Union Berlin:Englisch in Köpenick

Lesezeit: 3 min

Unions Trainer Jens Keller

Union-Trainer Jens Keller.

(Foto: Peter Steffen/dpa)

Im engsten Zweitliga-Aufstiegsrennen seit vielen Jahren hat Union Berlin gerade als Tabellenvierter wieder das Nachsehen. Alles Kopfsache, glaubt Trainer Jens Keller. Die Frage ist: Reicht diese Diagnose?

Von Sebastian Fischer, Berlin

Es gibt in Deutschland Stadionsprecher, die machen nur das, was ihre Berufsbezeichnung vorgibt: Sie sind im Stadion und sprechen. Doch dann gibt es auch solche, die so etwas wie das wandelnde Gewissen eines Fußballvereins sind. In Köln bedient Michael Trippel das Selbstwertgefühl durch die Begrüßung der Gäste "in der schönsten Stadt Deutschlands", in Dortmund ist der frühere Profi Norbert Dickel das wandelnde Gemüt der Gelben Wand, jedenfalls des friedlichen Teils. In Berlin, beim 1. FC Union, ist das ähnlich. Dort berichtet der Stadionsprecher, der gleichzeitig Pressesprecher, Fan-TV-Moderator, Gitarrenspieler und rekordverdächtiger Bartträger ist, direkt aus der Vereinsseele.

Wer also wissen wollte, wie es um den Seelenfrieden des Berliner Zweitligisten bestellt ist, der musste am Mittwochabend nach der 0:1-Niederlage gegen Aue im Stadion An der Alten Försterei nur hinhören. Der Stadionsprecher verlas die Ergebnisse aus den anderen Stadien, Stuttgart und Braunschweig, Unions Konkurrenten im engsten Aufstiegsrennen seit langem, hatten nur Unentschieden gespielt. "Fast nichts passiert", rief er den tapfer singenden Fans zu. Fast nichts passiert, dieser Wunsch nährt nun vor dem Spiel am Sonntag in Düsseldorf die Seele jener Berliner, die sich den ersten Aufstieg in der Geschichte des 1. FC Union so sehr wünschen.

"Wir haben Fehler gemacht, die ich so nicht kannte", sagt Keller

Streng genommen ist auch das fußballerische Problem der Mannschaft gerade eines der Seele. Mit zu wenig Herz und mit zu wenig Bauchgefühl hat die Mannschaft zuletzt gespielt, so konnte man die Analyse von Trainer Jens Keller auch verstehen. Er sagte: "Der Kopf spielt eine zu große Rolle, die Angst vor Fehlern bei den Spielern ist zu groß". Die Niederlage gegen Aue war die zweite in Serie nach dem vorangegangenen 0:2 in Hannover. Union ist jetzt erst mal nur noch Vierter, wenn auch nur mit einem Punkt Rückstand auf den Relegationsplatz.

Sie haben sich natürlich große Mühe gegeben, vor allem sich selber einzureden, dass die überraschende Heimniederlage gegen den Abstiegskandidaten ein Ausrutscher war. "Wir haben Fehler gemacht, die ich so nicht kannte", sagte Keller. Dabei hatte die Begegnung auch auf grundlegende Mängel im Berliner Spiel hingewiesen. Es brauchte nämlich nur eine raffinierte Taktik des neuen Auer Jungtrainers Domenico Tedesco, um die Stärken von Union lahmzulegen. Und deshalb geistert der Ausruf des Stadionsprechers in diesen Tagen auch ein wenig als Frage durch Köpenick: Fast nichts passiert?

Der Italiener Tedesco hatte erkannt, dass der Berliner Fußball, etwas zugespitzt formuliert, ein ur-britischer ist - nämlich fast nur auf Stoßstürmer Sebastian Polter zugeschnitten. Der frühere Wolfsburger, im Winter aus der zweiten englischen Liga als Ersatz für den dorthin abgewanderten Collin Quaner gekommen, schießt selbst gar nicht so viele Tore, erst vier in der Rückrunde. Aber er "macht die Bälle fest", wie Fußballer es nennen, wenn Stürmer in der gegnerischen Hälfte den Ball mit ihrem Körper abschirmen, um den Kollegen die Zeit zu geben nachzurücken. Aue verengte geschickt den Raum im Mittelfeld und blieb bei eigenem Ballbesitz gelassen, ließ sich nie auf die von Berlin forcierte hektische Spielweise ein, sodass Union kaum Torchancen hatte. Es war erst die zweite Niederlage in der Rückrunde. Aber ein Exempel für die verbleibenden sieben Gegner in dieser Saison?

Immerhin: Der Konkurrenz gehen nun die Psychotricks aus

Friedhelm Funkel, der Düsseldorfer Trainer, wird sich das Spiel genau angeschaut haben. Szenen wie jene, als Steven Skrzybski den Ball über zwei Meter ins Aus spielte, anstatt in den Fuß des Rechtsverteidigers Christopher Trimmel. Das Berliner Spiel ist simpel, nicht auf viele kurze, sondern auf wenige lange Pässe angelegt. Andererseits: In der Einfachheit liegt auch Unions Stärke. Das Spiel beruht vor allem auf gewonnenen Zweikämpfen, kaum ein Team ist in der zweiten Liga so zweikampfstark wie Union, im Schnitt gewinnen die Berliner mehr als die Hälfte aller Duelle. Und, das ist wohl Kellers Hoffnung: Zweikämpfe gewinnt man vor allem im Kopf. Und gewinnt man die Zweikämpfe, klappt auch der Rest wieder.

In Berlin schreiben die Zeitungen, dass diesem Team die Rolle des Gejagten nicht liegt. Kaum war Union vor zwei Spieltagen erstmals Tabellenführer, war ihnen die Nervosität anzumerken. Nun sind sie wieder die Jäger. Psychotricks der Konkurrenten, wie die des Stuttgarter Trainers Hannes Wolf, der den Berlinern nach Eroberung der Tabellenspitze Druck einzureden versuchte, sind also erst einmal verbraucht.

Und vielleicht hilft ja auch eine Meldung dieser Woche dabei, den Kopf freizukriegen: Union, das haben sächsische Journalisten ausgerechnet, steht vor Dresden und Aue als Meister der imaginären DDR-Oberliga fest. Die Fan-Seele, sie kann also schon jetzt zufrieden sein, zumindest ein bisschen.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB