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Fashionspießer zum Unterhemd:Nur unsichtbar erträglich

Mann im Unterhemd

Nicht mal bei Hipstern cool: Unterhemd ohne Überhemd.

(Foto: cydonna / photocase.com)

Eigentlich ist es ganz einfach: Ein Unterhemd gehört untendrunter. Kein Wenn, kein Aber, kein Oder. Jeglicher Versuch, dieses ungeschriebene Gesetz zu brechen, sollte zum Wohle aller im Keim erstickt werden. Ein Mode-Plädoyer für innere Werte.

Von Christa Catharina Müller

Am Anfang unserer Zeit war das Unterhemd. Jesus soll mindestens eines besessen haben, das heute noch Pilger aus aller Welt in den Trierer Dom lockt. Dennoch wäre es verwegen, dem Unterhemd den Status eines Klassikers zu verleihen. Es drängt sich nun mal von Natur aus nicht in den Vordergrund.

Im Gegenteil: Das Unterhemd ist bescheiden und verzichtet auf alles Überflüssige. Der Sinn seiner Existenz besteht überhaupt nur darin, unter einem Oberhemd zu verschwinden. Deshalb besitzt es ja schließlich auch weder Ärmel noch Kragen oder Knöpfe. Bedauerlicherweise hat das nicht jeder Unterhemdenträger mitbekommen. Und so nimmt das Elend seinen Lauf.

Ein Trost ist immerhin, dass die Soloauftritte der Leibchen vorzugsweise abseits des öffentlichen Lebens stattfinden. Notdürftig hinter Hecken, Gittern und Gardinen verborgen, lenken sie ungeniert den Blick auf Bierbäuche und Brusthaare. Im Schrebergarten kompostieren Rentner in klassischem Feinripp ihre Gartenabfälle. Im Kittchen werden die Hemden zu Muskelshirts, in denen Gefangene ihre Schlagfertigkeit trainieren.

Nicht ganz so unbeobachtet präsentiert sich Homer Simpson auf seinem heimischen Sofa in Springfield. In einem Unterhemd, das zu platzen droht, entspannt sich der Vater aller Couchpotatoes mit Dosenbier in der einen und Fernbedienung in der anderen Hand vor der Glotze und dient so über die Grenzen seiner Nation hinaus als abschreckendes Beispiel. Man kann es nicht anders sagen: Unterhemden haben ein mieses Image.

In den USA bezeichnet man sie umgangssprachlich sogar als "wife beater". Klingt wenig schmeichelhaft. Ist auch nicht so gemeint.

In abgewandelter Form gelingt es den Leibchen dennoch immer wieder, heimlich die Grenzen von Privatsphäre und gutem Geschmack zu überschreiten. So flanieren abgemagerte Hipster in meist aufdringlich gemusterten Leibchen durch das urbane Deutschland. Ähnlich figurbetont geschnitten wie Basketballtrikots schlabbern die bunten Unterhemden haltlos um die schmächtigen Oberkörper. Wogegen rebellieren diese Halbwüchsigen? Protestieren sie gegen die frühsommerliche Hitze oder zu enge Zookäfige? Man weiß es nicht genau.

Natürlich kann man theoretisch ein Unterhemd auch außerhalb der eigenen vier Wände tragen. Doch warum sollte man das wollen? Selbst im Idealfall, nämlich wenn sich unter diesem Sixpack statt Bierbauch verbirgt, eignet sich jedes, wirklich jedes noch so verranzte T-Shirt besser dazu, den Müll rauszubringen als das schönste vorstellbare Designer-Unterhemd.

28 Millionen Euro Schmerzensgeld

Selbst David Beckham steht im Werbespot für seine Unterwäschekollektion nur deshalb im Unterhemd in der Auffahrt seiner Villa, weil die Haustür zugefallen ist. Und weil er dafür 28 Millionen Euro Gage vom schwedischen Modegiganten H&M erhielt, ein durchaus angemessenes Schmerzensgeld für diesen peinlichen Moment. Mit Erotik hat dieser Teil der Männerunterwäsche nämlich rein gar nichts zu tun. Ausziehen sollte man den Liebestöter deshalb so beiläufig wie möglich. Zum Beispiel im Bad.

Wäre es also klüger, das Unterhemd gleich kategorisch aus dem Kleiderschrank zu verbannen? Nein. Das Unterhemd hat durchaus seine Daseinsberechtigung. Unsichtbar für die Augen der anderen umarmt es den Oberkörper seines Trägers, schützt ihn vor Kälte im Winter und vor Schweißflecken im Sommer. Als Teil der Basisgarderobe ist das ideale Unterhemd weiß, eng anliegend, tief ausgeschnitten, am Bauchende lang genug und gehört ausnahmslos - wie der Name schon sagt - unter ein Hemd.

© SZ.de/vs/bavo

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