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Deutschland bei der Turn-WM:Turner in der Extrem-Achterbahn

2019 World Artistic Gymnastics Championships

Andreas Toba bangt während des Wettkampfs um die Olympia-Qualifikation.

(Foto: REUTERS)
  • Das deutsche Turnquintett der Männer qualifiziert sich bei der WM in Stuttgart für Olympia.
  • In der Zitterpartie am Montagabend erreichen Andreas Toba und Co. den zwölften Rang - und lösen das letzte Ticket für Tokio.

Von Volker Kreisl, Stuttgart

Auf und ab ging es, rauf und runter. Laut war es in der Halle und dann plötzlich wieder still, trocken waren die Hände vom Magnesia und dann wieder nass wie bei einem Fisch, erklärte der Bundestrainer - vor lauter Anspannung. Angesichts dieses Wettkampfs war es verständlich, dass später der abgegriffene Vergleich bemüht wurde: Die deutschen Turner wirkten tatsächlich wie eine Fahrgruppe in einer der Extrem-Achterbahnen, die gerade nebenan auf dem Cannstatter Wasen in den Himmel jagen und wieder zurück.

Am Ende sind sie zwar nicht rausgefallen aus ihrer Kiste, aber die Anspannung blieb noch die ganze Nacht und den folgenden Tag bis zum späten Montagabend. Erst als dann drei Turner des letzten Konkurrenten Niederlande am Sprung patzten oder stürzten, war klar, dass das Team von Bundestrainer Andreas Hirsch noch den zwölften und letzten Platz für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio erreicht. Davor schon hatte diese ersatzgeschwächte Riege aber trotz aller Improvisation und seiner Leistungsgrenzen die Zuschauer gut unterhalten.

Die Schüttelfahrt der Deutschen begann am Sonntagabend um halb acht am Barren. Auf den späten Termin hatte man sich mit einer Art Jetlag-Planung schon seit Wochen vorbereitet, die Haupteinheiten fanden in den Abendstunden statt. Durcheinandergewürfelt war das Team, nachdem der Olympiazweite Marcel Nguyen wegen eines Sehnenrisses ausgefallen und der Berliner Philipp Herder, 27, nachgerückt war. Zudem stand darin der 19-jährige Karim Rida, der kürzlich im internen Vergleich die meisten Turner überraschend abgehängt hatte. Dazu kamen die Älteren, Lukas Dauser und Andreas Toba, sowie der 21-jährige Nick Klessing, kein Allrounder, aber einer mit entscheidenden Stärken, wie der Abend zeigen sollte.

Das Pauschenpferd wird wieder zu einer Art Schicksalsgerät für die deutschen Turner

Der Barren liegt Hirschs Riegen, und los ging's gleich mit Tobas starker Vorführung, worauf aber Rida in den Handständen nachstemmen musste, Herder beim Abgang stürzte - und Dauser schon unter Druck stand. Drei von vier Übungen werden bewertet, zwei Patzer an einem Gerät konnte sich die deutsche Mannschaft nicht leisten. Doch Dauser, der Barrenspezialist, turnte kerzengerade und nahezu fehlerfrei. 15,033 Punkte, Dauser und Toba schleuderten die Fäuste, die anderen ruderten mit den Armen und wähnten sich im Aufschwung. Am Reck legte das Team nach, doch schon am übernächsten Gerät, dem Pauschenpferd, eine Art deutsches Schicksalsgerät, war die Luft wieder draußen und die Halle still. Der Grund: zwei Stürze an einem Gerät.

Viel Zeit zur Krisenbewältigung ist trotz Pausen und Wartezeiten auch nicht im Innenraum einer Turnarena. Hirsch sagte später dennoch, sein Team habe "den Schulterschluss hingekriegt". Teamgeist kann man nicht spontan verordnen, er zählt zum Grundlagentraining, und auf die Frage, wie er das in 15 Jahren als Riegenchef immer wieder geschafft hat, reagierte der Berliner verwundert. Er betrachte sich als Teil der Mannschaft, "nur bin ich schon länger auf der Welt". Er versuche den Sportlern deshalb "was zu vermitteln", und zwar: "Was ick gelernt habe, und dass ick auch nur 'n Mensch bin, und dann tut man sich zusammen." Hirsch lebt den Teamgeist vor, und der lebte nun, anders als die Stimmung der Fans, weiter.

An den Ringen hat dieses Team aus Reck- und Barrenkönnern in all den Jahren noch keine großen Momente erlebt, aber nun galt es, Dausers und Herders Patzer vom Pferd auszubügeln; sie waren irgendwann zwischen Kraftbelastung, Balance und Dauerdrehungen aus dem Rhythmus gekommen. An den Ringen dann erwachte das Publikum wieder, vor allem in dem Moment, als Nick Klessing seine Übung präsentierte - versehen mit vielen Kraftteilen und einem hochwertigen Abgang, einem Dreifach-Salto, der ihn für das Ringfinale qualifizierte. Als dann auch Toba nach starker Übung per Salto von den Ringen sprang, als er abermals die Fäuste schwang, da schien Hirschs Gruppe nicht mehr unterzukriegen sein. Erst recht nicht am Sprung.

Da hatten sie ja zuletzt oft wichtige Punkte geholt, doch mit dem Happy End wurde es nichts, und Hirsch lamentierte danach auch nicht lange. Man hatte starke und eben auch schwache Momente: "Wir wussten, wir werden mit Fehlern konfrontiert." Diesmal war es Nick Klessing, dem ein wichtiger im Plan kalkulierter Sprung entglitt, der Doppelsalto vorwärts gehockt. Beim Aufsetzen geriet er zu stark in Vorlage und griff in die Matte.

Die restlichen Sprünge sorgten wieder für Lautstärke, dann aber gelang Spaniens und Brasiliens Schluss-Turnern je ein starker Vortrag. Hirschs Riege fiel zurück auf Platz fünf und musste eine Nacht und einen Tag um Olympia bangen, hatte andererseits aber schon je einen Finalplatz am Barren (Dauser), im Mehrkampf (Toba) und an den Ringen (Klessing) sicher. Und 24 Stunden später, am Montagabend zudem die Gewissheit, dass sie Olympia, um das sich auch im Turnen fast alles dreht, nicht verpassen.

© SZ vom 08.10.2019/lys
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