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WM 2010:Der Fußball als Ventil

Fußball hilft, wenn man traditionelle Feinde und alte Wunden hat, die geheilt werden müssen; und sei es nur symbolisch. Amerikaner können das schwer nachvollziehen. Sie sind weder besonders gute Fußballer noch mit großem, historisch bedingtem Hass gestraft. Wie sollten sie das Glücksgefühl der Holländer verstehen, als diese 1988 die Deutschen schlugen, oder das Koreas, wenn es Japan besiegt.

Das vielleicht beste Beispiel für sportlichen Nationalismus war kein Fußballspiel, sondern das Finale der Eishockey-WM 1969, als die Tschechoslowakei die Sowjetunion besiegte; nur ein Jahr nachdem sowjetische Panzer durch Prag gerollt waren. Die tschechischen Spieler zeigten mit ihren Hockeyschlägern auf die Russen, als wären es Gewehre, und zu Hause provozierte ihr Sieg antisowjetische Ausschreitungen.

Es ist also klar: Egal was Coubertin sich erhofft haben mag - Weltoffenheit und Brüderlichkeit liegen dem Menschen naturgemäß ferner als die rohen Emotionen des Stammes. Der Stamm, das kann ein Klub, ein Clan, eine Nation sein. Vor dem Krieg hatten Fußballklubs häufig eine ethnische oder religiöse Komponente: Tottenham Hotspurs in London war "jüdisch", Arsenal "irisch". Überreste davon bleiben: Ajax Amsterdam wird von Gegnern aus der Provinz noch immer als "jüdischer Verein" verspottet. Und die beiden Glasgower Klubs, Celtic und Rangers, sind nach wie vor klar voneinander abgegrenzt: Celtic ist der katholische Klub, Rangers der protestantische.

Das, was zusammenschweißt

Doch bedarf es nicht zwingend einer gemeinsamen Rasse oder Religion. Zu den französischen Fußballhelden, die 1998 die WM gewannen, gehörten Männer afrikanischer Herkunft, und sie waren stolz darauf. Die meisten erfolgreichen modernen Fußballvereine sind so bunt gemischt wie die Figuren in der Benetton-Werbung; ihre Trainer und Spieler stammen aus der ganzen Welt, was aber der Begeisterung der Fans am Ort nicht zu schaden scheint. In einigen Ländern ist der Fußball das Einzige, was ansonsten völlig verschiedene Menschen zusammenschweißt: Schiiten und Sunniten im Irak, Muslime und Christen im Sudan.

Natürlich sind die meisten vernünftigen Menschen ein wenig wie Coubertin. Stammesgefühle sind peinlich - und eine Gefahr, wenn man ihnen freien Lauf lässt. Nach dem Krieg war der Ausdruck nationalistischer Gefühle in Europa praktisch tabu (nicht zuletzt in Deutschland). Wir waren alle gute Europäer geworden, Nationalismus war etwas für Rassisten. Und doch konnten diese Gefühle nicht einfach unterdrückt werden; Koestler hatte ja recht. Sie brauchten ein Ventil, und der Fußball bot dieses.

Das Stadion wurde zu einer Art Reservat, in dem die Tabus des Stammesrauschs und selbst des Rassengegensatzes gelockert werden konnten, wenn auch nur bis zu einem gewissen Punkt: Als die Verhöhnung von Ajax-Fans ("dreckige Juden") in Gewalt ausartete, manchmal begleitet von einem kollektiven Zischen, das den Klang ausströmenden Gases nachahmte, entschieden sich die Behörden zum Eingreifen. Einige Spiele mussten unter Ausschluss der gegnerischen Fans ausgetragen werden.

Doch die Tatsache, dass der Sport primitive Gefühle freisetzen kann, ist kein Grund, ihn zu verdammen. Da man derartige Gefühle nicht einfach wegwünschen kann, ist es besser, ihren ritualisierten Ausdruck zu gestatten; ganz so, wie die Angst vor Tod, Gewalt und Verwesung ihren Ausdruck in der Religion oder im Stierkampf findet. Auch wenn Fußballspiele Gewalt provoziert haben und einmal sogar einen Krieg, erfüllen sie den Zweck, unsere primitiveren Impulse im Zaum zu halten, indem sie sie auf Sport umlenken. Bloß auf Sport. Also möge das beste Team gewinnen. Holland!

Der Niederländer Ian Buruma, 58, ist Professor für Demokratie und Menschenrechte am Bard College in der Nähe von New York. ©Project Syndicate. Übersetzung: Jan Doolan.

© SZ vom 11.06.2010

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