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Wettskandal: Chef des Cafe King:Der Rückfall des Navigators

Ante Sapina saß nach der Hoyzer-Affäre lange in Haft - jetzt wird untersucht, warum er auch im neuen Wettskandal eine Hauptrolle spielt.

Hans Leyendecker

Die Brüder Milan, 44, und Ante Sapina, 33, aus Berlin, die Brüder Marijo, 34, und Josip C., 34, aus Nürnberg, der Lebensgefährte einer Cousine der Sapinas, ein paar Bekannte, ansonsten sehr handfeste Leute aus dem Rotlicht- und aus dem Wettmilieu des Ruhrgebiets - so sieht, alles in allem, jene angebliche Bande aus, die den angeblich größten Betrugsskandal im europäischen Fußball verursacht haben soll.

Ante Sapina, Wettskandal, Reuters

Der Kroate Ante Sapina war bereits im Betrugsfall um den Schiedsrichter Robert Hoyzer im Jahr 2005 einer der Drahtzieher.

(Foto: Foto: Reuters)

In einem im September fertiggestellten Zwischenvermerk hat die Bochumer Staatsanwaltschaft auf gut 300 Seiten die Hinweise auf rund 200 verdächtige Spiele, auf viele bestellte Ergebnisse und zahlreiche gekaufte Spieler zusammengefasst. Aber auch nach der Lektüre bleibt die Frage offen, wo die Fäden zusammengelaufen sind und warum einige der Verdächtigen wieder rückfällig geworden sind. Und vor allem: Warum ist der Navigator schon wieder dabei?

Hauptquartier Cafe King

"Navigator" - das war im ersten großen Wettskandal, bekannt als Hoyzer-Affäre, die Bezeichnung für Ante Sapina, den Anführer der damaligen Zockerbande, dessen Charme sich nicht einmal das Gericht entziehen konnte. Der ehemalige Student der Volkswirtschaftslehre erhielt wegen Betruges eine Haftstrafe von zwei Jahren und elf Monaten, sein älterer Bruder Milan kam mit einer Bewährungsstrafe davon. Hauptquartier der Sapinas war das Cafe King in Berlin-Charlottenburg, das Milan Sapina vor elf Jahren eröffnet hatte und das seit dem Skandal mit dem flotten Spruch warb: "Wir wetten, dass Sie wiederkommen."

Wetten, wetten, wetten - ist Spielsucht die Erklärung für den offensichtlichen Rückfall? Im Prozess vor dem Berliner Landgericht hatte der Gutachter Werner Platz dem Angeklagten Ante Sapina eine "pathologische Spielsucht" bescheinigt, weil Sportwetten dessen "Lebensmittelpunkt" geworden seien. Der Hinweis auf diese stofflose Sucht erklärte manches und verschleierte anderes.

Richtig ist, dass Ante Sapina schon mit 16 Jahren gezockt hatte. Er spielte auf den Namen seines Bruders Milan, weil die Wettanbieter im Ausland keine Minderjährigen duldeten - und er gewann. Legal. Er wettete auf die Resultate im Skispringen, im Tennis, Eishockey, Baseball. Er recherchierte im Netz über Fußball-Paarungen, Spieler, Trends und war besser informiert als die meisten Buchmacher. Er gewann weiter, verlor auch manchmal, aber unterm Strich gewann er immer mehr. Damit das so blieb, entschloss er sich, dem Glück nachzuhelfen. Das ist, im Zeitraffer, die Entstehungsgeschichte des ersten großen Wettskandals, die fälschlicherweise meist nur mit dem Namen des einstigen Schiedsrichters Robert Hoyzer verbunden wird.

Richtiges Näschen

Als vor knapp fünf Jahren die Handschellen klickten, hatte Ante Sapina rund zwei Millionen Euro auf dem Konto. Einen Porsche fuhr er auch. Nicht schlecht für einen 28-jährigen Bummel-Studenten. Er zahlte der Deutschen Klassenlotterie, die er reingelegt hatte, 1,8 Millionen Euro zurück. Auch wollte das Finanzamt Charlottenburg rund 1,75 Millionen Euro als "nachträgliche Vorauszahlung zur Einkommensteuer", doch die Millionensumme wurde im Wesentlichen gegen die Verluste verrechnet. Ein mit dem Fall vertrauter Berliner Beamter weiß zu berichten, dass Sapinas Aktiendepot in der Haftzeit noch kräftig gestiegen sei. Er hatte offenbar auch für die Börse die richtige Nase.

Natürlich ließ sich Ante Sapina gegen Spielsucht therapieren, natürlich ging er auch, weil er gläubiger Katholik ist, sonntags brav in die Gefängniskirche. Als er im Juli 2008 aus der Haft entlassen wurde, schwor er, nie wieder illegale Spiele zu betreiben. Das sei er schon der Mutter schuldig, deren Mann 1988 starb, und die die Kinder allein groß gezogen hatte. Allenfalls werde er die Wette mit dem Ei machen. Die geht so: Jeder hält ein Ei in der Hand. Die Eier werden gegeneinander geschlagen, und wessen Ei kaputt geht, der hat verloren. Höchsteinsatz laut Ante Sapina: zehn Euro. Harmlos. Ein Kinderspaß."Unser Skandal war ein Weckruf für alle", rief Ante Sapina nach seiner Freilassung den Reportern zu.

Wer hat ihn dann wieder geweckt, warum hat er wieder mitgemacht? Oder war er erneut der "Navigator", der große Drahtzieher? Diese Fragen lassen sich nicht einfach beantworten. Manches deutet darauf hin, dass landsmannschaftliche Kontakte eine Rolle spielten. Etliche der Verdächtigen haben einen kroatischen Hintergrund. Auch ist es nicht so einfach, mit kleinem Geld zufrieden zu sein, wenn man das große Geld gerochen hat. Außerdem ist Ante Sapina, der einmal ein talentierter Fußballer war, auch ein Fußball-Narr.

Zunächst nicht im Visier

Fest steht, dass die Bochumer Kriminalpolizei, die Anfang dieses Jahres ihre Ermittlungen aufnahm, die Sapinas zunächst nicht im Visier hatte. Die Fahnder waren durch eine Telefonüberwachung im Revier auf den Hertener Kaufmann Deniz C. gestoßen, der am Telefon über Wettbetrügereien beim Fußball redete. Die Beamten verstanden bald, dass der Hertener C. seinen Kumpanen und auch Fußballern Darlehen gewährte - wenn die das Geld nicht zurückzahlen konnte, soll er Druck gemacht haben. Wer Schulden hatte, war ein potentielles Opfer.

Deniz C., 30, ist ein gebürtiger Türke, aber zu seinen Kumpanen gehörte der Kroate Marijo C. aus Nürnberg, der wiederum Sapina kannte. Die Ermittler gehen von einer "Führungsebene" aus, die sich vor allem um Ante Sapina, Marijo C. und Deniz C. zusammengeschlossen habe. Aber ein Netzwerk sieht anders aus.

Was geschah in der Süper Lig?

Man tauschte sich vielleicht informell aus, aber die Methoden waren sehr unterschiedlich. Die Leute um C. waren eher robust, Ante Sapina soll die weiche Tour bevorzugt haben. Er war der Mann, der alle Kassen kannte. Zu seinen Helfern gehörte beispielsweise der ehemalige Bamberger Basketballer Ivan P., der derzeit in Essen inhaftiert ist. P. war aus privaten Gründen häufiger im Cafe King in Berlin und kannte wiederum Marijo C. Er füllte das Internet-Wettkonto von Ante Sapina immer wieder auf und soll auch Spezialaufträge übernommen haben. Dazu gehörte ein Spiel der türkischen Süper Lig, am 3.Mai 2009, das von den Präsidenten beider Mannschaften und von den Spielern gegen Geld und aus Wettbewerbsgründen verschoben worden sein soll.

Wenn alle miteinander unter einer Decke stecken sollen, was ist dann noch normal? Ante Sapina würde darauf eine kluge Antwort finden.

© SZ vom 04.12.2009/jbe

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