzem Lammleder und kann wie eine Handtasche über die Schulter getragen werden, wie bei Chanel üblich an einer Metallkette, durch die ein Ledergurt gezogen ist. Die Chanel-Flasche kostet knapp 5000 Euro, beziehungsweise kostete: Sie ist ausverkauft.

Dass der Trend noch lange nicht vorbei ist, zeigte der französische Designer Jacquemus in seiner Schau für die kommende Herbst-Winter-Saison: Zu seinen Safari-inspirierten Outfits gehören nun auch Wasserflaschen aus Stahl, die in oliv- oder lilafarbenen Halterungen am Gürtel baumeln oder an einem Gurt quer vor der Brust getragen werden. Jacquemus gilt als Meister des miniaturisierten Accessoires mit großem Augenzwinkern. Seine winzigen Damen-Handtäschchen, die hübsch am kleinen Finger baumeln, sind immer noch der Hit. Auch seine Trinkflaschen sind, nun ja, eher klein. Ein ganzer Liter passt da jedenfalls nicht rein. Eher ein halber. Aus Design-Sicht mag das sinnvoll sein - die Flasche soll sich elegant in den Look einpassen. Aber was, wenn der Durst mal groß ist?

© SZ/saul

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