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Wladimir Klitschko:Klitschkos Ego ist angekratzt

Ein Berg im Boxring? Wladimir Klitschko vergleicht sich vor dem Kampf gegen Anthony Joshua mit dem Mount Everest (hier beim Sparring im Londoner Wembley-Stadion)

(Foto: AFP)
  • Wladimir Klitschko brauchte lange, um die Niederlage gegen Tyson Fury zu verarbeiten. Doch der Ukrainer kommt gestärkt zurück.
  • Mit seinem Mantra der "Besessenheit" hat sich Klitschko in physische und mentale Form für den WM-Kampf gebracht.
  • Vor dem Duell mit Anthony Joshua gibt sich der 41-Jährige selbstbewusst, der Altersunterschied zum 27-jährigen Joshua sei kein Problem.

Von Saskia Aleythe, London

Wladimir Klitschko schaut sich gerne um, während er seine Reden formuliert, und es ist, als breche er dann aus seinem langen und ernsten Starren aus. Klitschko lässt den Blick über die Zuhörer schweifen, es blitzt ein bisschen in seinen Augen, seine Lippen zucken schon süffisant, in Vorfreude auf die Reaktion des Publikums. Vor ein paar Monaten, Klitschko saß in New York, um den Kampf gegen Anthony Joshua zu bewerben, legte er los mit einer Anekdote, die ihn recht eindrücklich geprägt hat. "Dead man walking wurde ich schon mal genannt", sagte Klitschko, er meinte damit die Reaktionen auf seine Niederlage gegen Lamon Brewster im Jahr 2004, und er erzählte, wie er 15 Monate später wieder in den Ring stieg, drei Mal zu Boden ging gegen Samuel Peter und trotzdem gewann. "Nun", fuhr Klitschko fort, "dead man ist schon eine ganze Weile weitergelaufen". Also, bitteschön, liebe Öffentlichkeit: Einen Wladimir Klitschko sollte man nach einer Niederlage nicht einfach abschreiben.

Es ist Donnerstagmittag in der Zentrale des Pay-TV-Senders Sky, der den Kampf zwischen dem entthronten Klitschko und dem IBF-Weltmeister Anthony Joshua bestmöglich verkaufen will. 20 Millionen Euro soll für beide Boxer allein durch die Börse herausspringen. Sie sitzen vor der Presse, und zunächst wird der Brite Joshua nach seiner Definition vom Verlieren gefragt. Der 27-Jährige stockt, er könne "das wirklich nicht sagen", er habe ja noch nie verloren. Klitschko kommt ihm uneitel zu Hilfe, es gibt Gelächter, aber dann sagt er: "Verlieren heißt, stärker zurückzukommen." Was er sich für den Samstagabend vor 90 000 Zuschauern im Londoner Wembley-Stadion auch genau so vorgenommen hat. "Die schreien wahrscheinlich nicht Klitschko, sondern Joshua", das weiß er schon jetzt, "aber am Ende werde ich den Applaus kriegen."

"Ich fühle mich von Tyson Fury nicht bezwungen"

551 Tage ist es her, dass er als Verlierer aus dem Ring stieg, ausgerechnet gegen Tyson Fury, der so wirre wie diskriminierende oder rassistische Interviews gab, den Ukrainer aber mit unorthodoxem Boxen aus dem Konzept brachte. Klitschko war damals ganz benommen vom Verlust seiner drei WM-Gürtel, dass er gar nicht viel erklären konnte. "Ein Jahr lang habe ich über Fury nachgedacht", sagt Klitschko heute, die Zeit hatte er ja auch, nachdem der Brite zweimal einen Rückkampf abgesagt hatte. "Ich bin über mich selbst angepisst, dass ich es gegen Fury nicht geschafft habe, zu gewinnen", sagt Klitschko, "mein Ego ist angekratzt und nun werde ich alles tun, wieder aufzustehen".

Es waren 17 lange Monate, die Klitschko nun nicht gekämpft hat, und nach all den Überlegungen ist er zu dem Schluss gekommen: "Ich fühle mich von Fury nicht bezwungen." Wie so oft hat er sich nun eine Geschichte zurechtgelegt, sie hat mit Bergen zu tun und in dieser Geschichte ist Wladimir Klitschko nichts weniger als der Mount Everest. "An manchen Tagen gibt es Menschen, die ihn besteigen", meint Klitschko, diese müssten dann aber auch schnell wieder absteigen, weil sie es sonst nicht überleben würden. "Ist er dadurch bezwungen? Nein, er ist immer noch da", sagt er, "so ähnlich ist das mit mir".

Es gab eine Zeit in der Karriere von Wladimir Klitschko, in der es gar nicht darum ging, ob ein Gegner ihn besiegen könnte, sondern nur darum, wie lange er gegen ihn im Ring bestehen würde. Elf Jahre und sieben Monate dauerte sie, 4249 Tage dominierte Klitschko das Schwergewichtsboxen mit Unbesiegbarkeit. Was das Bild mit dem Mount Everest dann auch erklärbar macht: Es ist eine Leistung, Weltmeister im Schwergewichtsboxen zu werden, aber eine ganz andere, den Titel neun Jahre lang zu verteidigen, wie Klitschko es getan hat. Der britische Verband entzog Weltmeister Fury nach diversen Drogendelikten Boxlizenz und die WM-Titel. 17 Monate nach seinem Aufstieg ist der Sieger Fury gar kein Boxer mehr. 17 Monate nach seiner Niederlage ist der Verlierer Klitschko wieder im Ring. Der Kampf gegen Anthony Joshua ist für ihn selbst "der aufregendste Kampf seit Jahren und es gibt viele offene Fragen, die beantwortet werden müssen". Unter anderem die, ob und wie er das Aufstehen dieses Mal meistert.

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