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Segeln:"Ich habe ihm gesagt, ich komme zurück"

Bei der Vendée Globe wird dem Franzosen Kevin Escoffier eine Welle zum Verhängnis, er harrt zwölf Stunden auf einer Rettungsinsel im kalten Wasser aus. Seine Konkurrenten finden ihn, verlieren ihn wieder und entdecken dann ein Licht im rauen Ozean.

Von Thomas Gröbner

Fast zwölf Stunden lang harrte Kevin Escoffier auf einer kleinen Rettungsinsel im zehn Grad kalten Meer aus, hin und her geworfen von den Wellen wartete er auf Rettung, mit einem Licht und einem Versprechen.

Der 41-Jährige Franzose lag bis Montagnachmittag noch auf Platz drei bei der Wettfahrt um die Welt, der Vendée Globe, als er 840 Seemeilen südwestlich vom Kap der Guten Hoffnung in schwere Seenot geriet und einen Notruf absetzte. Die Gegend zwischen dem vierzigsten und fünfzigsten Breitengrad ist gefürchtet für ihre tobenden Winde, die "roaring forties" brausen ungebremst von Landmassen über das Wasser und türmen die Wellen auf. Und eine solche Welle scheint ihm zum Verhängnis geworden zu sein.

Seine Yacht sei in eine Welle eingetaucht, "es hat das Schiff zusammengefaltet", stammelte er später in einem Video. "Ich hab schon viel gesehen, aber das..." Escoffier konnte gerade noch einen Hilferuf absetzen, bevor die nächste Welle die Elektronik lahmlegte an Bord.

Der Hilferuf erreichte Jean Le Cam, den "König", wie sie ihn in Frankreich rufen. Er hätte sich wohl keinen besseren Retter wünschen können als den 61-Jährigen: ein Mann mit Schraubstockhänden und Teddybären an Bord, der in den Momenten der Gefahr kühler zu sein scheint als das Eismeer. Einer, der selbst einmal um sein Leben gebangt hat bei der Vendée Globe.

Gegen 17 Uhr erreichte Le Cam mit seinem Schiff Yes we Cam die letzte bekannte Position von Escoffier. Doch fünf Meter hohe Wellen und starker Wind machten die Bergung zunächst unmöglich. Kurz konnten die Seefahrer miteinander sprechen, dann aber musste Le Cam abdrehen: "Ich habe ihm gesagt, ich komme zurück", erzählte Le Cam später in einem Video. Doch in der rauen See verlor er Escoffier wieder aus den Augen. Und es wurde noch komplizierter: Die hereinbrechende Dunkelheit schien die Bergung fast aussichtslos zu machen.

Auch Boris Herrmann eilte zur Hilfe, der Deutsche traf mit der Seaexplorer um 23 Uhr ein, zusammen mit den französischen Skippern Yannick Bestaven und Sébastien Simon unterstützten sie Le Cam bei der Suche.

Der Schiffbrüchige: Kevin Escoffier.

(Foto: Loic Venance/AFP)

Als sich Le Cam darauf einstellte, das Morgengrauen abzuwarten, entdeckte er ein Licht, das von den Wellen reflektiert wurde. Es war Kevin Escoffier. "Ich habe ihm einen Rettungsring zugeworfen. Er hat ihn gefangen. Das war's", erzählte Le Cam trocken. Um 2:06 Uhr zog Le Cam ihn unverletzt an Bord. "Es ist wie ein Wunder", sagte Renn-Direktor Jacques Caraës.

Sein Boot PRB habe sich in eine Welle gebohrt und sei in der Mitte durchgebrochen, erzählte Escoffier in einem gemeinsamen Video mit Le Cam. Er schien wieder hin und her geworfen zu werden, manchmal den Tränen nahe, dann brach er in wildes Lachen aus. "Es tut mir leid für Jean", entschuldigte sich Escoffier bei seinem Retter. "Er hatte ein unglaubliches Rennen. Ich habe es ihm versaut." Le Cam beruhigte den Geretteten: "Es macht nichts. Zen, Zen."

2009 musste Le Cam selbst gerettet werden

Es ist eine der Geschichten, in denen sich ein Kreis zu schließen scheint. Die Vendée Globe gilt als härteste Solo-Regatta der Welt, zwei Seefahrer haben sie schon mit dem Leben bezahlt. Aber neben all den traurigen Geschichten gibt es eben auch diese Geschichten von Kameradschaft und Freundschaft.

2009 hatte Vincent Riou, der damalige Skipper der PRB, vor der gefürchteten Passage von Kap Hoorn umgedreht, um seinem Verfolger zu Hilfe zu kommen. Le Cam war gekentert, hatte sich aber in einer Luftblase unter seinem Schiff retten können. 16 Stunden später zog ihn sein Konkurrent aus dem Wasser. Doch bei der Rettungsaktion wurde die PRB beschädigt. Die beiden retteten sich in den Beagle-Kanal, wo die chilenische Marine sie abschleppte.

Vincent Riou wurde danach ehrenhalber auf Platz drei gesetzt im Klassement, die beiden verbindet seit diesen Tagen eine tiefe Freundschaft. Nun konnte Le Cam etwas zurückgeben - und den Skipper der PRB retten. Auch wenn es nicht das selbe Boot ist, denn es ist längst ein hochmoderner Foiler, während Le Cam ohne Tragflügeln unterwegs ist.

Was nun mit Kevin Escoffier passiert, ist offen. Le Cam dürfte nicht genug Nahrung für beide an Bord haben. Die Retter dürfen ihr Rennen wohl fortsetzten in Richtung Kap der Guten Hoffnung, mit einem Zeit-Bonus. Und dem Wissen, dass es etwas Größeres gibt als ein Rennen zu gewinnen.

© SZ/chge
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