Vierschanzentournee:Ein Trainer auf dem Sprung

Werner Schuster

So kennen ihn die meisten Zuschauer von den Kamerabildern: Skisprung-Bundestrainer Werner Schuster.

(Foto: Daniel Karmann/dpa)
  • Zu Beginn der Vierschanzentournee ist die Zukunft des deutschen Skisprung-Trainers Werner Schuster ungewiss.
  • Er ist für nicht weniger als den Wiederaufbau des deutschen Skisprungs verantwortlich - und trotzdem hin- und hergerissen, ob er weitermachen will.

Von Volker Kreisl, Oberstdorf

Es kommt nicht oft vor, dass Trainer über die fehlende Zeit mit der Familie klagen. Ihre Arbeit nimmt sie eben ein, sie sind ja selber verrückt danach und haben's außerdem vorher gewusst. Auch der deutsche Skisprung-Bundestrainer Werner Schuster lamentiert so gut wie nie, nur in diesen Tagen der 67. Vierschanzentournee steht er vor einer Entscheidung mit großer Tragweite, und deshalb erlaubt er sich schon den Hinweis auf seinen jüngeren Sohn, der zwölf ist und sagt: "Der Vater ist im Winter im Fernsehen."

Schuster ist Skisprungtrainer und als solcher fast ununterbrochen im Weltcup unterwegs, weit mehr als die Winterbetreuer anderer Sportarten. Seit mehr als zehn Jahren übt er diese Tätigkeit für den Deutschen Skiverband (DSV) aus, in dem jetzt womöglich eine neue Ära anbricht. Schusters Vertrag läuft aus, und obwohl gerade noch nichts Verbindliches über die Zukunft gesagt wird, obwohl die Gespräche zwischen Verband und Coach erst nach der Tournee und der WM im Februar stattfinden sollen, ist klar, dass diese Entscheidung schwerfallen wird. Schuster gab kürzlich zu erkennen, dass er in dieser Frage hin- und hergerissen ist.

Was sein jüngerer von zwei Söhnen und seine Frau im Winter von ihm sehen, das sind die immer gleichen Kamerabilder: Er steht auf so einem komischen Stahlgerüst, hält eine Fahne nach oben und winkt dann einmal nach unten. Dann drehen sich Gesicht und Oberkörper langsam von links nach rechts. Die Augen starren dabei auf etwas, das wohl gerade vor ihm vorbeizischt, dann sehen die Kinder noch die linke Hand, die sich vielleicht vor Freude ballt, und dann spricht der Vater immer auch irgendwas in seinen Kragen hinein, wo ein Mikrofon steckt, über das er wohl den ersten Eindruck vom Sprung an irgendjemanden weitergibt.

Gut möglich, dass der Bildschirm-Papa-Status dramatischer wirkt, als er ist. Tatsache ist, dass der Österreicher Werner Schuster, 49, dieses Problem kürzlich anführte, und zwar im Rahmen einer längeren Abwägung von Argumenten für und gegen eine Fortsetzung seiner Trainerarbeit beim DSV. Noch mehr Contras gibt es ja, genauso aber auch viele Fürs. Zu letzteren zählt das Ergebnis der Qualifikation von Oberstdorf zum ersten Springen der Vierschanzentournee, dessen Finaldurchgang erst am Sonntagabend entschieden war. Schon in der Vorausscheidung am Samstag feierte das System Schuster jedenfalls einen Erfolg: Zwölf von 13 deutschen Springern hatten sich für den ersten Durchgang qualifiziert - also alle Weltcupathleten und dazu fünf von sechs Talenten, die die gastgebende Nation bei der Tournee stellen darf.

Zwar waren die Bedingungen für die Gruppe der Heimspringer zu Beginn der Qualifikation exzellent, und doch ist es ein weiteres Zeichen dafür, dass Schusters Arbeit Früchte trägt. Der Eindruck, als sei der Mann aus dem Kleinwalsertal schon seit den Anfängen dieses Sports in Deutschland dabei, hängt auch mit seinem Konzept zusammen. Gemeinsam mit dem Sportlichen Leiter Horst Hüttel hatte Schuster einen einheitlichen Sprungstil, einheitliche Trainingsmethoden und eine Zusammenarbeit zwischen den Stützpunkten eingeführt. Nach sechs Jahren gab es WM- und Olympiamedaillen. So ein erfolgreiches Langzeitprojekt empfinden viele wie ein Kind, von dem man sich, wenn es reift, auch ungern trennt. Schuster sagt: "Es gibt einen großen Willen, diese Geschichte fortzuschreiben."

Nur wäre diese Fortschreibung eigentlich der Beginn einer neuen Geschichte. Die Generation Severin Freund, Richard Freitag, Andreas Wellinger hat sich im Weltcup etabliert, Schuster gilt aber als Trainer, der weniger das Bestehende verwalten, als etwas Neues entwickeln will. "Ich stehe auch für Seriosität, für langfristige Projekte", sagt er, "und es hilft der Mannschaft nichts, wenn ich für ein Jahr oder so verlängere. Und dabei kommt die Familie ins Spiel." Denkt man das weiter, dann wäre ein neues langes Projekt - wie damals der Wiederaufbau des deutschen Skispringens - der Frau und den Kindern wohl nicht vermittelbar. Andererseits, vereinbar wären Entwicklungsarbeit und Familie wohl doch - wenn Schuster auf die dritte große Freude verzichtet, die als weltreisender Übungsleiter.

Es könnte sich sogar ein kleines Trainerkarussell drehen

Nicht wenige vermuten, dass der Österreicher sehr gerne noch einmal für Österreich arbeiten würde. Und dessen Verband ÖSV hat grundsätzlich einen hohen Anspruch, gerade aber nur zwei Topspringer und kein ausgefeiltes, einheitliches Trainingssystem. Der ÖSV hält wohl an seinem neuen Chefcoach Andreas Felder fest, dennoch kann er einen bewährten Entwickler wie Schuster gebrauchen, zumindest als Juniorenleiter, als Chefstrategen oder wie immer man ihn nennt.

Spekuliert man ein bisschen weiter, dann könnte sich sogar ein Trainerkarussell drehen, zumindest ein halbes. Polens Chefcoach, der Österreicher Stefan Horngacher, hat seinen Vertrag auch noch nicht verlängert, obwohl ihn die Polen wegen der Erfolge halten wollen. Weil er aber bis vor drei Jahren deutscher Assistenztrainer war, weil seine Familie im Schwarzwald lebt und er eine Rückkehr zum DSV als Cheftrainer bislang nicht ausgeschlossen hat, könnte Horngacher jene ideale Lösung darstellen, mit der sich der DSV leichteren Herzens von Schuster trennt.

Der träte dann zwar kaum noch im Fernsehen auf, aber es gibt mindestens drei Menschen, denen das überhaupt nichts ausmacht.

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