bedeckt München 25°

Missbrauch im Sport:Der Zorn der Turnerinnen

Simone Biles (USA), OCTOBER 13, 2019 - Artistic Gymnastics : The 2019 Artistic Gymnastics World Championships, Women s A; Simone Biles, Missbrauch, Turnen, Stuttgart

"Ihr hattet nur einen Job", klagte Simone Biles während der WM 2019 in Stuttgart: "Uns vor ihm zu beschützen. Und ihr habt versagt."

(Foto: imago images/AFLOSPORT)

Eine Netflix-Dokumentation beleuchtet den Nassar-Fall, den größten Missbrauchsskandal im Sport. Übrig bleibt tiefes Misstrauen und neue Wut.

Und dann dieser Satz, kühl, scharf und endgültig: "Ich habe eben Ihr Todesurteil unterschrieben."

Am 24. Januar 2018 war das, in einem Gerichtssaal im US-Bundesstaat Michigan. An Richterin Rosemarie Aquilina lag es, das Urteil über Larry Nassar zu fällen und einen Schlussstrich zu ziehen unter einen der spektakulärsten Prozesse des Sports. Den schlimmsten Missbrauchsfall, das mit Sicherheit. Rund 140 Opfer waren während der mehrtägigen Verhandlung zu Wort gekommen.

23 Minuten brauchte Aquilina am Ende für die Urteilsverkündung. "Sie verdienen es nicht, noch einen Tag in Ihrem Leben frei zu sein", erklärte sie dem Angeklagten. Nassar, damals 55, muss für 40 bis 175 Jahre ins Gefängnis. Das Publikum klatschte. Die anwesenden Opfer umarmten sich. Wobei sie sich nicht Opfer nennen, sondern "Survivors", Überlebende.

Nun, mehr als zwei Jahre später, hat der Streamingdienst Netflix eine Dokumentation über den Skandal produziert. Ursprünglich hätte der 103-minütige Film bereits im Frühling in New York uraufgeführt werden sollen, nach der Absage des Tribeca Film Festivals wegen der Corona-Pandemie schaltet ihn Netflix nun diesen Mittwoch, 24. Juni, frei. Der Titel: "Athlete A" - ein Hinweis auf den ungeheuerlichen Hintergrund des ganzen Falles. Denn das US-amerikanische Turnen war ein nach außen verschwiegenes System. Nicht die Funktionäre, nicht die Behörden, Ärzte oder Eltern hatten den ersten Schritt zur Aufklärung riskiert, sondern eine noch minderjährige betroffene Turnerin, Maggie Nichols - in den Akten geführt als Athlete A.

Gefangen in einem Erfolgssystem

Jahrzehntelang war Nassar Chefarzt von USA Gymnastics gewesen. Fünfmal reiste er für das Nationale Olympische Komitee (Usoc) zu Olympia. Mindestens 265 Mädchen und junge Frauen haben mittlerweile ausgesagt, dass Nassar sie missbraucht habe, die Dunkelziffer ist wohl weit größer, mit über 500 Opfern wird gerechnet. Dabei hat Nassar die Lage der Turnerinnen, deren Abhängigkeit und oft auch Einsamkeit ausgenutzt. Sie waren gefangen in einem Erfolgssystem, von dem sich oft auch die Eltern existenziell abhängig gemacht hatten und an dem viele zu lange festhielten.

Aufmerksam auf Nassars Methoden wurde die Öffentlichkeit erst am 4. August 2016. An diesem Tag erschien in der Lokalzeitung Indianapolis Star ein Artikel mit dem Titel: "Blind für sexuellen Missbrauch: Wie es USA Gymnastics verpasste, Fälle zu melden." Die Autoren und Autorinnen hatten monatelang recherchiert, in den Wochen danach meldeten sich immer mehr Frauen. So kam die Welle ins Rollen.

Die wichtigsten Zeugen für die Redaktion waren Rachael Denhollander, heute als Juristin federführend im Kampf der Opfer gegen USA Gymnastics, und vor allem Maggie Nichols, 22. Sie wurde als 15-Jährige erstmals von Nassar missbraucht. Als sie sich deswegen mit einer Teamkollegin austauschte, bekam das zufällig eine Trainerin mit, die sich wiederum an den Turnverband wandte. Doch zunächst geschah nichts: Man regelte die Dinge intern.

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite