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Wiener Doping-Affäre:Hoffen auf den Schneeball-Effekt

Sind deutsche Sportler in die Wiener Blutbank-Affäre involviert? Der Verdacht verdichtet sich, die Ermittler bauen auf die Auswirkungen eines neuen Gesetzes.

Die Bildgestalter des Wiener Kurier hatten sich Plakatives einfallen lassen zu ihrem Sportthema des Sonntags. Auf einer schwarzrotgoldenen Fahne liegt ein Unterarm, darauf ist mit rotweißrotem Pflaster eine Bluttransfusions-Kanüle befestigt. Deutlicher ließ sich die Botschaft nicht illustrieren: "Ermittlungen der österreichischen Behörden ergaben, dass auch zahlreiche deutsche Sportler in Österreich Verbotenes getan haben sollen. Die Dopingaffäre bekommt somit eine internationale Dimension", verkündete das in diesem Fall stets gut informierte Blatt.

Die Ermittlungen rund um die Wiener Blutbank kommen voran.

(Foto: Foto: dpa)

Am Montag gab es keine Dementis der Ermittler, das österreichische BKA zog auf Anfrage eine erste spontane Aussage zurück und verwies auf die Staatsanwaltschaft. Zugleich glühten die Drähte zwischen den Nationalen Anti-Doping-Agenturen Deutschlands und Österreichs. Zwischenbefund: Es tut sich was, "die Sache geht voran", sagt Anja Berninger, Justiziarin der Nada in Bonn. Zwar lägen den Wiener Kollegen laut deren Auskunft weiter keine deutschen Namen vor, aber: "Anfang des neuen Jahres werden neue Erkenntnisse erwartet. In dem Fall werden wir uns bei der Nada einfinden und Einblick in die Akten nehmen."

Letzterer liegen nun 8000 Seiten zu den Verfahren um den Dopingkomplex zum Wiener Blutinstitut Humanplasma vor, wo viele Spitzensportler von 2003 bis 2006 Blutdoping betrieben. Dass die schwelende Frage, ob auch Deutsche dabei waren, nun wieder zum Thema wird, hat auch andernorts zu Betriebsamkeit geführt.

"Das schauen wir uns an", sagte Oberstaatsanwältin Barbara Stockinger am Montag für die Münchner Schwerpunktstaatsanwaltschaft Doping. Und bei der Nada in Bonn hieß es, es sei gleich eine Anfrage des Deutschen Olympischen Sportbunds ins Haus geflattert. Verständlich, das Thema ist im Olympia-Winter besonders heikel.

Das Wiener Blutinstitut Humanplasma war jahrelang Anlaufstation für in- und ausländische Athleten, die sich - immer sonntagmorgens, außerhalb der normalen Geschäftszeit - Blut für Betrugspraktiken abnehmen ließen. Bei den Dopingrazzien während der Winterspiele 2006 in Turin hatten Blutbeutelfunde im Lager österreichischer Athleten die Spur nach Wien gelegt.

Im September verkündete das Blutinstitut in einer spektakulären Mitteilung: "Humanplasma wurde Mitte 2003 ersucht, österreichischen Sportlern international zu Chancengleichheit zu verhelfen." Politiker sollen Druck gemacht haben, die offizielle Erklärung des Blutinstituts wirft heikle Frage auf: Gab es eine Art Staatsplan für Austrias Sport - der zu jener Zeit auch eine skandalumrankte Kampagne um die Winterspiele 2014 mit Salzburg führte?

Seit Anfang 2008 bot der Gesamtkomplex Ansatzpunkte für diesen Verdacht, er könnte auch die äußerst zähen Ermittlungen erklären helfen. Dass die Blutbank-Leiter plötzlich auspackten, hatte nicht mit später Doping-Reue, sondern mit realer Bedrohung zu tun: Sie erstatteten Selbstanzeige und beglichen gleich eine größere Steuerschuld, die bei der klandestinen Versorgung aufgelaufen war.

Der Verdacht, dass auch deutsche Wintersportler in Wien getankt haben könnten, wurde erstmals im Winter 2008 geäußert, es gab im Alpenland sogar eine anonyme Anzeige mit Athleten-Namen, darunter deutschen; auch später sind die Gerüchte nie verstummt. Obwohl die deutschen Wintersportler frühzeitig eidesstattliche Versicherungen vorlegten, dass sie niemals gedopt hätten. Für sie gilt die Unschuldsvermutung.

Die Lage wirkt vielleicht diffuser, als sie ist. Der Hinweis der Östereicher auf neue Erkenntnisse ab 2010 hat einen handfesten Hintergrund. Am 1. Januar tritt dort ein neues, erst letzte Woche verabschiedetes Anti-Doping-Gesetz in Kraft, die aktuellen Ermittlungen können dann auch in Richtung von Athleten gelenkt werden, die bei den vielen bisherigen Einvernahmen von Ärzten, Offiziellen und Sportlern durch das BKA genannt worden sind. "Wenn Verfahren gegen Sportler eingeleitet werden, ist die Hoffnung, dass ein Schneeballeffekt einsetzt", sagt Berninger.

Doping-Ausreden

"Ich wollte für Chancengleichheit sorgen"