Vierschanzentournee Bundestrainer Schuster: "Es war weder enttäuschend noch richtig befriedigend"

Markus Eisenbichler ärgert sich in Oberstdorf über den verpatzten Sprung.

(Foto: AFP)
Von Volker Kreisl, Oberstdorf

Manche Sportler wirken so, als hätten sie niemals Sorgen. Sie scheinen von der Gewissheit getragen zu sein, dass eh nichts passieren kann. Skispringer Stefan Kraft, 23, gehört zu diesen Sportlern, er grinst viel, und er schmunzelte schon in den letzten Tagen unbeschwert.

Er macht dabei die Augen schmal und zeigt seine Zähne, nicht überheblich wirkt das, sondern einfach nur unbekümmert. Kraft grinste, als er sich zuletzt sukzessive verbesserte, und er grinste auch, als er kürzlich sagte, die Anlage in Oberstdorf sei eine seiner Lieblingsschanzen. Am Freitag, zum Auftakt der 65. Vierschanzen-Tournee, sprang er dort weiter als alle anderen, er boxte in die Luft, nahm den Helm ab, und welches Gesicht er zeigte? Klar.

Zwei nahezu makellose Sprünge hatte Kraft gezeigt, mit sehr guten Haltungsnoten. Es sei "gewaltig", sagte er, "alles, was ich mir vorgenommen habe, ist aufgegangen." Seine Lockerheit wird der 23-Jährige in den kommenden sieben Tagen bis zum Finale noch brauchen. Denn sein Vorsprung beträgt nur 2,8 Punkte. Der Pole Kamil Stoch ist ihm auf den Fersen. Und dahinter hat sich zwar bereits in kleines Listenloch gebildet, gut zwölf Punkte sind aber nicht genug, um den Trend dieser Wochen zu brechen: Es gibt weiterhin mehr als nur zwei Top-Springer, die Vierschanzen-Tournee bietet wieder eine Gruppe von potenziellen Gesamtsieg-Kandidaten. Markus Eisenbichler gehört mit 15,1 Punkten Rückstand als Sechstplatzierter und bester Deutscher gerade noch dazu, vor allem sind aber Michael Hayböck (3./Österreich), Daniel Andre Tande (4./Österreich) und Manuel Fettner (5.

/auch er: Österreich) noch zu beachten. Die Tournee bleibt spannend, und das, obwohl dieses erste Etappenfinale so viele Hoffnungen und Vorsätze durcheinander gewirbelt hatte. Domen Prevc, der 17-jährige Top-Favorit, stürzte bitter ab, dafür reihte sich der Rest der kleinen Prevc-Brüderschar vorne ein. Peter, 24, wurde nach seinem Abrutschen ins Mittelfeld Zehnter, was der Vorjahressieger als Triumph empfinden dürfte. Noch vor Peter setzte sich Cene, 20, als Achter, was der auch als Triumph empfinden dürfte. Zu den Geschlagenen gehörte auch Severin Freund als 20., damit kann er aber leben, weil ihm ja verletzungsbedingt noch die Form fehlt.

Alle springen dem Frisbee hinterher

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Anders als Domen Prevc. Der Slowene, souveräner Führender im Gesamtweltcup, zuletzt Sieger in Engelberg, Erschaffer eines neuen, aggressiven und riskanten Skisprung-Stils und deshalb seit Wochen Gesprächsthema in Trainer- und Journalistenrunden, landete in der K.o.-Runde nur bei 124,5 Meter. Im Probedurchgang hatte er noch zu den Besten gezählt, aber nun wirkte er wie ausgewechselt. Als nur 23. startete er in die Finalrunde, in der er mit 127 Metern wieder schwach abschnitt. 53,3 Punkte Rückstand - den Gesamtsieg der Tournee muss er vergessen, jedenfalls für diesen Winter.

Zwar hatte sich nicht Domen Prevc' spezielles Flug-Risiko ausgewirkt; sein an der obersten Grenze ausbalanciertes Flugsystem war nicht wegen Vorlage auseinandergebrochen. Doch vermutlich hatte er sich, als er oben saß, zu viel vorgenommen, womöglich hat er auch noch nicht die Nerven für einen so wichtigen Moment. Nach dem Absprung schwang er die Arme besonders heftig nach hinten in die Luft, was leicht verkrampft wirkte.

In seine äußerst flache Flughaltung - Skispitzen neben den Ohren, dazu fast plane Ski - fand er mit Verspätung, dann unterlief ihm noch ein Wackler in der Luft, und schließlich das, was schon in der Qualifikation sein Problem war - die Crux seines Stils: Domen Prevc' Ski bekamen zu viel Luft, die Spitzen klappten ihm entgegen und bremsten. Er landete kurz hinter dem K-Punkt, in einer für ihn eigentlich indiskutablen Zone.

Landefehler bei Freund

Zuvor schon hatte sich Doppel-Weltmeister Severin Freund aus dem, ja, Geheimfavoritenkreis verabschiedet. Eine Überraschung war ihm ja zuzutrauen, er ist ein extrem beherrschter und über mehr als zwei Jahre konstanter Springer, und er hat Erfahrung damit, eine Form Stück für Stück wieder aufzubauen. Am Freitag war dann aber schnell klar, dass Freund mit dem Kampf ums Podest nichts zu tun haben wird.

Auf seiner Heim- und Lieblingsschanze kam er im Probetraining trotz annehmbarer Bedingungen nur auf 122 Meter, das K.o.-Durchgangsduell gewann er mit nur vier Zehntelpunkten Vorsprung vor seinem Teamkollegen Karl Geiger. 129 Meter weit war er gekommen, Absprung und Flug stimmten diesmal, dafür nicht die Landung. Freund verkantete, musste dem Arm ausfahren und konnte einen Sturz nur knapp vermeiden. Es lief wie immer in den letzten Wochen: Er verbessert das eine Detail, büßt aber woanders wieder etwas ein, das Gesamtbild seines Auftritts wird besser, bleibt aber verzerrt.

Weil auch die anderen im besseren Teil des deutschen Weltcupteams - Andreas Wellinger, Richard Freitag und Stephan Leyhe - jeweils einen sehr guten und einen sehr mäßigen Sprung zeigten, blieb das Fazit von Bundestrainer Werner Schuster zurückhaltend: "Es war weder enttäuschend noch richtig befriedigend."

Ausgenommen von dieser lauen Chef-Wertung war indes Markus Eisenbichler, der einen Podestplatz wegen einer ebenfalls verkorksten Landung verpasste ("Das ärgert mich extrem"), der sich aber als Einziger an der allgemeinen Spannung dieser Serie noch beteiligen kann. Und es geht nahtlos weiter.

Die nächste Schanze, die beim Neujahrsspringen am Sonntag in Garmisch-Partenkirchen liege Eisenbichler, sagte Schuster: "Die mag er sehr gerne."

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