Fashiontech in Berlin Mode der Zukunft

Zu den Entwürfen der Britin Amy Congdon gehört auch ein großflächiges Rückenornament.

(Foto: Amy Congdon)

Ohrringe aus Knochenzellen, eine Jacke, die den Blutdruck misst und ein Anti-Paparazzi-Cap: Auf der Fashiontech in Berlin stellen junge Kreative ihre Ideen für die Zukunft vor.

Von Felicitas Kock, Berlin

Bei der Fashion Week geht es um die Zukunft der Mode - meistens ist es eine recht nahe Zukunft. In Berlin beispielsweise präsentieren die Designer gerade ihre Kollektionen für die nächste Herbst-/Wintersaison. Mit Materialien, die ihnen jetzt zur Verfügung stehen und Ideen, die jetzt umsetzbar sind.

Doch was, wenn man weiter denkt? In eine Zukunft, die fünf, zehn Jahre vor uns liegt? An diesem Dienstag in der Berliner Glashaus Arena gibt es dafür eine ganze Reihe unterschiedlicher Ideen. Etwa 1000 Menschen aus den Bereichen Mode, Technologie und Forschung sind in die Halle in Berlin-Treptow gekommen. Auf zwei Bühnen gibt es Vorträge über neue Materialen und Wearables, in einem Nebenraum stellen Labels ihre Entwürfe aus - Jeanswesten mit Leuchtdioden, durch Algen gefärbte Stoffe, Airbag-Jacken.

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Eine der Rednerinnen ist Amy Congdon aus London. Die 27-Jährige beschäftigt sich mit Materialien, die im Labor entstehen. Mit Stoff aus Bakterien, Schmuck aus der Petrischale. "Wie wäre es", sagt Congdon, "wenn wir das Material für unsere Kleider selbst züchten würden?" Als Beispiel zeigt sie eine Jacke des Labels Biocouture. Das Kleidungsstück sieht aus, als wäre es aus Leder, ist aber in Wirklichkeit aus bakterieller Zellulose, einem Abfallprodukt des Kombucha-Pilzes. Amy Congdon selbst hat Ohrringe aus Haut- und Knochenzellen gezüchtet.

Schmuck aus lebendem Material - würde das wirklich jemand tragen? "Genau das ist die Frage", sagt Congdon. "Ich will mit meinen Ideen und Entwürfen eine Debatte auslösen. Ich will wissen, ob die Leute Kleidung aus Bakterien anziehen würden, ob ihnen egal ist, aus was ein Schmuckstück besteht, wenn es nur schön genug aussieht." Zu den Entwürfen der Britin gehört auch ein großflächiges Rückenornament, das direkt auf den Rücken appliziert wird. Pilzgewächse auf nackter Haut - zumindest aus heutiger Sicht noch eine abwegige Vorstellung.

Mode aus Algen

Dennoch - die Suche nach neuen Materialien ist durch die Nachhaltigkeitsdebatte der vergangenen Jahre wichtiger geworden. Viele Labels für nachhaltige Kleidung nutzen Bio-Baumwolle, die ohne Pestizide auskommt, deren Anbau aber einen erheblichen Wassereinsatz erfordert. Designer wie die Berlinerin Christine Mayer haben deshalb schon vor ein paar Jahren begonnen, Mode aus Algen zu verkaufen - mit Erfolg, die Algenkleidung soll nicht nur ökologisch korrekt, sondern gleichzeitig angenehm zu tragen sein.

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Auf der Fashiontech präsentieren Essi Johanna Glomb and Rasa Weber die Arbeit ihres Design-Studios Blond & Bieber. Die beiden jungen Frauen haben zahlreiche Preise gewonnen und sind in diesem Jahr für den German Design Award nominiert. Sie verzichten auf Synthetik und nutzen stattdessen Mikroalgen, um Stoffe zu färben.

Neben dem Thema "neue Materialien" geht es auf der Fashiontech vor allem um Wearables - und die werden sich schon bald nicht mehr auf Smartwatches und Fitnessarmbänder beschränken. "Künftig wird es darauf ankommen, wie du deine Kleidung digital nutzen kannst", sagt Thomas Andrae vom Technologie-Unternehmen 3M.

Sensoren im Schlafanzug

Sensoren seien schon jetzt überall günstig zu haben. Was noch weiter entwickelt werden müsse, seien Software-Lösungen. Diese sollen dann ermöglichen, dass das, was die Sensoren aufnehmen, in Daten umgesetzt wird und dass diese Daten wiederum Aktionen auslösen. Armbänder, die den Schlaf ihres Trägers überwachen und ihn aufwecken, wenn er sich nicht mehr in der Tiefschlafphase befindet, gibt es bereits. Die Idealvorstellung für Andrae: In Zukunft werden die Armbänder nicht mehr gebraucht - die Sensoren sind direkt in den Schlafanzug eingewoben.

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Einen eher spielerischen Zugang hat Phoebe Heess, die auch für Adidas arbeitet. Die Designerin hat ein Anti-Paparazzi-Cap entwickelt. Es reagiert auf Kamera-Blitzlicht und blitzt zurück. Außerdem im Sortiment: Das Reactive Armour Jacket, eine Jacke, die auf stark steigenden Blutdruck reagiert und Luftpolster anschwellen lässt - den Träger quasi aufplustert.

Die Jacke als Rüstung im Großstadtdschungel, Kleidung, die nicht nur schön aussieht, sondern den Träger in seinem Alltag unterstützt - und im Idealfall noch ökologisch abbaubar ist: So sieht die Zukunft der Mode aus, wenn sie von Kreativen, Technik-Nerds und Wissenschaftlern gemeinsam gedacht wird. Die Designer, die ihre Kollektionen auf den großen Laufstegen der Fashion Week zeigen, sind davon - so scheint es - noch Lichtjahre entfernt. Doch wer weiß, vielleicht läuft bald das erste Model mit in der Petrischale gezüchteten Ohrringen über den Laufsteg.