USA nach der Achtelfinal-Niederlage:Traurige Wand, stolzes Land

Lesezeit: 2 min

Belgium v USA: Round of 16 - 2014 FIFA World Cup Brazil

Er spielte fast alleine gegen elf Belgier: US-Keeper Tim Howard.

(Foto: Getty Images)

Einer allein reicht dann doch nicht aus: Trotz eines grandiosen Tim Howard im Tor unterliegen Jürgen Klinsmanns US-Boys Belgien mit 1:2 nach Verlängerung - die Nation schwankt zwischen Trauer und riesigen Ambitionen. Amerika hat gelernt, sich für "Soccer" zu interessieren.

Von Johannes Kuhn, San Francisco

Am Ende nahm der Mann des Abends nur seinen Schmerz mit nach Hause. "Es bricht mir das Herz", erzählte der völlig niedergeschlagene US-Keeper Tim Howard kurz nach Abpfiff einem amerikanischen TV-Reporter. "Ich glaube nicht, dass wir noch mehr hätten geben können. Was für ein großartiges Fußballspiel. Wir wurden von einem richtig tollen Team geschlagen. Es ist traurig. Es tut weh."

16 Schüsse hatte Howard pariert, so viel wie seit der WM 1966 kein Torwart mehr. Die Nervenstärke, mit der er sich als lebende Wand den anrennenden Belgiern entgegenstellte, hielt die stellenweise arg überfordert wirkende US-Elf lange Zeit im Spiel.

Mehr noch: Hätte Chris Wondolowski in der 92. Minute nicht freistehend das 1:0 vergeben (und der Linienrichter nicht fälschlicherweise auf Abseits entschieden) oder Clint Dempsey in der 114. Minute nicht belgische Abwehrbeine, sondern zum 2:2 ins Tor getroffen - womöglich hätten sie Howard in seinem Heimatstaat New Jersey ein kleines Denkmal hingemeißelt.

Konjunktive sind ein schwacher Trost, zumal für einen 35-Jährigen, der gerade aus seinem letzten großen Turnier ausgeschieden ist. Doch im US-Fußball denken sie ohnehin in Generationen. Die WM 2014, so hatte nicht nur Coach Jürgen Klinsmann die Erwartungen stets gedämpft, war in diesem Sinne amerikanische Pionierarbeit.

Dass diese durchaus gelungen ist, zeigt sich auch an den Reaktionen der US-Fans daheim. Sie schlichen nach dem Spiel nicht von dannen; sie verließen die Sportsbars und Public-Viewing-Plätze erhobenen Hauptes, um dann mit ihren Trikots und Stars-and-Stripes-Flaggen in die Masse der fußballerisch Desinteressierten einzutauchen.

Ausgestorbene Straßen zum Anpfiff und Hunderttausende auf Fanmeilen mögen in den Vereinigten Staaten ewig eine Utopie bleiben: Das Belgien-Drama und die spannenden Last-Minute-Spiele gegen Ghana und Portugal haben den Sport aus der "Wir-gucken-halt-aus-Patriotismus"-Nische geholt und das hartnäckige Vorurteil widerlegt, der Mangel an Toren mache Fußball per se langweilig. Die Fernsehquoten der amerikanischen Spiele waren ordentlich, die Resonanz in der Öffentlichkeit beachtlich. "Amerika interessiert sich jetzt offiziell für Fußball", zog die Online-Seite Daily Beast Bilanz.

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