Tour de France:Raubling sucht das Supertalent

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Mit viel Ausdauer hat der deutsche Radrennstall Bora-hansgrohe sich in die Weltspitze vorgeschoben: Nun strebt Teammanager Ralph Denk einen Gesamtsieg bei der Tour de France an.

Von Johannes Knuth, Cholet

Ralph Denk hatte sich diesmal ein Vier-Sterne-Hotel ausgesucht, um seine besten Fahrer für die Tour zu präsentieren. Ein Raum so üppig wie ein kleiner Ballsaal, Parkett, hohe Fenster, drei schlichte Kronleuchter, die den Raum in ein sanftes, goldenes Licht tauchten. Rund 80 Reporter waren gekommen, die meisten wegen Peter Sagan, der großen Nummer in Denks Bora-hansgrohe-Team. Später gab es Lachs-Häppchen und Mousse au Chocolat. Denk hat nie geknausert bei seinen Auftritten, aber so mondän präsentierte sich kaum eine Equipe in der vergangenen Woche, vor der 105. Frankreich-Rundfahrt.

"Wir freuen uns natürlich über das Interesse", sagte Denk, als er auf einem Balkon stand, von dem er den Saal überblickte. Er sprach mit einer Mischung aus Untertreibung und dem Stolz eines Vaters, der über seine Kinder berichtete: Der Sohn hat gerade das Abi geschafft, die Tochter das Studium, sie werden so schnell erwachsen ...

Denks Auswahl hat in dieser Saison noch mal einen großen Sprung gemacht, in ihrem erst zweiten Jahr in der ersten Liga des Radsports. Sagan gewann den Frühjahrsklassiker Paris-Roubaix. Der junge Österreicher Patrick Konrad und Davide Formolo stießen beim Giro d'Italia in die besten Zehn der Gesamtwertung vor, der Ire Sam Bennett spurtete zu drei Etappensiegen. Pascal Ackermann düpierte bei den nationalen Meisterschaften die deutsche Sprintelite. Und bei der Tour gewann Peter Sagan in La Roche eine Etappe und behauptete auf dem vierten Abschnitt am Dienstag das Grüne Trikot des besten Sprinters. Wenn es richtig gut läuft, könnte sich Rafal Majka sogar unter den besten Fünf im Klassement einfinden, aber das soll nur eine Etappe zu noch höheren Weihen sein. Er wolle "einmal in meinem Leben als Teammanager die Tour gewinnen", sagte Denk in Cholet im Gespräch, auf dem Balkon mit den Kronleuchtern. Es ist das ultimative, wohl schwerste Ziel, das sein Sport hergibt.

Tour de France: Im langen Anlauf: Team Bora will irgendwann an die Spitze des Radsports – beim Mannschaftszeitfahren 2018 kam es am Montag auf Rang sieben.

Im langen Anlauf: Team Bora will irgendwann an die Spitze des Radsports – beim Mannschaftszeitfahren 2018 kam es am Montag auf Rang sieben.

(Foto: Jeff Pachoud/AFP)

Andererseits hat der 44-Jährige aus Raubling durchaus ein Faible für Dinge, die schwer sind.

Denk war früher Amateurfahrer, sein erstes größeres Team war eine Continental-Auswahl vor acht Jahren. Dritte Liga, junge Fahrer, harte Zeiten. Denk musste im August oft nachrechnen, ob er sich die Dezembergehälter leisten konnte, Radsport galt als hoffnungslos dopingverseucht, vor allem in Deutschland. Er arbeitete sich langsam nach vorn; vor fünf Jahren entließ er seinen Sportdirektor Jens Heppner, als dessen Positivtest von der Tour 1998 bekannt wurde. Als NetApp, ein amerikanisches Software-Unternehmen sich als Hauptsponsor zurückzog, fragte Denk bei Willi Bruckbauer nach - einem Freund, der gerade ebenfalls ein Unternehmen aufbaute. A bisserl Nachbarschaftshilfe, unter Spezln.

Bruckbauer, kahler Kopf, fester Blick, war ebenfalls in Cholet, zum Start der Tour. Er hat im Tischlerbetrieb des Vaters gelernt, fuhr in der Rad-Bundesliga. Sein Glück machte er mit Bora, indem er einen Markt quasi aus dem Nichts erfand: ein Kochfeld mit einer Abzugshaube in der Mitte, die die Luft nach unten saugt. Auch er erlebte nicht imer einfache Jahre, aber er hielt durch, wie Denk. Heute trägt er jährlich einen zweistelligen Millionengewinn aus dem Markt, vertreibt in 55 Länder, das Einsteigermodell kostet 2300 Euro. "Wir hatten immer die Philosophie der vier A", sagt Bruckbauer: "Anders als alle anderen. Da hat der Radsport dazu gepasst." Als der 52-Jährige vor vier Jahren bei Denk einstieg, "da wollte man in Deutschland nicht viel vom Sport wissen", sagt er. Später kam Hansgrohe dazu, ein mittelständisches Unternehmen aus dem Schwarzwald, das Armaturen für Küche und Bad fertigt. Denks Team startete 2014 erstmals bei der Tour, 2017 stieg es in die erste Liga auf. Als Denk damals Peter Sagan auf seine Seite zog, den Weltmeister und schillerndsten Fahrer im Peloton, war die Szene verblüfft.

Le Tour de France 2017 - Stage Five

Bora-Teamchef Ralph Denk.

(Foto: Chris Graythen/Getty Images)

Mittlerweile hat Denk es tatsächlich geschafft, sein deutsches Team in der Rad-Spitze zu verankern - neben Sunweb, das aber eher niederländisch geprägt ist. Und er hat langfristige Zusagen seiner Sponsoren, ein seltenes Gut im Radsport. Bruckbauer verlängerte im Frühjahr bis 2021, Hansgrohe vor ein paar Tagen bis 2020. Das Budget liegt nicht mehr bei einer Handvoll Millionen Euro, wie noch vor vier Jahren, sondern im vorderen Drittel der World Tour, wo Teams schon mal rund 20 Millionen ausgeben. Der Zuschnitt hat sich da fast zwangsläufig verändert. "Wir haben schon Deutschland als Heimat", sagt Denk, "aber ich habe den Auftrag von allen großen Sponsoren, ein internationales Team zu führen." Das mache es einfacher, das Team in den Ländern zu bewerben, in denen auch die Sponsoren aktiv sind. Und Denk kann aus einem größeren Pool an potenziellen Fahrern schöpfen.

Denn da ist ja noch das Tour-Projekt.

Denk hat in diesen Tagen eine Art Casting angeschoben, nach dem Motto: "Welcher Fahrer hat das Supertalent?" Der Markt ist umkämpft, aber Denk ist gewillt - und mittlerweile auch befähigt - größere Ressourcen zu investieren. Er will eine Datenbank aufbauen, die jeder füttern soll, der einem Rennen beiwohnt, Trainer, Sportdirektoren, Späher, die speziell für Nachwuchsrennen ausgebildet werden sollen. Dann leuchte man die Vita eines Kandidaten aus. "Wir wollen eher Rennfahrer, die quasi lasch trainiert haben, sich nicht optimal ernährt haben, und trotzdem schon weit gekommen sind", sagt Denk. Das verspreche das größte Potenzial.

Tour de France: Boras bester Fahrer: Peter Sagan zieht nach der dritten Etappe das grüne Trikot des besten Sprinters über.

Boras bester Fahrer: Peter Sagan zieht nach der dritten Etappe das grüne Trikot des besten Sprinters über.

(Foto: Jeff Pachoud/AFP)

Wer ins Netz geht, wird dann Boras Umfeld zugeführt. "Wir gelten schon jetzt als eines der bestorganisierten Teams", sagt Denk mit nicht mehr ganz so viel Understatement, er lächelt. Er hat für jeden Bereich Experten engagiert, für die Ernährung einen eigenen Küchentruck, für die Leistung einen großen Trainerstab, damit die Fahrer sich nicht mit einzelnen Heimtrainern absondern, wie früher. 85 Festangestellte arbeiten mittlerweile fürs Team, rund ein Dutzend mehr als bei den üblichen World-Tour-Equipen. Darunter sind allein sechs Sportdirektoren, die sich um unterschiedliche Rundfahrten kümmern, und die Denk bewusst in den Wettstreit schickt. "Klar gibt's bei der Weihnachtsfeier Diskussionen, wer die meisten Rennen gewonnen hat", sagt der Teamchef, "aber im Endeffekt ziehen alle an einem Strang."

Die Struktur ist nicht neu; sie erinnert an das britische Team Sky, das vor ein paar Jahren mit einem hochwissenschaftlichen Ansatz eine neue Ära des sauberen Radsports begründen wollte. Heute? Geht es bei Sky vor allem um angeblich versehentlich gelieferte Testosteronpflaster und einen viermaligen Tour-Sieger, der auf undurchsichtige Weise einer Sperre entging und in Frankreich ausgebuht wird. Denk hält dem die mittelständische, deutsche Gründlichkeit entgegen, die er von seinem Projekt zeichnet. "Ich bin fest davon überzeugt, dass man die Tour sauber gewinnen kann", sagt er, "aber man muss vieles richtig machen." Jungen Fahrern auch mal Pausen gönnen, nichts erzwingen, das minimiert ja auch den Betrugsdruck. Lukas Pöstlberger, einer ihrer Entdeckungen, wollte vor einem Jahr sein Debüt in Roubaix geben, aber Denk spürte, dass der Österreicher müde war. "Der hat geheult, als wir ihn aus dem Kader gestrichen haben. Und drei Wochen später hat er uns im Trikot des Führenden umarmt, beim Giro."

Und Emanuel Buchmann, 25, Denks derzeit größtes Talent fürs Gesamtklassement, soll im Herbst bei der Vuelta erstmals eine große Rundfahrt als Kapitän bestreiten - nicht schon bei der Tour, auf der ganz großen Bühne.

Denk und seine Sponsoren wissen um den Balanceakt ihres Projekts. Man predige "null Toleranz", was den Betrug angehe, sagt Bruckbauer; bei Teamdoping würde er sein Engagement sofort kündigen, ein positiv getesteter Fahrer muss sein Jahresgehalt zurückzahlen. Im Januar wurde der ehemalige Bora-Profi Ralf Matzka für zwei Jahre gesperrt, allerdings unter eher zweifelhaften Umständen. Es wird jedenfalls ein spannender Aspekt dieses Projekts: Wie das Publikum auf einen in Deutschland geprägten Erfolg in der Gesamtwertung reagiert - wo nicht nur die Aufmerksamkeit, sondern auch die Skepsis über die Leistungen immer am größten war.

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