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Tragödie im Brüsseler Heysel-Stadion:Beschämende, obszöne Reaktionen

Sein Sohn Andrea ist jetzt 33 Jahre alt. Er hat einen jüngeren Bruder. Zwei Jungen wuchsen in der Toskana vaterlos auf, weil es Hooligans gefiel, Anhänger einer gegnerischen Mannschaft brutal zu attackieren, sie hemmungslos zu schlagen, sie zu töten. Man muss Andrea Lorentini nicht fragen, welchen Platz die Katastrophe von Heysel in seinem Leben hat. Sie bestimmt alles, bis heute. Lorentini ist Sportjournalist geworden, er arbeitet für ein Lokalfernsehen in Arezzo. Und er ist Vorsitzender im Verein der Angehörigen der Opfer. Gegründet wurde dieser Verein von seinem Großvater Otello. Dieser Eisenbahner aus der Toskana, ein moderater Fan des AC Florenz, kämpfte nach dem gewaltsamen Tod seines einzigen Kindes in einem verfluchten Fußballstadion dafür, dass die Verantwortlichen bestraft wurden. Sein Kampf dauerte Jahre.

Schließlich gewannen die Angehörigen als Nebenkläger den Prozess. 14 Liverpool-Hooligans wurden zu drei Jahren Gefängnis verurteilt - einige von ihnen erhielten in der Berufung einen Strafnachlass. Alle englischen Klubs wurden für fünf Jahre von den Uefa-Wettbewerben ausgeschlossen, der FC Liverpool für sechs Jahre. Zu Bewährungsstrafen verurteilt wurden ein belgischer Fußballfunktionär, der Polizeichef von Brüssel, sowie der Schweizer Uefa-Generalsekretär Hans Bangerter.

"Mein Großvater hat erreicht, dass die Uefa als Veranstalter zur Rechenschaft gezogen wurde", sagt Lorentini. Er sitzt in einem Café in der Altstadt von Arezzo, ernst und energisch in seiner braunen Lederjacke. Voriges Jahr starb Otello, jetzt führt der Enkel den Kampf weiter. Den Kampf nach 30 Jahren? "Es geht immer noch um Wahrheit." Der Umgang mit Heysel ist ein Beispiel von vielen für Italiens Schwierigkeiten mit der Vergangenheitsbewältigung. Sogar die vor anderthalb Jahrhunderten erfolgte Reichseinigung ist für manche Italiener ein Tabuthema, geschweige denn ihr Kolonialismus und Faschismus. Oder auch die Katastrophe in einem Stadion vor drei Jahrzehnten.

Platinis Torjubel wurde ihm nie verziehen

Die Italiener waren Opfer. Aber sie wurden auch Sieger: Auf dem Rasen des Heysel-Stadions gewann Juventus seinen ersten Landesmeister-Pokal mit einem Strafstoß von Michel Platini, dem heutigen Uefa-Präsidenten. Juve musste spielen, damals. Den Fußballern war das Ausmaß der Katastrophe noch nicht klar, sie wussten nur, dass etwas Schlimmes geschehen war. Man befahl ihnen, das Spiel auszutragen, der Anpfiff kam mit 85 Minuten Verspätung. Michel Platini jubelte über sein Tor, das wurde ihm von vielen nicht verziehen. Die Angehörigen der Opfer baten Juventus, auf den Pokal zu verzichten. Das lehnte der Klub ab. Heute ist der Pokal im Trophäensaal des Juve-Museums zu sehen, verbunden mit der Erinnerung an die Opfer. Mitten in der Ausstellung steht eine Stele mit ihren Namen.

"Es muss mittendrin sein, nicht in einem abgesonderten Raum, denn Heysel gehört zu unserer Geschichte", erklärt Paolo Garimberti, ehemals Intendant des Staatssenders RAI und heute Museumsleiter. Am 29. Mai wird Garimberti in Brüssel sein, bei der Gedenkveranstaltung mit dem Bürgermeister, den Botschaftern Englands und Italiens und mit Sergio Brio, dem Vizekapitän der Mannschaft von 1985. Damals war der Journalist nicht ins Stadion gekommen, ohne Angabe von Gründen wurden Garimberti und seine Reisegefährten von der belgischen Polizei zum Flughafen eskortiert und dort in den nächsten Flieger nach Italien gesetzt. Heysel, sagt Paolo Garimberti, inzwischen ein würdiger Signore in den Siebzigern, habe seither immer an ihm genagt. Und nicht nur an ihm. Juve-Präsident Andrea Agnelli, zur Zeit der Katastrophe ein neunjähriges Kind, erinnerte bei der Eröffnung des neuen Juventus-Stadiums ebenso an Heysel wie bei den Aktionärsversammlungen. Agnelli pflegt enge Verbindungen zum Opferverband, er schickte eine Abordnung zum Begräbnis von Otello Lorentini. Und zur Vorbereitung des 30. Jahrestages lud er Andrea Lorentini nach Turin ein.

Geplant war eine gemeinsame Veranstaltung im Stadion, ein theatralischer Monolog über die Geschehnisse in Brüssel. Es wäre das erste Mal gewesen, dass Juventus in großem Stil an die Tragödie seiner Fans erinnerte. Doch dann konnten sich die Klubleitung und die Hinterbliebenen nicht über den Text einigen. Der sei Juve "zu anklägerisch" gewesen, berichtet Lorentini: "Wir wollten mahnen, Juventus wollte eine Gedenkfeier." Es wird jetzt nur eine gemeinsame Messe in Turin geben, wie zu jedem Jahrestag. Enttäuscht ist Andrea Lorentini über das Schweigen von Michel Platini. Immer wieder hat er versucht, Kontakt zum französischen Uefa-Präsidenten zu bekommen, stets prallte er an einer Mauer des Schweigens ab.

Das Ringen um die Erinnerung geht in Italien weiter. Es ist ein Kampf gegen die Gewalt und für den Respekt vor den Opfern. Denn die Toten von Heysel werden bis auf den heutigen Tag in italienischen Stadien verhöhnt, etwa in den Kurven des AC Florenz und von Inter Mailand. Manche Reaktionen auf die Gedenkaktion im Juventus-Stadium sind beschämend, entmutigend, obszön. Ungestraft zirkulieren sie im Internet, unerträglich nicht nur für Andrea Lorentini und die anderen Hinterbliebenen. Der Sohn des Arztes, der in Brüssel in Sorge um andere Juventini starb, ist übrigens Inter-Fan.

© SZ vom 28.05.2015
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