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Würzburger Kickers:Wer nicht halten will, muss fühlen

v.li.: Trainer Marco Antwerpen (FC Würzburger Kickers), Fabian Giefer (FC Würzburger Kickers), Ridge Munsy (FC Würzburge; Marco Antwerpen Fabian Giefer Würzburger Kickers

Im Zentrum der Debatte: Kickers-Trainer Marco Antwerpen (l.) bemängelte die Leistung seines Torwarts Fabian Giefer am Sonntag.

(Foto: Scheuring/Imago)

Trainer Antwerpen löst nach der Niederlage gegen Bochum eine Torwartdebatte aus.

Von Sebastian Leisgang

Nein, es war wirklich kein besonders angenehmer Nachmittag, den Marco Antwerpen da erlebte. Erst wagte es sein Mittelfeldspieler Florian Flecker allen Ernstes nicht in Höchstgeschwindigkeit zur Ersatzbank zu sprinten, um sich einwechseln zu lassen; später, als Antwerpens Mannschaft das Spiel 2:3 verloren hatte, da hatte Bochums Trainer Thomas Reis nichts Besseres zu tun, als den Spielaufbau der Würzburger Kickers "manchmal ein bisschen risikobehaftet" zu nennen. Und dann, als alles längst gesagt war, da stellten die Journalisten Antwerpen auch noch provokante Fragen, indem sie wissen wollten, warum es seiner Mannschaft partout nicht gelinge, die Abwehrprobleme in den Griff zu bekommen, und ob es überhaupt etwas gebe, was im Abstiegskampf Mut mache.

Flecker, Reis und die Journalisten: All das sollte man im Hinterkopf haben, wenn man mit etwas Abstand einordnen will, was Antwerpen, 49, nach dem Spiel gesagt hat. Es waren ja durchaus scharfe Worte, die der Trainer der Kickers wählte. Worte, die selbst im geruhsamen Würzburg noch ein paar Tage nachhallen dürften.

Bevor Antwerpen auf der Pressekonferenz also klarstellte, dass mit solch einem Abwehrverhalten kein einziges Spiel zu gewinnen sei, da bezeichnete er das dritte Gegentor des Nachmittags, dem ein "Stellungsfehler von Douglas" vorausgegangen sei, als "die Krönung". Dann knöpfte er sich Fabian Giefer vor und kommentierte dessen Fehler vor dem 1:1 mit den Worten: "Dem Torwart ist noch nie gesagt worden, dass er diesen Ball ins Zentrum werfen soll." Im Gegenteil. Er, Antwerpen, habe seinen Spielern vorgegeben, "wie wir den Ball aus unserem Drittel ins Mittelfeld transportieren wollen". Giefer habe sich aber für einen anderen Weg entschieden, und deshalb stelle sich jetzt eben die Frage, so Antwerpen: "Hat der Spieler sich für die nächste Aufgabe in Heidenheim empfohlen?"

Und damit herzlich Willkommen in einer Torwartdebatte! Natürlich, und das mag tatsächlich der erste Reflex sein, kann man jetzt die Frage stellen, ob die Kickers als Letzter nicht genügend andere Probleme haben und ob es überhaupt zielführend ist, Spieler öffentlich zu kritisieren. Andererseits kann man aber auch diese Meinung vertreten: Nicht die offenen und direkten Worte sind das Problem, sondern all das, was Antwerpen dazu veranlasst, sich offen und direkt zu äußern. In diesem Fall also: Giefers überhasteter Abwurf vor dem ersten Gegentor.

Die Torwartposition ist eine äußerst sensible, die sensibelste überhaupt in einer Mannschaft, alleine schon, weil es sie nur einmal gibt. Das bedeutet auch: Torwartfragen sind Glaubensfragen. Kein Trainer der Welt würde auf die Idee kommen, seinen Torhüter ohne einen konkreten Anlass auszutauschen. Im Fall Giefer aber gibt es nun diesen einen konkreten Anlass. Die Indizienlage legt sogar nahe, sicherheitshalber auch mal Giefers Akte einzusehen und den sachdienlichen Hinweisen aus Düsseldorf nachzugehen.

Auch wenn Antwerpen beim ersten Auswärtsspiel dieser Saison noch nicht im Amt war, so dürfte er jetzt auch diese Bilder vor Augen haben: wie Giefer den Ball bei einer flachen Flanke nach vorne abwehrt, bevor ihn Dawid Kownacki ins Würzburger Tor schießt. Es war Giefers erster und bis zum Bochum-Spiel einziger Fehler, der ihm im Würzburger Trikot anzulasten war. Ob Antwerpen das aber genügt, um Giefer ungestraft davonkommen und Hendrik Bonmann auf der Bank sitzen zu lassen?

Man kann die Sache ja auch so sehen: Giefer, 30, sind in dieser noch immer jungen Saison schon zwei folgenschwere Fehler unterlaufen. Zwei Fehler, die den Blick noch einmal auf den Sommer lenken. Schon damals gab es kritische Stimmen, weil die Kickers in Vincent Müller ihren Aufstiegstorwart in Richtung PSV Eindhoven ziehen ließen. Müller, 20, ist ein derart junger Torwart und ein derart großes Talent, dass ihm die Zukunft im Würzburger Tor hätte gehören können. Die Verantwortlichen aber entschieden sich, auf der sensibelsten Position auf Erfahrung zu setzen.

Und was haben sie jetzt davon? Eine Torwartdebatte. Manchmal, auch das sei noch festgehalten, kommen Trainer übrigens doch auf die Idee, den Torhüter auszutauschen, ohne dass sich dieser einen Fehler geleistet hat. Als Anlass genügt dann schon, dass einer Mannschaft im Abstiegskampf ein sogenannter Impuls guttun würde. Praktisch für die Kickers: Im Abstiegskampf befinden sie sich ja in diesen Tagen ohnehin.

© SZ vom 03.11.2020
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