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Atemschutzmasken:Mundgerecht mondän - und ein gutes Geschäft

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"Accessoire für die nächste Generation": So wirbt Airinum mit seinen Masken.

(Foto: Airinum)

Atemschutzmasken helfen gegen Pollen, Feinstaub und Smog. Inzwischen müssen sie auch noch gut aussehen - Smog Couture eben.

Wenn Naomi Campbell ins Flugzeug steigt, gehören zu ihren ständigen Begleitern: Einweghandschuhe, Desinfektionstücher, Mundschutz. "Fly safe", mahnte das Model Mitte Juli auf Twitter und führte vor, wie sie sich seit Jahren vor Erkältungen schützt - was bei gewöhnlichen Flugpassagieren für Verwunderung sorgte und im Netz für Häme. Mit schwarzer Gesichtsmaske sah man Anfang 2019 auch Sängerin Ariana Grande, als sie in Overknees und riesiger Fendi-Jacke durch New York stiefelte, farblich natürlich alles perfekt abgestimmt.

In vielen asiatischen Ländern kommt die "courtesy mask" zum Einsatz, wenn man höflich zu vermeiden versucht, andere mit seiner Erkältung anzustecken. Daran erinnerte sich wohl auch Ariana Grande, die sich zu der Zeit von einer Bronchitis erholte. Prominentestes Beispiel für die Maskenhaftigkeit des Seins war jedoch Michael Jackson, bei dem man nie sicher sein konnte, ob er sich vor Grippeviren schützen wollte oder doch eher vor den Blicken der Weltöffentlichkeit.

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Mit dem Rauchen von Zigaretten kann man aufhören. Mit dem Atmen aber nicht

Mal abgesehen von besorgten Models, höflichen Sängerinnen und rätselhaften Popstars: Die Gesichtsmaske ist tatsächlich auf dem Vormarsch. Und nicht nur in asiatischen Smog-Metropolen, sondern auch auf den internationalen Laufstegen. Das Streetwear-Label Supreme, das jeden Alltagsgegenstand mit seinem Namenszug versieht, bedruckte eine Maske mit seinem Logo auf Arabisch. Gucci-Kreativchef Alessandro Michele stattete seine Models bei der Schau für Herbst/Winter ebenfalls mit Mundbedeckung aus. Die französische Designerin Marine Serre, die ihre Kleider aus recycelten Materialien fertigt, stellte ihre Schau ins Zeichen der Apokalypse und zeigte eine Variante in grün-schwarzem Karo. Smog Couture eben.

Auf chinesischen Laufstegen hatte man Ähnliches schon fünf Jahre zuvor gesehen: Für die Beijing Fashion Week entwarf der Modemacher Yin Peng 2014 in kühner Voraussicht den farblich passenden Mundschutz zum jeweiligen Outfit. Ein Jahr später ließ China aufgrund des Smogs dann schon erstmals Schulen räumen und Straßen sperren.

Da offenbarte sich der ursprüngliche Sinn der Masken: Keineswegs sind sie als modischer Gag gedacht, auch nicht als Abwehrmittel gegen ein paar Viren. Sie schützen in erster Linie vor schlechter Luft. Laut der Weltgesundheitsorganisation sterben jedes Jahr etwa 4,2 Millionen Menschen an den Folgen von Luftverschmutzung. Schadstoffe, die in die Atemwege gelangen, sind verantwortlich für viele Herz-Kreislauf- und Lungenerkrankungen und gelten als ähnlich großer Risikofaktor wie Bluthochdruck, Diabetes, Übergewicht und Rauchen. Mit dem Unterschied, dass man mit dem Rauchen von Zigaretten aufhören kann. Mit dem Atmen aber nicht.

Gesichtsmasken sind primär für Menschen gedacht, die akut unter dem beißenden Rauch von Waldbränden leiden oder dem feinen Ruß eines aktiven Vulkans, für Pollenallergiker oder all jene, die in verschmutzten Metropolen täglich mit Smog und Feinstaub zu kämpfen haben. Ob sie auch in Hamburg-Altona oder Berlin-Mitte vonnöten sind, bleibt am Ende dem Hysteriepotenzial des Einzelnen überlassen.

Wer durchaus glaubt, sich wappnen zu müssen: Der einfache Überzug aus der Apotheke oder dem Baumarkt bietet keinen ausreichenden Schutz gegen Mikropartikel. Deshalb gibt es nun auch Spezialmasken, die selbst Feinstaubteilchen mit einem Durchmesser von weniger als 2,5 Mikrometer abhalten sollen. Sie bestehen aus mehreren Schichten von Filtern und verfügen über Ventile, damit das Atmen problemlos möglich ist. Viele sind ausgestattet mit einem sogenannten Memory Foam, der sich die Form des Gesichts "merkt" und sich schwer abzudeckenden Gesichtspartien wie der Nase anpasst. Einige Anbieter liefern sogar noch eine App dazu, die Auskunft über die momentane Luftqualität gibt.

"Warum atmet ihr schmutzige Luft?", fragen die Anbieter. Angst verkauft sich eben gut

Das alles hilft natürlich nichts, wenn die Maske doch nicht getragen wird, weil sie potthässlich ist. Das kalifornische Unternehmen Vogmask bedruckt seine Modelle darum mit Blumen, Bienen oder Paisley-Mustern, während die Masken von Airinum aus Schweden oder die von Freka aus London etwas martialischer in gedecktem Schwarz, Grau, Blau daherkommen. Airpop aus China setzt auf knalliges Gelb, Pink, Türkis, und die Version von R-Pur aus Frankreich erinnert an das Visier von Motocross-Fahrern, zum Teil versehen mit Luftschlitzen in Form von kleinen Ankern. Es gibt Varianten für Kinder, Motorradfahrer, Sportler und für unterwegs im praktischen Taschenformat. Preislich liegen sie zwischen 30 und 133 Euro.

Angst verkauft sich gut, das wissen die Hersteller, die mit Slogans werben wie: "Ihr esst kein vergammeltes Essen und trinkt kein verseuchtes Wasser. Warum atmet ihr dann schmutzige Luft?" Radikalität verkauft sich auch gut, das wissen die Designer, die Models mit Atemmasken auf den Laufsteg schicken und sich damit einen schön ökokriegerischen Anstrich geben. Und Neurosen verkaufen sich ebenfalls gut, das weiß Naomi Campbell. "Mir ist egal, was die Leute von mir denken", teilte sie all denen mit, die sie kopfschüttelnd beim Desinfizieren der First Class beobachteten - und landete direkt in den News.

Ariana Grande hätte man hingegen geraten: Statt mit Bronchitis und Maske durch New York zu laufen, wäre sie besser mal im Bett geblieben.