Torwart Alexander Nübel Einer für die "Big Saves"

U21-Torhüter Alexander Nübel.

(Foto: imago images / PA Images)
  • Alexander Nübel sticht bei der deutschen U21-Nationalmannschaft heraus. Der Schalker Torhüter überzeugt gegen Österreich nach Fehlern mit zwei außergewöhnlichen Paraden.
  • Nübel hat eine ungewöhnliche Karriere hinter sich. Er war bis zu seinem 14. Lebensjahr Feldspieler und vor der U21 nie Nationalspieler.
  • Zu seiner Zukunft schweigt er. Der FC Bayern soll an ihm interessiert sein und sein Vertrag auf Schalke läuft in einem Jahr aus.
Von Sebastian Fischer, Udine

Es war eine dieser Paraden eines Torhüters, die man sich zweimal anschauen muss, um sie zu verstehen. Der Ball flog an den Fünfmeterraum, dort war Sasa Kalajdzic hochgesprungen, der Österreicher ist zwei Meter groß, er war in der Luft also relativ alleine. Alexander Nübel kam aus der kurzen Ecke, wo er die Flanke erwartet hatte. Er sprang in die Mitte des Tores, den linken Fuß ausgestreckt. Und er wehrte den Kopfball mit seinem Knie ab, das war dann in Zeitlupe auf den Monitoren im Stadio Friuli von Udine zu sehen.

Die deutsche U21-Nationalmannschaft hat mit dem 1:1 im letzten Gruppenspiel gegen Österreich bei der Europameisterschaft das Halbfinale erreicht, sie hat sich für Olympia 2020 qualifiziert, noch zwei Siege fehlen zur Verteidigung des Titels von 2017. Doch es geht bei einer U21-EM nicht nur um den Pokal, "wir reden immer davon, dass die Jungs sich entwickeln sollen", sagte Trainer Stefan Kuntz.

Andreas Beck, U21-Europameister von 2009, hat die Bedeutung so eines Turniers vor ein paar Tagen gut zusammengefasst. Er habe sich immer wieder in seiner Karriere, vor K.o.-Spielen im Verein zum Beispiel, an die Erfahrungen bei der EM von damals erinnert, weil sie für ihn die ersten dieser Art waren. Wenn das so ist, dann wird sich der Torhüter Nübel, 22, von Schalke 04 noch sehr lange an den Sonntagabend erinnern. "Das kannst du nicht vorher in der Theorie erklären", sagte Kuntz: "Tiefen zu durchlaufen und dann nachher wieder bereit sein für Höhen."

Es war das erste schwache Spiel der deutschen Mannschaft, beim 3:1 gegen Dänemark und beim 6:1 gegen Serbien zuvor war auch Nübel nicht richtig gefordert gewesen, zumindest nicht spielentscheidend. Er war jeweils mit einem Elfmeter überwunden worden. Diesmal begann das Spiel aus seiner Sicht mit einem Fehlpass im Spielaufbau nach rund 20 Minuten. Deutschland führte da schon 1:0 durch das fünfte Turniertor von Luca Waldschmidt. Nübel hatte Glück, es hätte schon der Ausgleich sein können, und mit einer Niederlage hätte Deutschland ausscheiden können. Das 1:1 fiel dann vier Minuten später nach einem Elfmeter, den Nübel verursacht hatte: Er war Kalajdzic, dem großen Stürmer, mit dem Knie voraus und außerhalb des Fünfmeterraums an den Kopf gesprungen, als er eine Flanke abfing. Kurz vor der Halbzeit hatte er wieder Glück, als er sich bei einer Flanke verschätzte. Der Kopfball von Kalajdzic flog an den Innenpfosten.

Die Spiele in Italien sind besondere für Nübel, zunächst mal, weil es sein erstes Turnier ist. Bis zur U14 war er Feldspieler, er hatte lange nur zweimal die Woche Torwarttraining, mehr gab es damals beim SC Paderborn nicht, die Torhüter schossen sich gegenseitig warm. Nübel war in der Jugend nie Nationalspieler. Aber seit dieser Saison ist es trotzdem bekannt, dass er als beidfüßiger, mitspielender und reaktionsstarker Torhüter zu den größten Talenten des Landes zählt. Der in der Rückrunde beurlaubte Trainer Domenico Tedesco machte ihn beim FC Schalke nach der Winterpause zur Nummer eins, weil er in der immer erfolgloseren Mannschaft etwas ändern wollte. "Außer Nübel könnt Ihr alle gehen", riefen dann im Frühjahr die Fans.

Die EM ist auch deshalb besonders für Nübel, weil er zum ersten Mal die gewöhnungsbedürftige Dynamik mitbekommt, die so ein Turnier in der öffentlichen Wahrnehmung hat. In der Rückrunde wurde über das Interesse des FC Bayern an ihmberichtet, Präsident Uli Hoeneß nannte einen möglichen Transfer "eine Investition unter 25 Millionen Euro", und auch Nübel selbst äußerte sich nicht immer zurückhaltend. "Als Schalke 04 hätte ich sicher anders agiert", sagte er in der Sport-Bild über seinen Vertrag, der in einem Jahr ausläuft, was ungewöhnlich ist für einen Spieler, den ein Verein behalten will.

Sein möglicher Wechsel ist nun natürlich ständig das Thema, doch in Italien redet er inzwischen nur noch ungern mit Journalisten. Vor dem Turnier sagte er der Bild-Zeitung, dass die A-Nationalmannschaft sein großes Ziel sei, "gerne so schnell wie möglich". Das ist ja auch die Idee einer U21-Nationalelf, in der man ja schlecht noch mit 31 mitkicken kann. "Natürlich will ich eine eigene Ära prägen", war dann vielleicht der eine etwas zu forsche Satz. "Nübel-Kampfansage an ter Stegen", lautete die Überschrift. Wie bei beiden Spielen zuvor lehnte Nübel deshalb auch am Sonntag auf dem Weg zum Teambus ein Gespräch freundlich ab.

Klaus Thomforde sprach dagegen gern, der Torwarttrainer kam dafür sogar noch mal aus dem Bus. Der frühere Bundesligatorwart beim FC St. Pauli, genannt "Das Tier im Tor", wollte gerne loswerden, dass Nübels Knie-gegen-den-Kopf-Foul aus seiner Sicht gar kein Elfmeter war. Er sagte gleich dazu, dass er wohl alleine sei mit dieser Meinung. Über Nübel, den Thomforde schon 2017, als er noch Schalker Ersatztorwart war, zur Nummer eins im DFB-Nachwuchs gemacht hatte, sagte er: "Aus meiner Sicht war's ein ganz wichtiges Spiel, auch für Alex. Er hat nach hinten raus außergewöhnliche Aktionen gehabt." Und: "Er hat sich vielleicht ´ne Minute nicht im Griff gehabt. Das ist ´ne außergewöhnliche mentale Leistung." Kuntz sagte: "Er war dann noch zweimal zu hundert Prozent da und hat uns am Leben gehalten." Nach Kalajdzics Kopfball parierte Nübel noch einen Schuss von Husein Balic, der frei auf ihn zugelaufen war. Diesmal hielt er mit dem rechten Fuß. Thomforde sprach von einem "big save".

Wertvolle Turniererfahrungen zu sammeln als Torhüter, das bedeutet natürlich nicht gleich den Beginn einer großen Karriere. Manuel Neuer war ein Jahr nach dem U21-EM-Sieg 2009 Nationaltorwart. Julian Pollersbeck ist zwei Jahre nach dem EM-Sieg 2017 beim Hamburger SV nicht mehr Teil der Zukunftsplanung.

Es geht wohl darum, wie man die Erfahrungen verarbeitet. Nübel jubelte kaum am Sonntag. "Wenn er zu einhundert Prozent zufrieden wäre mit seiner Leistung, dann müssten wir reden", sagte Kuntz: "Ist er aber nicht."

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