19. Mai 2016, 10:40 Entfernbare Tätowierungen Tattoos sind nichts für Unentschlossene

Herz auf der Hand, Drache auf dem Schulterblatt - viele scheuen die lebenslängliche Entscheidung zum Tattoo. Jetzt gibt es Methoden, es unverbindlich zu testen. Ein Plädoyer für Entschlossenheit.

Von Violetta Simon

Wenn es um lebenslange Beziehungen geht, sind viele von uns eher skeptisch. Das gilt für den Partner wie für andere Dinge, zu denen wir uns für immer bekennen sollen - Tattoos zum Beispiel. Auch wenn die Körperverzierungen schon ein gewohnter Anblick sind, schrecken noch immer viele Menschen vor der unwiderruflichen Entscheidung zurück. Wer weiß schon, ob wir uns auch noch in 30 Jahren mit dem Zwergpony auf der Brust oder der Manga-Figur auf dem Bizeps identifizieren können?

Dank verschiedener Apps sind Tattoos heute kein so großes Wagnis mehr: Auf dem Smartphone lässt sich vorab überprüfen, wie sich das Tintenbild an der auserwählten Körperstelle macht. Vor ein paar Jahren wurde bereits in Kiew eine erste spezielle App dafür entwickelt, die allerdings noch ausbaufähig war. Nun hat ein Team der Wassyl-Karasin-Universität im ukrainischen Charkiw eine solche Anwendung für Unentschlossene optimiert.

Die App namens "Ink Hunter" ermöglicht es dem Nutzer, Motive hochzuladen und per Handykamera auf die Stelle zu platzieren, die tätowiert werden soll. Der Nutzer kann durch einen Blick auf sein Display einen Eindruck davon bekommen, wie eine Eule, ein Leuchtturm oder eine Glühbirne auf seinem Handgelenk, der Schulter oder der Pobacke aussehen könnte. Wenn gewünscht, wird das Bild über eine Sharing-Funktion für eine kleine Meinungsumfrage mit Freunden geteilt. Auf Instagram postet die Community begeistert die ersten Experimente. Der Nachteil: Man muss sich mit der Auswahl an Motiven zufrieden geben, die Ink Hunter im Angebot hat.

An einer alternativen Möglichkeit wird gerade in New York gearbeitet: Wie das Studenten-Portal Washington Square News berichtet, sind Studenten und Absolventen der New York University dabei, eine neuartige Tattoo-Tinte zu entwickeln, die nur ein oder zwei Jahre hält - und sogar vorzeitig entfernt werden kann.

Zeitlich begrenzte Methoden gab es bisher nur in Form von Hennafarben oder Jagua-Gel, die beide aus Pflanzenfarbe bestehen. Sie werden auf die Haut aufgetragen und halten mehrere Wochen. Die Tinte namens Ephemeral (engl. "kurzlebig") wird hingegen unter die Epidermis injiziert, lässt sich aber mit einer bestimmten Substanz wieder auslöschen, also einer Art Tintenkiller fürs Tattoo. So bleiben, im Gegensatz zur Lasermethode, keine Narben zurück.

Seung Shin, CEO von Ephemeraltattoos, hofft nun auf den großen Erfolg: "In den kommenden fünf Jahren werden wir hoffentlich die Tattoo-Industrie nachhaltig verändert haben, ihre Kultur und ihre Zukunft." Die entfernbare Tinte, da ist Shin sicher, werde potenziellen Kunden die Angst vor der lebenslangen Verbindlichkeit nehmen - und Tattoo-Shops einen enormen Kundenzuwachs einbringen.

Bleibt die Frage, ob eine Tätowierung, wenn sie nach Belieben getestet, aufgetragen und entfernt werden kann, noch dasselbe bedeutet wie früher. Schließlich waren sie einst aus gutem Grund nur auf den Körpern von Matrosen und Gefängnisinsassen zu finden, galten als Symbol für Unangepasstheit und Individualismus. Vielleicht sollten Leute, die sich ein Rückgabeticket besorgen, bevor sie sich die Tinte unter die Haut jagen lassen, es lieber gleich bleiben lassen.

Sind die neuen Kunden der Tattoo-Shops nurmehr eine Schar von Feiglingen und Unentschlossenen, die keine Verantwortung für ihr Tun übernehmen wollen? Sind Tattoos jetzt ein Symbol für Fähnchen im Wind, für eine Generation von Opportunisten, die sich jeder Situation anpassen und jede Gegebenheit nutzen, um sich neu zu gestalten? Heute noch Obama auf dem Oberarm, morgen schon Trump auf dem Trizeps. Gestern noch ein Burger auf der Brust, heute schon ein fluffiges "Vegan for Life!" auf dem Solarplexus.

Fähnchen im Wind

Zugegeben, das Arschgeweih wäre uns trotz Ink-Hunter-App und Ephemeral-Zaubertinte auch so nicht erspart geblieben - schließlich entsprach das Motiv über dem Po einmal dem Zeitgeist. Doch wäre ein Großteil dieser ausladenden Nieren-Deko heute längst wieder gelöscht und damit aus unserem Blickfeld verschwunden. Die Haut wäre frei für neue Motive - und das ist es doch, was wir heute wollen: jederzeit frei sein für neue Wege, Entscheidungen widerrufen, nur nicht festlegen.

Eine echte Tätowierung muss unter die Haut gehen und dort bleiben. Sie ist etwas für Menschen, die die Bedeutung von Nachhaltigkeit und Verbindlichkeit kennen. Menschen, die wissen, wer sie sind. Ephemeral-Tattoos sind aus jener Zaubertinte gestochen, die gegenwärtig unseren Lifestyle bestimmt, gemäß dem Motto "Ich mache mir die Welt wiedewiedewie sie mir gefällt." Pippi Langstrumpf durfte zum Glück immer Kind bleiben. Aber sie lebt im Takkatukkaland. Wir nicht.

Tattoo "Von hinten bin ich Hirsch" Bilder
Protokolle

Arschgeweih-Protokolle

"Von hinten bin ich Hirsch"

Tribals auf dem Steißbein waren sexy - bis sich die halbe Nation darüber lustig machte. Was hat junge Frauen in den Neunzigerjahren zum Arschgeweih bewegt? Und wie trägt man das heute?