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TSV 1860 München:Drei Spitzennachrichten an einem Tag für 1860

KFC Uerdingen - TSV 1860 München

Wer soll da Contenance oder Distanz wahren: Trainer und Spieler von 1860 bejubeln das 1:1.

(Foto: dpa)

Der TSV 1860 dreht die Partie gegen Uerdingen und meldet sich zurück im Aufstiegskampf. Der Klub darf sogar von einer Zweitliga-Zukunft im Grünwalder Stadion träumen.

Von Philipp Schneider

Nanu, wann gab es denn jemals sowas? Drei Spitzennachrichten an einem Tag? Beim so gerne mal traurigen Löwen?

In Giesings Boazn rund um das Grünwalder Stadion werden sie die Bilder dieses Tages vielleicht irgendwann mal einrahmen wollen. Schade nur, dass keiner der Fans im Stadion leibhaftig dabei war, an diesem 9. Juni 2020, als sich der TSV 1860 München mit einem 3:1 beim KFC Uerdingen mit Wucht im Aufstiegskampf der dritten Liga meldete. Nach einem kuriosen Spiel mit zwei spiegelbildlichen Hälften, in dem die Münchner eine Wandlung vom Saulus zum Paulus vollzogen, wie ihr bibelfester Trainer Michael Köllner hätte urteilen können. Machte er natürlich nicht. Köllner sagte: "Es geht einfach darum, in der Halbzeit zu analysieren. Damit man in der zweiten Hälfte noch was machen kann und die Spieler den Glauben nicht verlieren."

Sollten die Löwen aufsteigen, müssten sie gar nicht erst umziehen

Eines der Bilder für die Boazn zeigt den jungen Leon Klaasen, der seinen Finger im Jubel in den Himmel streckt, nachdem ihm in der 66. Minute nach einem Konter über den schnelle Stefan Lex die Vorentscheidung gelungen war. Aber der Fußball sorgte ja nur für die letzte frohe Botschaft an diesem Tag für 1860.

Am Nachmittag dieses 9. Juni 2020 hatte die DFL bekanntgegeben, im Aufstiegsfall das gute, alte, teils marode Grünwalder Stadion zumindest für eine Übergangsphase in der zweiten Liga zu akzeptieren. Sollten die Löwen also aufsteigen, müssten sie gar nicht erst umziehen! Durchgesickert war zudem: Die Gesellschafter des Klubs hatten sich, nachdem sie jeweils einen eigenen Kandidaten aufgestellt hatten, auf einen Finanz-Geschäftsführer geeinigt. Dies konnte nur bedeuten, dass der e.V.-Favorit Nicolai Pfeifer, derzeit beschäftigt bei den Stuttgarter Kickers, Nachfolger von Michael Scharold werden wird. Nur die e.V.-Vertreter hätten einer Einigung mit 50+1 nachhelfen können.

Und damit zum Fußball.

Sechzig hatte beim 1:2 gegen Würzburg zuletzt überspielt gewirkt. In der ersten Niederlage Köllners bei 1860 im 17. Spiel. "Es wäre ein Traum gewesen, als Trainer bei Sechzig kein Spiel zu verlieren", hatte er danach im Scherz gesagt.

Für Uerdingens Führung sorgt ausgerechnet Ex-Löwe Grimaldi

Köllner jedenfalls nominierte wegen der grassierenden Müdigkeit acht (!) neue Spieler. Eine größere Versuchsapparatur lässt sich kaum aufbauen. Wer so etwas wagt, der glaubt, keine Alternative zu besitzen: Berzel, Klassen, Karger, Böhnlein, Paul, Gebhart, Niemann und Owusu begannen für Bekiroglu, Dressel, Erdmann, Lex, Moll und Willsch sowie den gelb-gesperrten Mölders und Steinhart.

Hatten die Löwen in den vergangenen drei Partien den Ball kunstvoll kreisen lassen und sich mit Ballbesitz durchs Zentrum gepasst, so verfolgte das uneingespielte Löwenrudel nun eine andere Strategie: Viel Kampf, viel Gerenne. Und viele weite Pässe, die auf Köpfen zwischenlandeten und von dort sonst wohin sprangen. Die beste Szene bei den Münchnern zu Beginn: Eine Rettungsaktion von Daniel Wein, der nach einem Ballverlust von Aaron Berzel im Mittelfeld dem konternden Osayamen Osawe den Fuß in seinen Torabschluss hielt (13.). Uerdingen passte sich etwas zwingender in Nähe des Strafraums. Sechzig fehlten Struktur, Ideen und Ordnung im Aufbau, die ihr Efkan Bekiroglu für gewöhnlich verleiht. Und der Raum für Anspiele, den Sascha Mölders mit seinem Körper gerne freisprengt.

In der 36. wurde der Ansturm der Krefelder zu groß: Berzel klärte im eigenen Strafraum, köpfte den Ball aber nicht aus der Gefahrenzone. Franck Evinas Flanke rollte durch den Fünf-Meter-Raum - und dann schob ausgerechnet Adriano Grimaldi den Ball über die Linie. Der bullige Stürmer mit dem schwarzen Vollbart hatte sich 2019 nach sieben tollen Monaten von den Löwen verabschiedet, um mit Uerdingen um den Aufstieg zu spielen. Das könnte er jetzt besser bei 1860 erleben.

Unverändert kehrte Sechzig zurück auf den Platz. Köllner wechselte erst nach dem Ausgleich, den Kristian Böhnlein so überraschend wie sehenswert herstellte: Nach einem Freistoß prallte der Ball ab von einem Oberschenkel des Krefelders Matuschyk, sprang vor Böhnleins Füße, der ihn zu Ehren seines ersten Profitors aus 30 Metern in den Winkel fliegen ließ. Nun erst brachte Köllner Bekiroglu und Lex für Niemann und Karger. Und schon fünf Minuten später brachte Klaasen einen Konter über Lex zum 2:1 ins Ziel.

Krefeld drängte und drückte in den letzten Minuten mit Wucht. Aber das letzte Tor des Tages erzielte Bekiroglu in der Nachspielzeit. Sechzigs Spielmacher, bei dem es lange Zeit so aussah, als räche es sich fürchterlich, dass ihn Köllner 61 Minuten nicht mitspielen ließ.

© SZ vom 10.06.2020/sonn

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