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Vierschanzentournee:Der Hobbypilot fliegt auf und davon

68. Vierschanzentournee - Bischofshofen

Dawid Kubacki: Ein untypischer Sieger der vergangenen Jahre

(Foto: dpa)
  • Dawid Kubacki ist ein Vierschanzen-Gewinner, der - anders als die Sieger der Vorjahre - aus dem Mittelfeld kommt.
  • Sein Sieg zeigt, dass es sich lohnt, im Skispringen einfach immer weiter zu machen, und wenn es zehn Jahre dauern muss.
  • Mit Karl Geiger landet erneut ein Deutscher auf dem Podium in der Gesamtwertung.

Das geht eigentlich gar nicht: Auf dem Rücken liegen bleiben und sich von den Teamgefährten umarmen und drücken lassen - mit noch angeschnallten Skisprunglatten an den Füßen. Aber die polnische Mannschaft war dermaßen entzückt, dass sich alle an den klobigen 2,40-Meter langen Schranken, die Dawid Kubacki nach oben streckte, vorbeischlängelten und ihren Besten herzten. Er war gestürzt beim Abschwingen, vor lauter Freude, er hatte gerade die Vierschanzentournee gewonnen.

Verletzt wurde dabei niemand. Kubacki stand auf, jemand nahm ihm die Skier ab, denn für das Folgende braucht man Bewegungsfreiheit und beide Hände. Als Tourneesieger darf man Gratulationen entgegennehmen, Hände schütteln, sich zur Hymne aufstellen, die Strophen singen, eine Weltcupplakette entgegennehmen, und am Ende der Zeremonie den goldenen Adler für den Tourneesieger begrüßen.

Dawid Kubacki aus Zakopane hat dies alles mit Würde mitgemacht, er ist ja kein lauter Sportler, sondern ein in sich ruhender Athlet, der am Feierabend nicht feiert, sondern sich lieber verzieht und an seinen kleinen Modellflugzeugen bastelt, wenn er schon, weil gerade Weltcupsaison ist, keinen Parkplatz zur Verfügung hat, wo er sie fliegen lassen kann. Und er ist ein Vierschanzen-Gewinner, der - anders als die Sieger der Vorjahre - aus dem Mittelfeld kommt. Der kein hochkarätiges Naturtalent besitzt, sondern einfach nur zehn Jahre lang an sich gearbeitet und daran geglaubt hat, dass seine Rechnung aufgeht.

"Ich bin meinen Weg gegangen, und darüber bin ich froh", sagte er.

Nun war es also so weit. Ein Krimi war ja nach dem dritten Springen in Innsbruck angekündigt worden, ein nervenzerfetzendes Finale mit einem Gejagten und drei Jägern, dem Norweger Marius Lindvik, dem Oberstdorfer Karl Geiger und dem Japaner Ryoyu Kobayashi. Doch der Krimi befolgte überhaupt nicht die Grundsätze des Genres. Der Spannungsbogen fiel recht früh zusammen, der Rest war eher eine Doku, ein Demonstrationsstück für souveränes Siegen. Kubacki hatte einfach keine Nerven gezeigt, ihm war nicht beizukommen.

Am Ende landeten in der Gesamtwertung hinter ihm der Norweger Lindvik, knapp gefolgt von Geiger und dem großen Verlierer der zweiten Tourneehälfte, nämlich Ryoyu Kobayashi. Etwas bitter blieb die 68. Ausgabe der Tournee auch für die gastgebenden Österreicher, die abermals niemanden aufs Treppchen brachten, Stefan Kraft, der Pongauer war in Innsbruck trotz stabiler Sprünge Vierter geworden und in Bischofshofen schon wieder.

Lob für Geiger: "Er ist eine super Tournee gesprungen."

Der Moment, in dem die Luft aus dem angekündigten Krimi wich, war bereits nach dem ersten Drittel gekommen. Die Zuschauer standen gedrängt auf den Terrassen der Tribünen, vor allem die zahlreichen polnischen Fans bliesen aus voller Lunge in rote Plastiktröten, als Dawid Kubacki oben in die Spur ging, um zu kontern. Denn Karl Geiger hatte sechs Sprünge zuvor gezeigt, dass er doch der alte, verlässliche Weitspringer geblieben ist, einer, mit dem auch für den langen Rest dieser Saison noch zu rechnen ist. 140 Meter weit war er gekommen, er hatte dabei die höchste Anlaufgeschwindigkeit, eine Landungsnote von 58 Punkten. Das Signal an den tourneeführenden Polen war also abgesetzt: Ich bin wieder da!

Nur, Kubacki, in der Qualifikation ebenfalls auf Durchschnittsniveau abgerutscht, interessierte das wenig. Er sprang wie immer etwas weiter hinauf, brauste dann in der oberen Etage dahin und kam erst bei 143 Metern auf. Etwas weit rechts, etwas wackeliger, aber was soll's, er häufte abermals 3,9 Punkte auf seinen Gesamtvorsprung auf Geiger von 13,3 Zählern drauf. 17,2 Punkte Abstand auf den Deutschen, dazu später genügend auf Lindvik, das würde er sich nicht nehmen lassen.

Doch auch eine traurige Gestalt hat dieser Triumph hinterlassen, Ryoyu Kobayashi. Er war ja eigentlich der am schwersten Geschlagene nach dem Einbruch der Führenden am Samstagnachmittag in Innsbruck. Kobayashi war von der Topposition auf Rang vier abgerutscht, und nun, in Bischofshofen gelang ihm auch kein Aufbäumen gegen diesen Kubacki mehr. Der Japaner setzte schnell vom Tisch, schien dann aber im Flug krampfhaft nach mehr Weite zu kämpfen. Die Skispitzen bewegten sich leicht, und vielleicht fehlte diesem Super-Abspringer nun doch die Weitflieger-Routine, um wenigstens mit Kubacki im ersten Durchgang mitzuhalten. Bei 135,5 Metern war Schluss, Kobayashi, vor Garmisch noch als Seriensieger im Gespräch, ließ den Kopf hängen. 27 Punkte Rückstand waren definitiv nicht aufzuholen.

Viele waren an diesem Abend auf ihre Weise enttäuscht, weniger die Deutschen, deren Zweitbester Markus Eisenbichler auf Rang 14 war, und die ja Karl Geiger hatten: "Er ist eine super Tournee gesprungen. Mit dem dritten Gesamtrang kann man sich wirklich sehen lassen", sagte Bundestrainer Stefan Horngacher.

In jedem Fall ist dieser Sieg des Dawid Kubacki ein gutes Beispiel dafür, dass es sich lohnt, im Skispringen einfach immer weiter zu machen, und wenn es zehn Jahre dauern muss.

Zudem bleibt dann noch Zeit fürs passende Hobby: Neben Modellflugzeugen interessiert den Vielflieger gerade auch der Gewinn der Segelfluglizenz.

© SZ vom 07.01.2020/ska
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