Britischer Autor Ich koch mir meine Welt

Britischer Erfolgsautor: Nigel Slater

(Foto: Johnathan Lovekin)

Nigel Slater feiert großen Erfolg mit Kochbüchern, die viel mehr sind als Kochbücher. Es geht nicht um das raffinierteste Rezept, sondern die Frage, was das Rezept mit dem eigenen Leben macht.

Von Marten Rolff

Nigel Slater leidet, wenn er Besuchern seinen Garten zeigen soll. Er leidet daran, dass die zweite Frucht des Feigenbaums nie reif wird. Er leidet an den Löchern, die Londons Großstadtfüchse in den Mutterboden an der Hausmauer buddeln. Er leidet daran, dass er wegen seiner vielen Termine beim Baumschnitt nicht nachkommt. Doch ganz besonders leidet Slater am Buxus. Dort, wo im Frühjahr noch eine akkurat geschnittene Hecke die Grenze zu den Beeten markierte, schlängelt sich, auf Kniehöhe, braunes Gestrüpp entlang der Steinwege. "Raupen!", stöhnt Slater und zieht ein schiefes Gesicht, "sie haben alles kaputtgefressen, es ist furchtbar, ich werde die Hecke rausreißen müssen."

In England ist der Garten des Autors und Gastrokolumnisten Nigel Slater fast so bekannt wie sein Besitzer selbst. Und dass dieser Garten auch Kummer bereitet und gerade nach nicht viel aussieht, sind paradoxerweise wichtige Gründe für seine Bekanntheit. Ein schmales Handtuch Land, kaum größer als hundert Quadratmeter. Ein Hintergarten, wie er für Millionen Briten vorstellbar ist, wie er zu Tausenden Reihenhäusern in London gehörte, bevor Immobilienwahn und Nachverdichtung immer mehr Landgewinne machten.

Vom Kampf, wirklich alles auf einem Erdstreifen unterzubringen

Auf diesem Flecken Stadt, auf dem andere Geranien und Rhododendren pflanzen würden, gründet ein guter Teil von Nigel Slaters Erfolg. Und zwar lange bevor Guerilla-Gardening oder Basilikum auf Verkehrsinseln ein Thema wurden. Slater schrieb zum Beispiel einen Kochbuchwälzer über seinen Garten. Zwei Bände. 600 Seiten für Gemüse und 600 Seiten für Obst. Sie handeln vom Kampf, wirklich alles auf diesem Erdstreifen unterzubringen, von Erbsen und Feuerbohnen über Brown-Turkey-Feigen und Doyenné-du-Comice-Birnen bis zu King-James-Maulbeeren. Vom alten englischen Sortenreichtum. Von der Lust und vom Leiden an der eigenen Scholle. Und davon, wie die Ernte am Herd zur köstlichen Belohnung wird. Schien all das nicht zu zeigen, dass auch ein Ahnungsloser aus ein paar Quadratmetern Halbschatten ein Paradies erwachsen lassen kann?

Quattro-Stagioni-Quiche mit Ziegenkäse, Spinat, Paprika und Tomaten

Vier Füllungen, ein Familienessen: Wenn jeder in ihrer Familie Lust auf etwas anderes hat, schiebt unsere Köchin diese Quiche in den Ofen. mehr ... Das Rezept

Natürlich ist Nigel Slater nicht ahnungslos, sondern als Autor längst so erfolgreich, dass seine Bücher auch ins Schwedische oder Koreanische übersetzt werden. In Deutschland ist gerade sein neues Buch erschienen, das - ebenfalls kulinarische - "Wintertagebuch" (Dumont-Verlag). Was die Frage aufwirft, wieso einem zwar kein deutscher Koch einfällt, der sich je in Großbritannien an der Veröffentlichung eines Rezeptbands oder auch nur eines Bändchens mit Bratwurstanekdoten versucht hätte; warum aber ein Mann aus London damit Erfolg hat, deutschen Lesern von seinen Besuchen auf dem Nürnberger Christkindles-Markt vorzuschwärmen? Wieso er von Stollen, Keksrezepten, Weihnachtspyramiden und Schneetreiben berichtet, als wäre er im Erzgebirge aufgewachsen? Die Antwort von Nigel Slater klingt einfach: "Ich liebe den Winter. Und es gab noch kein Buch, das ihn gefeiert hätte."

Für grundsätzlichere Antworten muss man dann weiter ausholen. Denn während deutsche Köche, Autoren, Verlage und Produzenten das Thema Kulinarik bis heute oft als bloße Rezeptsammlung begreifen, haben die Briten früh verstanden: Was den Menschen am Thema Essen am meisten interessiert, ist: der Mensch. Entsprechend atmen selbst mittelmäßige Rezepte in England großartige Lebensgeschichten. Im Kosmos der Foodautoren und Fernsehköche ist jede Nische glaubwürdig besetzt. Und Nigel Slater spielt eine Hauptrolle: den "großen Nostalgiker".

Risotto mit Radicchio, Birne und Blauschimmelkäse

Am Wochenende mal wieder entschleunigen oder wie wir sagen: blubbern lassen. mehr ... Das Rezept

Die einen finden ihn poetisch, andere entschieden zu sentimental

Über seinen Garten im späten September schreibt Slater zum Beispiel: Er "nimmt die Farbe eines Honigkuchens an, mit Safran, hellem Ocker und tiefstem Purpur. Farben wie im Vatikan bei der Andacht. Die verbliebenen Beeren, Äpfel und Pflaumen, nass und fast schon faulig von den letzten Sonnenstrahlen, verleihen ihm einen sanft alkoholischen Duft wie Reste in einem Weinglas. In einer Luft, die nach feuchtem Tabak und Holzrauch riecht, fällt der Garten in den Schlaf."

Die einen finden das poetisch, andere entschieden zu sentimental. Doch unbestreitbar ist, dass Slater mit solchen Sätzen ein Grundbedürfnis berührt. Weil Essen in einer immer schnelleren, immer digitaleren Welt eines der letzten analogen Rückzugsgebiete ist. Es scheint die Sehnsucht nach echtem Erlebnis zu stillen, nach Jahreszeitlichkeit, Vergangenheit, nach frühkindlichen Gerüchen und Geschmäckern, kurzum: nach heiler Welt. Und wenn der 60-Jährige für diese Sehnsucht die wichtigste Stimme ist, dann hat das nicht nur mit dem sanften Tonfall zu tun, mit dem er in seinen Büchern, Fernseh-sendungen oder Zeitungskolumnen über Essen schreibt und spricht, sondern vor allem mit seiner Lebensgeschichte.

Viele Briten waren gerührt, als Slaters Autobiografie erschien. "Toast. The Story of a Boy's Hunger" (vor kurzem auf Deutsch neu aufgelegt: "Toast. Wie ich meine Leidenschaft für das Kochen entdeckte") wurde als "Biografie des Jahres" mit Preisen überhäuft. Sie handelt von einem übersensiblen Jungen, dessen glückliche Kindheit jäh endet, als er mit neun Jahren seine Mutter verliert. Und der sich fortan einen grotesken Back- und Kochwettstreit mit der verhassten Stiefmutter liefert, weil Essen der einzige Weg ist, sich die Zuneigung des distanzierten Vaters zu sichern.