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Würzburger Kickers:Blick auf den Boden

v li Patrick Breitkreuz FC Würzburger Kickers Orhan Ademi FC Würzburger Kickers Daniel Hägel

Rückkehr der Torschusspanik: Orhan Ademi (links), Daniel Hägele und ihre Würzburger Kollegen brachten den Ball allen Bemühungen zum Trotz nicht ins Rostocker Tor.

(Foto: Meike Kreidler/imago)

Trainer Michael Schiele führt das 0:2 gegen Rostock auf mangelnde Effektivität zurück.

Simon Skarlatidis versuchte es noch einmal. Ein letztes Mal, bevor er zehn Minuten später den Platz verließ. Von der Strafraumlinie trat er den Ball aufs Rostocker Tor, doch Ioannis Gelios fing ihn und reckte ihn dann einhändig, einem Pokal gleich, in den strahlenden Würzburger Nachmittagshimmel. Die Trophäe schimmerte im Licht der Sonne, und den Kickers dürfte in diesem Augenblick gedämmert haben, dass an diesem Tag nichts zu gewinnen sein würde.

Als das Spiel der Vergangenheit angehörte, das 0:2 gegen Hansa besiegelt war und Würzburgs Trainer Michael Schiele bei der Pressekonferenz vor den Journalisten saß, starrte er in die Runde, während sein Gegenüber Jens Härtel seine Analyse vortrug. Schiele wirkte gedankenverloren. Wer ihn beobachtete, konnte zumindest in diesem Augenblick auf die Idee kommen, er, Schiele, sei ganz bei Bill Shankly, dem Trainer des FC Liverpool, der einst sagte, Fußball sei für einige Leute eine Sache von Leben und Tod. Er aber möge diese Einstellung nicht - es sei schließlich weitaus ernster.

Nach drei Siegen in Serie hegte Schiele die Hoffnung, ins erste Drittel der Drittliga-Tabelle vorzustoßen und sich dem Aufstiegs-Relegationsplatz auf sechs Punkte zu nähern. Nun aber musste er einräumen, geschafft und betrübt wie er war, den Reißverschluss der schwarzen Trainingsjacke bis unters Kinn hochgezogen: "Die Effektivität war heute beim Gegner."

Michael Schiele, 40, ist ein Trainer, für den der Sinn des Spiels darin besteht, ein Tor mehr zu schießen als der Gegner. Dagegen ist nichts einzuwenden, zumal der Sinn des Spiels für seinen Vorvorgänger Bernd Hollerbach eher darin bestand, ein Tor weniger zu kassieren als der Gegner. Seit Schiele die Kickers anführt, ist die Zeit der zähen Kampfszenen auf dem Dallenberg vorüber. Seitdem ist allerdings das Thema Effektivität ein großes. Nach den drei Siegen nach der Winterpause schien es, als hätte die Mannschaft ihre Torschusspanik in den Griff bekommen, das Spiel gegen Rostock widerlegte diesen Eindruck aber zumindest vorerst.

"Wir waren nah dran", sagte Defensivspieler Daniel Hägele nach der Partie, "wir haben es probiert. Wenn er reingeht, schaffen wir es vielleicht noch, die Partie zu drehen." So aber hatten die beiden frühen Rostocker Tore bis zum Schluss Bestand. Schiele hatte bestimmt nicht erwartet, dass es immerzu weitergeht mit all den Siegen. Dass die Serie gegen Rostock aber ein derart jähes Ende finden würde, noch dazu in einem Spiel, in dem seine Mannschaft gewiss nicht die schlechtere war, damit hatte er offenbar auch nicht gerade gerechnet. Als Würzburgs Coach nämlich nach der offiziellen Medienrunde im kleinen Kreis gefragt wurde, welche Erkenntnisse er aus den 90 Minuten ableite, richtete er den Blick auf den Boden und überlegte sekundenlang. Er tat sich merklich schwer mit einer Antwort, dann wiederholte er bloß: "Dass die halt effektiv waren und aus zwei Chancen zwei Tore gemacht haben. Und wir haben mehr Chancen gebraucht." Es war nicht zu übersehen, wie verstimmt Schiele nach dieser Niederlage war.

Schiele hat den Kickers in dieser Spielzeit schon einige Punkte eingebracht. Er hat zwar kein einziges Tor geschossen, in seinen Leistungsdaten ist nicht mal eine Vorlage vermerkt (auch er hat also offenbar so seine Probleme mit der Effektivität) - doch er hat seine Mannschaft mit handwerklichem Geschick schon zweimal aus einer Krise geführt. Ein erstes Mal zu Saisonbeginn, als er die Größe besaß, von seinem sehr bevorzugten System mit einer Dreierkette abzuweichen und vier Abwehrspieler vor Torwart Patrick Drewes zu positionieren. Und ein zweites Mal in der Winterpause, als er entschied, sich von nun an mit deutlicheren Ansagen an seine in Abstiegsnot geratene Mannschaft zu wenden. Nach dem Spiel gegen Rostock musste sich Schiele aber die Frage gefallen lassen, ob er sich dieses Mal nicht verpokert habe mit seiner Aufstellung.

Da Peter Kurzweg und Fabio Kaufmann mit Gelbsperren außen vor waren, war Schiele genötigt, von seiner erfolgreichen Elf abzurücken. Er nahm aber auch noch einen dritten Wechsel vor: Er setzte den zuletzt sehr soliden Dave Gnaase auf die Bank und beorderte Sebastian Schuppan und Phil Ofosu-Ayeh auf ungewohnte Positionen. So verloren die Kickers bereits in der Anfangsphase des Spiels die Ordnung - und damit auch das Spiel selbst. Gerade Ibrahim Hajtic, einer der Neulinge, hatte bei beiden Gegentoren keine gute Figur abgegeben und sich zu Beginn der zweiten Hälfte eine (wenngleich fragwürdige) gelb-rote Karte eingehandelt. Und Schuppan gab bei Magenta Sport zu: "Wir wollten was probieren und Rostock überraschen, das hat gänzlich nicht geklappt."

Leidenschaft, Engagement, Wille: All das war der Mannschaft nicht abzusprechen - doch auch als Skarlatidis ein letztes Mal geschossen hatte, blieb der Versuch ungekrönt. Und Gelios reckte die Trophäe in den Nachmittagshimmel.