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Deutsche U 21 im EM-Viertelfinale:"Kein Spieler kriegt von mir jetzt eine Zusage"

Germany v Romania - 2021 UEFA European Under-21 Championship

Niklas Dorsch ragte im deutschen Mittelfeld heraus - das Viertelfinale wird er aber gelbgesperrt verpassen.

(Foto: David Balogh/Getty)

Die deutsche U 21 glänzt bei der EM mit ausgeprägtem Teamgeist, muss sich aber fragen: Wie lang ist das Haltbarkeitsdatum? Denn erst in zwei Monaten tritt sie im Viertelfinale an.

Von Ulrich Hartmann, München

Viereinhalb Stunden, nachdem die deutschen U-21-Fußballer bei der Europameisterschaft das ersehnte Viertelfinalspiel erreicht hatten, landeten sie Dienstagnacht in Köln. "Komisches Gefühl", sagte der Wolfsburger Ridle Baku. "Bisschen schade, dass wir jetzt nicht einfach zusammenbleiben und weitermachen können", sagte der Mainzer Jonathan Burkardt.

Das Turnier ist wegen Corona zweigeteilt. Ihr Viertelfinale spielen die Deutschen erst am 31. Mai. Aber das Schlimmste ist: Keiner der 23 Spieler, die für die drei Gruppenspiele der Vorrunde mit in Ungarn dabei waren, kann sich hundertprozentig sicher sein, dass er auch zur K.-o.-Phase wieder nominiert wird. "In zwei Monaten kann so viel passieren", sagt der Bundestrainer Stefan Kuntz. "Kein Spieler kriegt von mir jetzt eine Zusage, dass er dann wieder dabei ist."

"Besondere Zeiten - besonderes Team", stand eine Woche lang im Mannschaftshotel auf einem großen Banner. Der wohlwollende Blick auf seinen talentierten Kader hat sich bei Kuntz durch ein 3:0 gegen Ungarn, ein 1:1 gegen die Niederlande und ein 0:0 gegen Rumänien vor allem wegen der starken Mentalität der Spieler sogar noch verstärkt. Wenn zwischen Vor- und Hauptrunde aber zwei volle Monate liegen, in denen die Spieler in ihren Klubs ein umfangreiches Programm zu absolvieren haben, dann fühlt sich so eine zerrissene EM eben seltsam an. Dann weiß auch niemand, ob sich der binnen einer Woche hergestellte Teamgeist zwei Monate später so einfach reproduzieren, sprich: nahtlos fortsetzen lässt.

Der herausragende Mittelfeldspieler Niklas Dorsch von KAA Gent ist da zuversichtlich - ausgerechnet! Er wird das Viertelfinale nämlich auf jeden Fall verpassen, weil er dafür gelbgesperrt ist. Aber er sagt: "Wir sind so eine geile Truppe - die Jungs werden im Viertelfinale für mich Gas geben."

Die deutsche Defensive verdient sich ein Lob

Für eine Vollgas-Truppe zogen die U-21-Fußballer ganz schön zittrig ins Viertelfinale ein. "Gottseidank!", seufzte Ridle Baku am Dienstagabend kurz nach dem Abpfiff. Das 3:0 zum Auftakt gegen Ungarn war eine Pflichtübung. Gegen die Niederlande schossen sie den 1:1-Ausgleich erst sechs Minuten vor Schluss. Und das torlose Remis zum Abschluss gegen Rumänien war eine latent explosive Angelegenheit. Mateo Klimowicz vergab eine Chance frei vorm Torwart, Lukas Nmecha schoss einen Handelfmeter an den Pfosten und Amos Pieper köpfelte an die Latte. Ein einziges Tor der stets lauernden Rumänen hätte das Turnier-Aus bedeutet.

Für Kuntz sticht in der Bilanz der Vorrunde positiv heraus, dass man nur ein Gegentor zuließ, das nur durch einen kapitalen Patzer des Torwarts Finn Dahmen entstand. Er hatte dem Niederländer Justin Kluivert den Ball zum Einschuss vorgelegt. "Unsere Abwehr war extrem gut, sie konnte nur ein Mal von Finn Dahmen bezwungen werden", witzelte Kuntz.

Das Lob für die stabile Defensive gebührt vor allem dem Zentrum mit den Sechsern Niklas Dorsch und Arne Maier (Arminia Bielefeld) sowie den Innenverteidigern Amos Pieper (Bielefeld) und Nico Schlotterbeck (Union Berlin). Beim Pressing und beim Umschalten blitzte die gute Ausbildung aller Beteiligten immer wieder auf. Bloß bei der Chancen-Kreation und -Verwertung im dichten Gedränge des gegnerischen Strafraums stießen sie gegen starke Niederländer und Rumänen an ihre Grenzen. "In der Offensive gibt es vieles zu verbessern", sagt Kuntz, "das ist aber auch der schwierigste Teil, wenn man mit einer Mannschaft nur für eine begrenzte Zeit zusammen ist." Dorsch meinte: "Das Toreschießen haben wir uns für die K.-o.-Spiele aufgehoben."

Zum vierten Mal nacheinander bei einer EM ist eine deutsche U 21 nun in diese K.-o.-Runde eingezogen. Zuvor war das drei Mal ein Halbfinale gewesen. Jetzt gibt es angesichts von 16 Teilnehmernationen erstmals ein Viertelfinale. Es wird also schwieriger, die Titel von 2009 und 2017 zu wiederholen. Zumal die aktuelle Generation das Gefühl gibt, nicht ganz an die Qualität der Siegermannschaften von 2009 und 2017 heranzureichen. Aber Geduld ist das Gebot. Mit Willen und Leidenschaft kann man ja vieles wettmachen. "Mich freut vor allem, dass dieser Kader sich eine weitere Chance erarbeitet hat, auf dieser Bühne EM aufzutreten", sagt Kuntz.

Bundestrainer Stefan Kuntz muss vor allem den Stürmern um Mergim Berisha noch Lösungen an die Hand geben.

(Foto: Attila Kisbenedek/AFP)

Kuntz als Nachfolger von Löw? Der U-21-Trainer übt sich in vornehmer Zurückhaltung

Er selbst wird in den kommenden zwei Monaten seine Kandidaten ganz genau beobachten - genauso wie nebenher die Debatte um die Nachfolge des Bundestrainers Joachim Löw. Kuntz gilt als Kandidat. Er selbst, sagte er immer wieder und zuletzt am Dienstagabend mit seinem entwaffnenden Lächeln, beschäftige sich mit diesem Gedanken nicht. Aber das ist eher ein Akt der vornehmen Zurückhaltung. "Wenn beim DFB jemand denken sollte: Wir reden mal mit dem Stefan Kuntz - dann gehe ich da auch hin", gibt er zu.

Das Pfund mit dem er wuchern kann: Mit seinen Assistenten Daniel Niedzkowski, Antonio Di Salvo und Klaus Thomforde bildet er eine eingeschworene und turniererfahrene Gemeinschaft. Außerdem haben die meisten der künftigen A-Nationalspieler in den vergangenen vier Jahren schon mal mit großer Freude bei diesen Vier in der U 21 gespielt. Stefan Kuntz ist in den kommenden Wochen in jeder Hinsicht im Wartestand: was seine U 21 angeht genauso wie bei einer möglichen Beförderung.

© SZ/tbr/jkn
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