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Oliviero Toscani:Eine Provokation zu viel

Oliviero Toscani ist seinen Job bei Benetton los.

(Foto: AFP)
  • Oliviero Toscani ist seinen Job als Fotograf und Kreativdirektor beim italienischen Modekonzern Benetton los.
  • Toscani hatte sich allzu lapidar zum Brückeneinsturz von Genua geäußert, bei dem 43 Menschen ums Leben gekommen waren.
  • Der kalkulierte Tabubruch bestimmte von Anfang an die Karriere des Mailänder Fotografen.

Es ist ein unrühmliches Ende für den hauptberuflichen Provokateur Oliviero Toscani. Der 77 Jahre alte Fotograf und Kreativdirektor des italienischen Modekonzerns Benetton hatte in einem Radiointerview vor wenigen Tagen über den Brückeneinsturz von Genua mit 43 Toten im August 2018 lapidar gesagt: "Wen kümmert es schon, wenn eine Brücke einstürzt." Zuvor hatte ihn der Moderator gebeten, sich zu einem Foto zu äußern, welches Toscani neben dem Präsidenten der Firmen-Gruppe, Luciano Benetton, zeigt.

Die Familie Benetton kontrolliert über eine Holding das Unternehmen Autostrade per l'Italia, welches auch für die Wartung der während eines Unwetters teileingestürzten Morandi-Brücke verantwortlich war. Da half es auch nicht, dass sich Toscani in den Stunden danach immer wieder und wieder entschuldigte. Um die alte Debatte über das milliardenschwere Unternehmen sowie den desolaten Zustand italienischer Autobahnen nicht erneut aufflammen zu lassen, distanzierte sich die Benetton-Gruppe von ihm sofort "auf das Schärfste". Es sei "unmöglich, die Zusammenarbeit fortzusetzen". Und man erneuerte die "aufrichtige Anteilnahme" für alle Opfer und ihre Familien.

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Nicht, dass Toscanis Provokation überraschend gekommen wäre. Der kalkulierte Tabubruch bestimmte von Anfang an die Karriere des Mailänder Fotografen. Schon 1983, als Benetton erstmals mit Toscanis polarisierenden Bildern warb, oftmals waren es Pressefotos, war es für die damalige, internetlose Gesellschaft ein Skandal. Eine jugendliche Kleidermarke, die vor dem Dorfbahnhof großformatig mit verstörenden und offenbar irgendwie politischen Motiven auf sich aufmerksam macht? Was sollte das? Mal stillte auf Benetton-Plakaten und -Anzeigen eine schwarze Mutter ein weißes Baby. Dann sah man dort einen an Aids erkrankten Patienten kurz vor seinem Tod. Schließlich küsste eine Nonne einen Priester und in einem blutverschmierten Hemd eines im Bosnienkrieg gefallenen Soldaten war noch das Einschussloch zu sehen.

Überfüllte Flüchtlingsboote, die Leiche eines Mafioso - die einen begannen genau deshalb Benetton-Sweatshirts zu kaufen. Andere verweigerten sich der Marke, da sie das visuelle Werbegetrommel einfach widerwärtig fanden. Gesprochen wurde aber über Benetton. Weltweit.

Toscani selbst sah sich im Geiste eines weiteren Provokateurs: Andy Warhol, den er in New York einmal kennenlernen durfte. Kritik schien an ihm abzuprallen, etwa, wenn es um Bilder von zum Tode verurteilten US-Amerikanern oder magersüchtigen Models ging. Voyeurismus, das war ein wichtiger Teil seiner kommerzgesteuerten Gesellschaftskritik. Der Modekonzern förderte den Künstler jahrelang - die von Toscani entwickelte Imagekampagne "All the colours of the world" hatte die Marke in den Achtzigern weltweit bekannt gemacht. Als sich im Jahr 2000 dann der Benetton-Patriarch mit Toscani überwarf, verließ dieser zwar das Unternehmen, vor drei Jahren aber holte ihn der heute 84-jährige Luciano Benetton noch einmal zurück.

Der Satz über die Morandi-Brücke lässt sich nun nicht mehr einfangen. Obwohl der Zorn der Italiener eigentlich die Benetton-Familie selbst und ihre offenbar am Gemeinwohl jahrelang vorbeiinvestierten Millionen trifft. Die Trennung von Toscani soll ein Zeichen sein. Nach dem Motto: Wir haben aus dem schrecklichen Drama gelernt. Für uns war Genua nicht irgendein Brückeneinsturz.

Was bleibt, ist zumindest die von Toscani designte Idee von einer bunten, oft sehr grausamen Welt, für die jeder Einzelne Verantwortung übernehmen sollte. In den Achtzigerjahren reichte das noch, um der Dorfjugend ein gutes Gefühl zu geben. So hatte sie die Möglichkeit, sich von den Trägern teurer Krokodil-Hemden zu distanzieren.

© SZ/mkoh
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