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Würzburg:Zeit für die Hauswand

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Im März wurde Denis Wucherer für seine Vertragsverlängerung gefeiert.

(Foto: Heiko Becker/Imago)

Bei den Würzburger Basketballern ist Trainer Wucherer wieder einmal als Aufbauhelfer gefragt - doch eine Frage bleibt

Von Sebastian Leisgang

Das entscheidende Wort des entscheidenden Satzes ist ein eher beiläufiges Wort. Denis Wucherer wiederholt es nicht, der Trainer der Würzburger Basketballer betont es nicht mal, als er sagt: "In diesem Sommer ging es nur darum, irgendwie eine Mannschaft zusammenzustellen, die in der Bundesliga mitspielen kann."

Manchmal muss man auf die kleinen Worte achten, um die Größe eines Satzes zu begreifen, und in diesem Fall lohnt es sich, das "irgendwie" herauszustellen.

In den vergangenen Wochen hat sich Wucherer zig Aufzeichnungen aus Lettland angeschaut, Filmsequenzen aus den Niederlanden, Spielszenen aus Universitätshallen in den USA. Dann besprach er sich mit seinem Assistenten Steven Key und Teammanager Kresimir Loncar, ehe die Recherche begann. Was ist über den Spieler in Erfahrung zu bringen? Wer kennt jemanden, der irgendwo schon mal mit ihm zusammengespielt hat?

"Das war schon ein Kampf", sagt Wucherer, "wir mussten Spieler für uns begeistern, die in Ligen spielen, mit denen ich bislang noch nichts zu tun hatte." Jetzt aber steht das Gerüst des Kaders, und es drängt sich die Frage auf: Kann das gut gehen?

Wucherer, 47, weicht aus. Er habe in den vergangenen Wochen eine Menge Zeit und Energie aufgebracht, sagt Wucherer. Und: "Ich glaube, wir haben ganz gute Arbeit geleistet. Wie zufrieden wir sein können, wird sich aber erst zeigen, wenn wir sehen, wie die anderen Mannschaften aufgestellt sind." Kurze Pause. Dann bemüht Wucherer eine Metapher, um die vergangenen Monate zu beschreiben: "Im März waren wir gerade dabei, das Dach auf unser Haus zu setzen, damit wir dann einziehen können. Dann hat Corona alles eingerissen. Jetzt haben wir immerhin schon mal das Fundament und sind gerade dabei, die Wände hochzuziehen."

Was er meint: In den vergangenen zwei Jahren hat er Spieler entwickelt, eine Mannschaft aufgebaut, sie ins Endspiel des Europe Cups geführt. Der Weg nach oben war vorgezeichnet, doch dann kam Corona, Luke Fischer und Cameron Wells gingen nach Frankreich, Skyler Bowlin zog es in Richtung Griechenland, auch Jordan Hulls verabschiedete sich. "Tolle Typen" seien das gewesen, sagt Wucherer. Aber: "Die Mannschaft ist unvollendet geblieben, das schmerzt und wird immer schmerzen." Er, Wucherer, hatte ja noch eine Menge vor mit den tollen Typen. Er wollte mit ihnen in den Playoffs spielen, für Furore sorgen, angreifen. Das war der Plan. Jetzt aber muss Wucherer den nächsten Neuanfang einleiten. Schon in Gießen hat er gezeigt, dass er das kann: Talente voranbringen, eine Einheit formen, all das, was nun auch in seinem dritten Jahr in Würzburg seine Aufgabe ist. Joshua Obiesie ist noch da, Florian Koch, Felix Hoffmann, Brekkott Chapman. Das ist die Basis. "Und wir haben Spieler geholt, die den nächsten Schritt machen wollen", sagt Wucherer, "sie sind hungrig - das ist das entscheidende Kriterium." Julian Albus und Jonas Weitzel sind in den Bundesliga-Kader aufgerückt, Tayler Persons ist aus den Niederlanden gekommen, Zach Smith aus Lettland, Tyson Ward aus den USA. Sie alle sind jetzt Teil einer tatendurstigen Mannschaft und eines spannenden Projekts, über dem diese eine große Frage steht: Ist es genug? Reicht es für die Bundesliga?

Anfang März war alles noch anders. Würzburg traf auf Bamberg, ein Derby-Abend, tausende Zuschauer, und vor dem Spiel verkündete der Hallensprecher, dass Wucherer seinen Vertrag um zwei Jahre verlängert habe. Die Halle war abgedunkelt, nur ein Scheinwerfer war auf Wucherer gerichtet. Er lächelte, in seinen Wangen taten sich Grübchen auf, dann hob er die rechte Hand und winkte, die Zuschauer klatschten. Es war ein spezieller Moment, ein Moment, in dem die Leute das Gefühl ergriff, dass das erst der Anfang war. Der Anfang von etwas Großem.

Jetzt aber sagt Wucherer: "Die Schere könnte noch weiter aufgehen. Die Großen werden groß bleiben - vielleicht sogar noch größer werden." Andererseits glaubt er auch: "Hinter den Großen könnte sich was verschieben." Sollte er Recht behalten, könnte sich sein Team in Position bringen. Vorausgesetzt es geht nichts schief beim Hausbau.

© SZ vom 30.07.2020

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