Rezepte im Netz:Ein gutes Rezept ist eine Wunderbox für das gute Gewissen

Das fällt denen, die Rezepte entwerfen, allerdings oft nicht leicht. Für den Spitzenkoch Andi Schweiger etwa ist ein gutes Rezept vor allem eine Gratwanderung. Wenn es zu konkret wird, sagt er, "wird es auch schnell zu kompliziert". Schweiger führt ein Restaurant und eine Kochschule in München, schreibt Kochbücher und kocht in Fernsehshows. "Um ein Rezept richtig konkret zu machen, müsste man etwa Eier in Gramm angeben, die haben ja unterschiedliche Größen. Als ich das für ein Buch so aufgeschrieben habe, hat der Verlag es geändert." Ein Rezept muss also richtig, aber eben auch nutzerfreundlich sein.

Damit das gelingt, legen sowohl Andi Schweiger als auch Brigitte Berghammer-Hunger Regeln für sich fest. Schweiger etwa merkt in seiner Kochschule oft, dass die Leute nach einer Stunde keine Lust mehr haben oder müde sind. Daher versucht er, die Zubereitungszeit von einer Stunde in Rezepten nie zu überziehen. Auch Zutaten dürfen Hobbyköche nicht überfordern: Acht bis neun seien optimal, findet Schweiger, und die sollten nicht zu ausgefallen sein: "Ein gutes Rezept hat Zutaten, die man in einer Kleinstadt besorgen kann", sagt Berghammer-Hunger. "Experimentelles Zeug" mag die Köchin ebenso wenig wie Rezepte, bei denen extravagante Produkte oder Zutatenreste übrig bleiben. Was soll man nach dem Kochen noch mit zwei Eiweißen anfangen?, fragt sie. Im Notfall versuche sie, "den Lesern Anregungen zu geben, wofür sie Leftovers oder extra gekaufte Gewürze verwenden können."

Vielleicht ist Nutella mit Fleischwurst am Ende doch nur eine Frage der Gewöhnung

Die Anforderungen an Rezepte sind mit dem Hype ums Kochen stetig gestiegen. Essen soll nicht nur satt machen und unterhalten, es ist ein Statement. Ob Gesundheit, Umwelt oder Tierethik, alles wird mitverhandelt, was man wie, wo und für wen kocht, spiegelt eine Lebenseinstellung. Die Rezepte passten sich dem unweigerlich an, sagt Brigitte Berghammer-Hunger: "Ein Rezept muss heute eine Wunderbox sein, grün, gesund, fancy, schnell, super lecker und bitte auch nicht zu teuer. Früher hat es gereicht, wenn die Leute nach dem Essen gesagt haben: billig war's, viel war's, und ja, hat man essen können."

Rezepte im Netz: Hackball mit Wurstbeinchen, umwickelt mit Bacon - Jonathan Löffelbein und Lukas Diestel suchen bei Chefkoch.de solange nach Begriffen wie "Hack" und "Wurst" bis sie Rezepte wie das der "Gefüllten Schildkröte" finden.

Hackball mit Wurstbeinchen, umwickelt mit Bacon - Jonathan Löffelbein und Lukas Diestel suchen bei Chefkoch.de solange nach Begriffen wie "Hack" und "Wurst" bis sie Rezepte wie das der "Gefüllten Schildkröte" finden.

So ist jedes Rezept auch das aufgeschriebene Dokument einer Generation und ihrer Ernährungstrends. Es sei ja gut, dass die Menschen ein größeres Bewusstsein für gesundes Essen entwickelt hätten, findet Berghammer-Hunger. Trotzdem ist die Köchin Trends gegenüber skeptisch. Zu Regenbogenkuchen oder in Bowls gedrückter Pizza sagt sie: "Der Sinn hinter einem guten Rezept ist nicht, irgendetwas mit Gewalt in Form und Farbe zu pressen." Sie merkt Rezepten schon beim Lesen an, ob sie nur für einen Trend erdacht wurden. Da habe dann "irgendjemand irgendwas aufgeschrieben" und es sei gleich klar: "Der hat das nie gekocht." Auch Andi Schweiger glaubt an Rezepte, die immun sind gegen Trends. Die jede Veränderung überdauern. Allein das sei ein Gütesiegel, sagt er. "Klassiker wie Wiener Schnitzel mit Kartoffelsalat sind toll. Auch Leberkäse mit Rahmspinat und Spiegelei zählt zu den Top 20 meiner Gerichte. Es gibt einfach Kombinationen, die gut angelegt sind und es verdient haben, zu bestehen."

Die Blogger Lukas Diestel und Jonathan Löffelbein sind dagegen froh, dass im Internet auch jede kulinarische Karteileiche fortbesteht. Auf Chefkoch.de tippen sie so lange Begriffe wie "herzhaft" und "Bananen" ein, bis sie bei Zutaten wie Hühnerherzen landen, die mit Bananen und Champignons als Lasagne auf den Tisch kommen. "Wir geben oft verschiedene Fleischarten in die Suchleiste ein. Da kommen dann echt skurrile Sachen raus wie die gefüllte Schildkröte." Gemeint ist ein Rezept, das erklärt, wie aus einem Kilo Hack, 48 Scheiben Bacon und 18 Würstchen ein schildkrötenartiges Monstrum wird.

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