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Trainer bei der Weltmeisterschaft:Diese WM ist ausgeglichen wie selten

Brasiliens Trainer Tite, Frankreichs Coach Deschamps und Deutschlands Teamchef Joachim Löw

(Foto: AFP/Getty/Getty)

Deshalb kommt es in Russland vor allem auf die Regisseure an der Seitenlinie an. Weltmeister-Trainer wird, wer es schafft, seinen vielen Berühmtheiten eine gemeinsame Fixierung einzuimpfen.

Kommentar von Klaus Hoeltzenbein

Paul ist tot, jetzt geht es mal wieder um sein Erbe. Allerorten wird sich die Tierwelt mächtig ins Zeug legen, um jenem legendären Tintenfisch nachzueifern, der sich 2010 während der WM in Südafrika zu globaler Berühmtheit orakelte. Von Schneeleoparden, Zwergponys, Microschweinen und Elefantenkühen ist bereits die Rede, die sich versuchen wollen - Russland schickt angeblich ein taubes Kätzchen ins Rennen. Alle eint ein Ziel: nicht nur die richtigen Resultate, sondern so früh wie möglich auch den richtigen Weltmeister vorhersagen zu wollen. Paul, der Oktopus, hat die Messlatte ziemlich hoch gelegt - er sagte alle sieben Spiele der drittplatzierten Deutschen richtig voraus und schlug sich zum Turnierende clever auf die Seite Spaniens, das prompt gewann.

Wieder also ist ein animalischer Konkurrenzkampf zu erwarten. Geht es doch nicht nur um Ruhm und Ehre, sondern natürlich um Propaganda für Heger und Pfleger, die ihre Futterspuren zum Prognose-Ziel auslegen. Paul hatte damals seinem Oberhausener Großaquarium, in dem er kurz nach der Südafrika-WM eines angeblich natürlichen Todes starb, zu einem Zuschauerboom verholfen.

Fast jede Niederlage bedeutet das Scheitern

Wer sich also für seinen Zoo nun Ähnliches erhofft, sollte Leoparden und Kühe, Schweine und Ponys unbedingt auf das Foto eines juvenilen 58-Jährigen mit nahezu pechschwarzem Haarschopf konditionieren: Joachim Löw ist immer noch dabei! Seit zwölf Jahren ist er nun schon im Bundestraineramt; seine Mannschaft zählt nicht nur, weil sie Titelverteidiger ist, zu jenem Quartett, dem zugetraut wird, alle Spiele dominieren zu können. Man muss jetzt auch nicht unbedingt das neue Tentakel-Orakel sein, um mutig zu behaupten, dass der Weltmeister nur Brasilien, Spanien, Frankreich oder Deutschland heißen könne. Wer sich absichern will, haucht beim Auguren-Toto allenfalls ein zartes Belgien, Argentinien, England oder Portugal hinterher. Na, wer denn sonst? Doch wer von all diesen?

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Paul wurde einst auf Fahnen gedrillt. Diese wurden an den Rand der Futtertöpfe geklebt, über denen er zielsicher niederglitt. Vom deutschen Schwarz-Rot-Gold gegen Ende aufs spanische Rot-Gelb-Rot zu wechseln, war 2010 relativ einfach, beide Teams hatten zwei Jahre zuvor in Wien schon das Finale der Europameisterschaft bestritten. In Russland, dies als Warnung, wird es schwerer. Auch deshalb empfiehlt es sich, in der Dressur der Orakel jetzt zu wechseln: von den Fähnchen zu den Fotos, von den Ländern zu den Trainern, zu den Konterfeis von Löw, von Lopetegui (Spanien), Tite (Brasilien) oder Deschamps (Frankreich).

Weil sich die Stars, von Neymar bis Kroos, Iniesta bis Mbappé, Messi bis Ronaldo, so gleichmäßig auf alle Favoriten verteilen, und weil die WM-Kader ausgeglichen wie selten sind, wird es mehr denn je auf die Wirkkraft der Regisseure an der Seitenlinie ankommen. Auf ihre Fähigkeit, einer Ansammlung ausgeliehener Klubspieler eine Idee, eine gemeinsame Fixierung einimpfen zu können. WM-Trainer zu sein, das ist ein gut dotierter, aber kein leichter Job, denn alles passiert im Konzentrat. Fast jede Niederlage bedeutet das Scheitern, wild interpretiert im Range der nationalen Katastrophe.

Von Tite kennt man seine Vorliebe für Designer-Anzüge. Paul, die Krake, hatte Tites Brasilianer damals nicht auf der Rechnung. Wer jedoch jetzt die Absicht hat, den Paul des Sommers 2018 anzufüttern, der sollte sich von diesem smarten Mittfünfziger sofort ein Bild machen.

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© SZ vom 13.06.2018/ebc
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