Start der Tour de France:Und was kostet der Spaß?

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Start der Tour de France: Die Tour beginnt in diesem Jahr in der dänischen Hauptstadt Kopenhagen.

Die Tour beginnt in diesem Jahr in der dänischen Hauptstadt Kopenhagen.

(Foto: Thibault Camus/dpa)

Die Dänen sind ein fahrradbegeistertes Volk - doch vor dem Tour-Start in Kopenhagen trüben ein paar unschöne Enthüllungen die Stimmung. Die Kosten sind viel höher als gedacht, und was wirklich in den Verträgen steht, wissen nur wenige.

Von Kai Strittmatter, Kopenhagen

Legendärstes Radrennen der Welt trifft auf beste Fahrradstadt der Welt: Das war das Motto, unter dem die Party, die am Freitag in Kopenhagen begann, eigentlich gefeiert werden sollte. Zum ersten Mal startet die Tour de France in Dänemark, und die fahrradbegeisterten Dänen waren wild entschlossen, daraus ein großes Volksfest zu machen. Sie sind es schon immer noch - aber ein paar unschöne Enthüllungen haben die Partylaune getrübt.

"Freue ich mich auf die Tour de France? Ja, verdammt. Wie verrückt", schrieb der Sportredakteur der Zeitung Politiken am Freitag: "Das ändert aber nichts daran, dass uns die Antwort auf eine entscheidende Frage fehlt." Es sind eigentlich mindestens zwei Fragen: Wieviel genau kostet der Spaß den Steuerzahler? Und wieso sind die Verträge mit dem privaten französischen Veranstalter bis heute geheim?

Eines kann man nicht sagen: dass die dänische Politik und der dänische Sport nicht alles gegeben hätten, um die Tour nach Dänemark zu holen. Jahrelang hatten sie Tourdirektor Christian Prudhomme mit einer solchen Leidenschaft umworben, hatten Premierminister und Kronprinz aufgefahren, so dass Prudhomme 2015 in Kopenhagen sagte, er sei nun seit 20 Jahren bei der Tour de France dabei, aber "dies ist das erste Mal, dass ich so willkommen geheißen wurde".

Mittlerweile ist klar: Die Versprechen werden nicht gehalten

Den Bürgern wurde all die Jahre versprochen, das Ganze sei ein gutes Geschäft für beide Seiten. Der frühere Handels- und Tourismusminister Rasmus Jarlov sagte, man werde über die globale Aufmerksamkeit und Werbung "ein Vielfaches" dessen verdienen, was man in die Tour hineinstecke. Der heutige Handels- und Industrieminister Simon Kollerup sprach dann immerhin noch von "100 Prozent" Profit, die Dänemark geschenkt würden.

Mittlerweile ist klar: Diese Versprechen werden nicht gehalten. Die Kosten sind um einiges höher als gedacht. Keiner weiß genau, wie viel die an den drei dänischen Etappen beteiligten Kommunen am Ende ausgeben werden, Politiken rechnete nach und kam auf Ausgaben von mindestens 180 Millionen Kronen (umgerechnet mehr als 24 Millionen Euro) - das wäre schon mal das Doppelte von den 90 Millionen, die vorher einkalkuliert waren. Die Zeitung Berlingske enthüllte dann vergangene Woche auch noch, dass die Rennsportteams der Tour-de-France-Karawane am Ende der dänischen Etappen auf Kosten des dänischen Staates nach Frankreich ausgeflogen werden.

Dass das Fest am Ende wohl ein "riesiges Defizitgeschäft", so Berlingske, werden wird, ist das eine. Davon allein wollten viele sich den Spaß nicht verderben lassen. "Kultur darf das: sich nicht auszahlen", lautete der Titel eines Kommentars. Dass ein Radrennen hier wie selbstverständlich der Kultur zugeordnet wird, sagt auch einiges über die dänische Seele aus.

Das andere aber war die Enthüllung von Politiken, wonach die Verträge Dänemarks mit dem Veranstalter ASO für die Bürger bis auf weiteres geheim bleiben. Unter dem Titel "Blackout" informierte die Zeitung die Dänen vor zwei Wochen, dass sie zwar fast das ganze Fest bezahlen dürfen, dass sie aber kein Recht haben, die Bedingungen, Auflagen und Zahlungen einzusehen, die zwischen dänischem Staat und den Kommunen auf der einen Seite und ASO auf der anderen Seite abgemacht sind. Weil die Verträge zur Verschwiegenheit verpflichten.

Eine Politikerin nennt die Verträge "undemokratisch und undurchsichtig"

Weil die Dänen aber mindestens so sehr von Demokratie und Transparenz begeistert sind wie vom Fahrradfahren, traf diese Enthüllung tiefer. Es handle sich um die mit Abstand größte öffentliche Investition in eine Sportveranstaltung auf dänischem Boden, erinnerte Politiken: "Ist es wirklich Aufgabe der Kommunen, Geld in ein privates französisches Unternehmen zu investieren?", fragte die Zeitung und erinnerte daran, dass dieselben Kommunen gleichzeitig bei Pflege und Schulen drastisch kürzen müssten. Transparency International Dänemark forderte, die Öffentlichkeit müsse selbstverständlich schnellstens Einblick in die Verträge bekommen.

Eine der wenigen Kommunalpolitikerinnen, die es wagten, sich öffentlich zu Wort zu melden, war Anna Bondo von der rot-grünen Einheitsliste in Roskilde. Sie hatte auf Nachfragen Einblick in die Verträge erhalten, darf daraus keine Details preisgeben, nennt sie aber "undemokratisch und undurchsichtig": "Die Tour ist eine Geldmaschine", sagte sie: "Es ist doch ungewöhnlich, dass der öffentliche Sektor ein solches Unternehmen finanziert." Sie berichtete gleichzeitig von dem Gefühl, von ihren Kollegen im Stadtrat für diese Kritik als Partykillerin betrachtet zu werden.

Die Oberbürgermeisterin von Kopenhagen, Sophie Hæstorp Andersen, verteidigte derweil die Verträge in Politiken: Die Vertraulichkeit sei nun einmal "der Preis, den wir bezahlt haben, um ein Weltereignis veranstalten zu dürfen". Doch, man sei schon bereit, die Details mit der Öffentlichkeit zu teilen - aber erst später, dann, wenn die Tour sich aus Dänemark verabschiedet hat. Danach also werde es "vollständige Transparenz" geben, und darauf freue sie sich.

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