Britischer Autor Kochen als Kampf um Anerkennung

Mit der Verfilmung des Buchs durch die BBC vor acht Jahren wurde Slater endgültig bekannt. Sechs Millionen Zuschauer sahen, wie eine ordinär überschminkte Helena Bonham Carter ( in der Rolle der Stiefmutter und ehemaligen Putzfrau der Familie) kalkuliert mit dem Hinterteil wackelt und versucht, einen Zehnjährigen beim Kochen auszustechen. Als der Junge heimlich versucht, "ihre göttliche Zitronen-Baiser-Torte" zu kopieren, macht sie schnell eine zweite für den Vater. "In diesem Haus backe ich die Zitronen-Baiser-Torte, du kleiner undankbarer Scheißer", zischt sie.

Natürlich sei der Stoff dramaturgisch überzeichnet, räumt Slater ein, schon die Biografie habe sein älterer Bruder mit den Worten kommentiert: "Ja, ja, ein schöner Roman, Nigel." Doch der Kern sei wahr: das Kochen als Kampf um Anerkennung, als ödipaler Kraftakt, die Konkurrenz zur Stiefmutter, die Flucht aus dem Haus mit 16, als der Vater gestorben war. "Auf eine Art sehne ich mich bis heute nach der Zeit vor dem Tod meiner Mutter zurück", erklärt Slater. Egal, ob es um Birnenkompott, Holzspielzeug oder Christbaumschmuck gehe: Das sei sein Motor.

Es sei ihm bewusst, dass er es weit treibe mit der Nostalgie, sagt Slater

Vor den Londoner Himmel hat sich eine dieser bleifarbenen Decken gezogen, Slater ist vom Garten in die Küche gewechselt, wo er mit Sorgfalt Darjeeling aufgießt. Ein Mann in dunklem Hemd, schwarzen Chinos und polierten cognacfarbenen Halbschuhen. In einer Altbauküche aus gekalktem Backstein, mit nordenglischem Sandsteinboden und zwei Kaminschächten. Einerseits wirkt das sehr klassisch. Andererseits macht diese Ästhetik den 60-Jährigen moderner, als man denken würde. Jeder Quadratzentimeter hier ist instagramtauglich. Und vielen seiner Fans dürfte es wegen der vielen Fotos, die Slater postet, so vorkommen, als hätten sie schon einmal in dieser Küche gesessen.

Das Rezept Birnen-Scheiterhaufen
Das Rezept
Edles Reste-Essen

Birnen-Scheiterhaufen

Alte Semmeln und Weißbrot finden in dieser Mehlspeise wunderbar Verwendung - und bereiten auch großen Tischrunden Freude.

Slater deckt den Tisch mit Porzellan ein und schneidet zwei Stücke von einem Schokoladenkuchen ab. Dann fixiert er den Besucher beim Kauen, um fast ängstlich zu fragen: "Und, schmeckt der Kuchen weihnachtlich? Ja? Oh, ich bin so froh, dass Sie das sagen, denn das soll er ja auch." Das Rezept stammt aus dem "Wintertagebuch", wo Slater noch einmal aus seiner Autobiografie zitiert: "Kuchen hält eine Familie zusammen. Wenn Kuchen im Haus war, dann war mein Vater ein anderer Mensch."

Slater sagt, ihm sei bewusst, dass er es weit treibe mit der Nostalgie. Aber er sei eben überzeugt davon, dass Essen so sehr unseren innersten Kern berühre, dass man sich regelrecht glücklich essen könne. Wenn es ihm nicht gut geht, isst er etwas Gutes, "so wird Essen zur Medizin". Und der Erfolg seiner Bücher, die vielen Leserzuschriften scheinen ihm recht zu geben. Nichts stimme ihn froher als wenn Menschen ihm sagten, sie läsen seine Kochbücher auch im Bett. Neulich erst war er bei seinem Gemüsehändler im Stadtteil Islington, als ein Mann auf ihn zukam: "Sie sind Nigel Slater, oder? Wenn ich das meiner Frau erzähle! Sie müssen nämlich wissen: In unserer Ehe sind wir zu dritt."

Der Stil seiner Rezepte, so sagt Slater selbst, ist eher bodenständig. Pies, Crumble, Braten; eine klar englisch inspirierte Küche, aus guten Produkten, europäisch verfeinert und leicht modernisiert, "echtes Essen mit Herz und Geschmack" eben. Und für jeden nachmachbar. Er wollte immer Koch werden, arbeitete auch nach der Schule in verschiedenen Küchen, aber letztendlich sei er unfähig für diesen Beruf: "Zu unpräzise. Und vor allem nicht teamfähig."

Kochend zum Regisseur seiner heilen Welt

Dass er sich nun über den Umweg des Schreibens mit Essen beschäftigt, war ein Zufall, der ihm als Einzelgänger sehr entspricht. Seit 25 Jahren schreibt er Essenskolumnen für den Observer. Dazu die Bücher. Er schätzt geregelte Tagesabläufe. Früh aufstehen, schreiben, Besorgungen machen, kochen, wieder arbeiten. Slater sieht keinen Widerspruch darin, dass er Soulfood für gesellige Runden propagiert und der guten alten Zeit nachhängt, aber selbst allein in diesem großen Haus lebt und gern allein isst. Schließlich bedeute allein nicht einsam, sagt er.

Am Ende zeigt der Gastroautor Nigel Slater wohl so gut wie niemand anderes, wie man kochend zum Regisseur seiner heilen Welt werden kann. Welche Macht die bloße Beschreibung von Bratenkruste, oktobergoldenen Äpfeln oder von Zuckerguss auf Zimsternen entfalten kann. Die menschliche Vorstellungskraft sei erstaunlich, sagt Slater. Denn natürlich sei früher nicht alles besser gewesen. Doch wer nostalgisch ist, sehne sich nicht nur nach früheren Zeiten zurück, sondern baue sich auch immer mehr die Welt, die er früher gern gehabt hätte. Man glaubt Nigel Slater, wenn er sagt, dass er in diesem Jahr auf Schnee hofft. In London, zu Zeiten des Klimawandels. "Der Garten", sagt er, "wird wunderschön aussehen unter der weißen Decke."

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