bedeckt München 24°

Schach-WM in Sotschi:Er sucht die Entscheidung im direkten Fight

Es gibt in der Schachszene selbst den einen oder anderen Vertreter, der das so sieht. Sie empfinden ihr Spiel als Kunst, als Wissenschaft. Aber in gewisser Weise ist Schach eben auch die Zuspitzung des sportlichen Gedankens. Mensch gegen Mensch, Gehirn gegen Gehirn, Gedanke gegen Gedanke. Die körperlichen Anforderungen sind höher, als es manchmal den Anschein hat, weswegen nicht von ungefähr der topfitte Carlsen, der nebenbei auch Fußball, Basketball und Skifahren betreibt, im Moment noch den WM-Titel innehat. Und vor allem hat Schach das Zufallselement eliminiert: Kein Pfosten kann dem Schuss im Weg stehen, kein abgefälschter Ball, keine falsche Schiedsrichter-Entscheidung.

Auch die besten Spieler bereiten sich am Computer vor

Natürlich hat der Einsatz des Computers dieses Spiel verändert. Zwischen fünf und sieben Stunden dauert eine WM-Partie offiziell, aber in Wahrheit dauert sie viel länger. Schachspieler sind geniale Denker, die am Brett in kurzer Zeit verblüffend oft die beste Lösung finden. Aber öfter als es der normale Zuschauer glaubt, versuchen die Akteure während eines solchen Spiels, "im Buch zu bleiben", wie das in ihrer Sprache so schön heißt. Sie versuchen, die Stellungen aufs Brett zu kriegen, die sie zu Hause mit ihren Assistenten und am Computer vorbereitet haben. Diese Vorbereitung gab es zu Zeiten von Aljechin natürlich auch schon, aber jetzt noch viel intensiver, weil es mit dem Computer einfacher ist.

Schach-WM Weises Gemetzel im Labyrinth Video
Videoanalyse zur Schach-WM

Weises Gemetzel im Labyrinth

Magnus Carlsen pflegt die Zurückhaltung, Viswanathan Anand hat Lust auf Aktion - und dann stehen alle Figuren zu gut für einen Sieger. Die entscheidenden Züge der vierten Partie.

Bisweilen hatte das dann in den vergangenen Jahren die Konsequenz, dass die Partien etwas fader, weil ausanalysiert verliefen. Aber ausgerechnet der junge Carlsen schafft es, den Schachsport wieder ein Stück weit vom Computer wegzubringen. Selbstverständlich nutzt auch er den Rechner - aber nicht so intensiv wie andere, und er baut nicht auf ihn, er sucht die Entscheidung im Endspiel, im direkten Fight. Er ist ein Kämpfer, der in den Momenten brilliert und Wege findet, in denen die Rechner Stellungen als harmlos und als quasi unentschieden werten.

Zum Beispiel die Partie zwei in Sotschi: Carlsen setzt Anand so geschickt unter Druck, dass diesem ein gravierender Fehler unterläuft. Partie drei: Carlsen ist nicht genügend präpariert gegen eine Untervariante des Damengambits, die Anand offenkundig hervorragend mit seinen Sekundanten ausgetüftelt hat. Partie vier: Alles deutet auf ein Remis hin, doch Carlsen probiert es weiter und erkämpft sich sogar einen kleinen Vorsprung, doch diesmal bleibt's beim Remis.

Wenn das in den maximal zwölf Partien bis zum Monatsende in dieser Art weitergeht, dürfte es ein denkwürdiger Monat für den Schachsport werden.