Zehn Zylinder der Formel 1:Am Ende noch ein Tränchen

Michael Schumacher verabschiedet sich endgültig aus der Formel 1 - Timo Glock braucht damit einen neuen Schachpartner. Auch Lewis Hamilton und Felipe Massa heulen um die Wette. Und Weltmeister Sebastian Vettel will Ayrton Senna auf dem Friedhof besuchen. Die Höhepunkte des Formel-1-Wochenendes.

Elmar Brümmer, São Paulo

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Zehn Zylinder der Formel 1:Sebastian Vettel

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Quelle: AFP

Michael Schumacher verabschiedet sich endgültig aus der Formel 1 - Timo Glock braucht damit einen neuen Schachpartner. Auch Lewis Hamilton und Felipe Massa heulen um die Wette. Und Weltmeister Sebastian Vettel will Ayrton Senna auf dem Friedhof besuchen. Die Höhepunkte des Formel-1-Wochenendes.

Von Elmar Brümmer, São Paulo

Sebastian Vettel: Die Frage der Ära ist entschieden. Der jüngste Dreifach-Champion der Formel 1, einer von nur drei Hattrick-Weltmeistern überhaupt, kommt von der Bergstraße. Platz sechs im Finale von Brasilien reicht ihm, nach einer verrückten Aufholjagd und Zwischenfällen für eine ganze Saison. Die Frage der Ehre beantwortet er auch, nachdem ihn die Stallorder bei Herausforderer Ferrari - freundlich ausgedrückt - ziemlich genervt hat: "In gewisser Weise bin ich so erzogen worden: Lügen haben kürze Beine, ehrlich währt am längsten. Wir haben uns die Treue gehalten, sind unseren Weg gegangen und haben uns nicht einschüchtern lassen." Nach nur 101 Rennen und auf höchst dramatische Art Mitglied in der Champions League zu sein: "Da bleibt einem erst mal der Atem weg."

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Zehn Zylinder der Formel 1:Bruno Senna

Sebastian Vettel

Quelle: AP

Bruno Senna: Wird in die Renngeschichte von Brasilien als derjenige eingehen, der Sebastian Vettel in der ersten Runde zum Geisterfahrer gemacht hat. Vettel konnte hinterher, als Champion, über den Zusammenprall fast wieder schmunzeln: "Ich muss mal Ayrton Senna auf dem Friedhof besuchen, und ihm sagen, was sein Neffe so treibt." Es könnte Brunos letztes Problemrennen gewesen sein, Williams will ihn gegen den Finnen Valtteri Bottas tauschen. Das will was heißen, denn Senna bringt sogar Sponsorgeld mit. Und der Verkehr im Moloch São Paulo müsste eigentlich die beste Nachwuchsförderung für die Formel 1 sein. Immer dann, wenn sich auf den Zufahrtsstraßen nach Interlagos ein Verkehrsteilnehmer schusselig anstellte, lachte der Taxifahrer nicht über Massa, sondern rief: "Barrichello!"

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Zehn Zylinder der Formel 1:Nico Hülkenberg

Formel 1 - GP Brasilien

Quelle: dpa

Nico Hülkenberg: 30 Runden lang ein Rennen wie dieses anzuführen, dazu in einem Force India, das gibt ein Sternchen fürs Ego. Kein Wunder, buhlten Ferrari und McLaren um die Dienste des 25-Jährigen vom Niederrhein. Er geht aber zum Schweizer Sauber-Team, und sein Nachfolger bei den Indern könnte jetzt - ausgerechnet - Vorgänger Adrian Sutil werden. Somit war es eine gelungene Abschiedsvorstellung, obwohl "Hulk" im Zuge einer Überrundung den Spitzenreiter Lewis Hamilton abräumte und dafür noch eine Boxendurchfahrtstrafe kassierte. Ihm bleibt der fünfte Platz zur Erinnerung, ein respektables Abschiedsgeschenk. Interlagos und Hülkenberg, da war doch was: Damals schaffte er in seinem Debütjahr mit einem Williams unter ähnlichen Bedingungen eine sensationelle Pole-Position. Auch ein Rain Main.

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Zehn Zylinder der Formel 1:Fernando Alonso

Fernando Alonso

Quelle: AP

Fernando Alonso: Der Samurai, den der Fast-Weltmeister von São Paulo sich im Sommer schulterblattfüllend hat tätowieren lassen, hat zwar ein Schwert in der Hand, aber er hockt bloß vor einem Baumstamm. Daraus zu schließen, dass der Ferrari-Pilot ein Sitzenbleiber ist, wäre übertrieben unzulässig, auch wenn er zum zweiten Mal in einem Drama-Finale gegen Vettel Zweiter bleibt. Zur Wiedergutmachung ernennen wir den kämpfenden Asturier zum dreifachen Twitter-Champion der Formel-1-Saison. Und geben noch einmal die kriegerische Weisheit zum Besten, mit der er nach Interlagos gezogen war: "Wir können nicht umkehren. Wir kämpfen lieber, als dass wir die Ehre verlieren, weil wir nicht gekämpft haben." Eine Ehre, die Sebastian Vettel übrigens stark bezweifelt.

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Zehn Zylinder der Formel 1:Lewis Hamilton

F1 Grand Prix of Brazil

Quelle: Getty Images

Lewis Hamilton: Er wäre gern der King der Königsklasse, ist aber ganz sicher die Drama-Queen (wenn da mal nicht seine Nicole Scherzinger eifersüchtig wird). Lewis Hamilton, WM-Vierter, hat sich vor den laufenden BBC-Kameras tränenreich vom McLaren-Team verabschiedet - im Rennen besorgte das ein Rammstoß von Nico Hülkenberg. Keine Häme, da hat einer seine Renn-Familie verlassen. Das einzige Team, für das der 27-Jährige je gefahren ist. Er wurde zum Klon von Team-Prinzipal Ron Dennis, und Weltmeister 2008. Mit dem Ziehvater, einem Kontrollfreak, hat er sich verkracht, mit seinem echten Papa, Anthony, dafür wieder versöhnt. Künftig wird er Michael Schumachers Nachfolger im Mercedes. Er wird ja wohl nicht deshalb geheult haben?

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Zehn Zylinder der Formel 1:Felipe Massa

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Quelle: AFP

Felipe Massa: So schön und ergreifend wie der Brasilianer kriegt das mit den Tränen nicht mal der erwähnte Hamilton hin. Und das, obwohl ja genug Wasser geflossen war im Autodromo Carlos Pace. Aber Felipe Massa, mehr Prügelknabe das ganze Jahr bei Ferrari gewesen als Steigbügelhalter für Fernando Alonso, hat in seiner Heimatstadt als Dritter im Kapriolen-Grand-Prix vermutlich das Rennen seines Lebens gefahren. Wie 2008, als er in der letzten Kurve den sicher geglaubten Titel verlor. Seither fährt in jeder Runde das Mitleid mit, und selbst wenn der 31-Jährige zornig ist, sieht er dabei noch zum Knuddeln aus. Was Nelson Piquet, Moderator der Siegerehrung, auch getan hat, als Felipe öffentlich schmollte. Aber Piquet darf das, der ist nämlich dreifacher Weltmeister. So eine Art Samba-Vettel also.

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Zehn Zylinder der Formel 1:Die Lichtmaschine

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Quelle: AFP

Die Lichtmaschine: Dann ist Italien ja doch noch Weltmeister geworden in der Formel 1, jedenfalls ein kleiner Teil davon. Ein ziemlich heißes sogar: die Lichtmaschine, Codeword: Lima. Denn die steckt im Heck der Red-Bull-Rennwagen, kommt aber vom Spezial-Lieferanten Magneti Marelli. Firmensitz: Corbetta bei Mailand. Jetzt bloß keine Witze über südländische Autowerkstätten. Aber der Stromerzeuger war nach diversen Unzuverlässigkeiten eine größere Sorge für Vettel als der gegnerische Ferrari. Aber bei der Wahl zwischen zwei Varianten hat sich Red Bull instinktiv für die von Vettel bevorzugte entschieden: "Die, die hält." Sorgen musste man sich eher um den lädierten Auspuff machen. Ganz Italien darf jetzt behaupten: Wir sind Lichtmaschine.

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Zehn Zylinder der Formel 1:Michael Schumacher

Mercedes Formula One driver Schumacher gestures during a photo call before the Brazilian F1 Grand Prix at Interlagos circuit in Sao Paulo

Quelle: REUTERS

Michael Schumacher: Der Formel 1 geht der rote Punkt verloren, vielleicht sogar der rote Faden. Und das nicht, weil sich Ferrari so verheddert hat in den Finalwirren von São Paulo. Rot, so ist der Helm von Michael Schumacher, auch wenn er jetzt drei Jahre in Silber hinter sich hat. Nach 308 Rennen ist Schluss, mit einem versöhnenden siebten Platz. Der entspricht in etwa dem, was als Faustformel für das Comeback gelten darf: Auch ein Rekordweltmeister kann immer nur so gut sein wie sein Rennwagen. Transparente aus aller Welt säumten die Abschiedsfahrt. Und Schumacher, der froh ist, dass alles vorbei ist, schrieb eine Botschaft zurück. Wie es so seine Art ist, eine rasende, in dezenten Lettern auf seinem Helm: "Im Leben geht es um Leidenschaften - Danke, dass Ihr meine geteilt habt." Und verdrückte ein Tränchen. Ende Legende.

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Zehn Zylinder der Formel 1:Timo Glock

Formel 1 - GP Brasilien

Quelle: dpa

Timo Glock: Jetzt, wo Schluss ist, jetzt, wo der zweite Hesse in der Formel 1 den größtmöglichen Erfolg mit seinem Marussia-Rennstall erreicht hat (Platz zehn in der Konstrukteursweltmeisterschaft, was eine zweistellige Millionensumme wert ist), jetzt fangen die Probleme für Timo Glock an. "Mit dem Rücktritt von Michael Schumacher verliere ich meinen stärksten Schachpartner." Was das Zocken für die Fußballprofis, ist das Spiel mit Königsfiguren für viele Rennfahrer. Weil es um die Schnelligkeit im Kopf geht. Glock, Plattfußopfer in Interlagos, hat schon ein neues Bauernopfer im Auge, ein ziemlich prominentes: "Dann muss eben der Sebastian herhalten." Den Champion muss er allerdings zunächst umschulen, den Vettel spielt am liebsten Backgammon - und das auch vorzugsweise noch mit Bernie Ecclestone.

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Zehn Zylinder der Formel 1:Kimi Räikkönen

Kimi Raikkonen

Quelle: AP

Kimi Räikkönen: Der Iceman ist nicht nur zurück, er bleibt der Formel 1 jetzt auch erhalten. Sein Lotus-Team findet der letzte Ferrari-Weltmeister aber erst wieder so richtig cool, seit ihm sein Gehalt komplett bezahlt wurde. Nach zwei Jahren Pause gewann er das drittletzte Rennen, aber nicht nur auf der Strecke war der Finne schnell wieder in alter Form. Anweisungen aus der Box ignoriert er beim ersten Mal, beim zweiten folgt ein: "Lasst mich in Ruhe, ich weiß, was ich tue." Das Ehrenpünktchen im Wasser von Interlagos interessiert ihn prinzipiell nicht: "Ich fahre nur, um zu gewinnen." Er ist WM-Dritter, und einziger Fahrer, der in allen 20 WM-Läufen in die Wertung kam. Sollte er das feiern, dann gilt: "Das Team ist froh, wenn ich zum nächsten Rennen wieder da bin." Na dann bis zum 17. März in Melbourne.

© Süddeutsche.de/ebc
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