Tischtennis:Mit sechseckigem Schläger

Lesezeit: 4 min

Tischtennis: Mein Holz, das hat sechs Ecken...: Truls Moregardh mit seinem Markenzeichen.

Mein Holz, das hat sechs Ecken...: Truls Moregardh mit seinem Markenzeichen.

(Foto: Lynn Pennington/Zuma Wire/Imago)

Überraschend hat der TTC Neu-Ulm den Schweden Truls Moregardh nun auch für die Bundesliga lizenziert. Damit bietet der Klub neben Dimitrij Ovtcharov und Lin Yun-ju auch den in der Weltrangliste bestplatzierten Europäer auf. Dennoch soll es nur um den Klassenerhalt gehen.

Von Andreas Liebmann

Die Idee hatte sich regelrecht aufgedrängt, und sie wäre nur die logische Fortsetzung gewesen von all den irren Personalien beim TTC Neu-Ulm. Es hatte ja doch einiges Aufsehen erregt, als der randbayerische Tischtennis-Erstligist Mitte April den deutschen Olympiahelden Dimitrij Ovtcharov verpflichtete, dazu Lin Yun-ju, Tomokazu Harimoto und Truls Moregardh, allesamt vornehmlich für die Champions League; also den in der Weltrangliste besten Deutschen, die beiden besten Asiaten außerhalb Chinas und den besten Schweden. Für die Bundesliga allerdings wäre trotz dieses Vierfach-Coups weiterhin ein Kaderplätzchen zu besetzen gewesen, hieß es damals bei den Schwaben, und da gab es ja noch das offene Personälchen Hugo Calderano: Der beste Nichtasiate der Welt, dessen spektakuläres Power-Tischtennis noch bestens aus Ochsenhausen bekannt ist, hatte wie Ovtcharov und Lin zuletzt für den russischen Verein Fakel Orenburg gespielt, war also ebenfalls auf der Suche nach einem neuen Arbeitgeber außerhalb Russlands - und die Gerüchte über entsprechende Gespräche mit Neu-Ulm hielten sich hartnäckig.

Es ist nun anders gekommen: Der TTC hat sich nicht noch einen weiteren Top-Ten-Spieler geschnappt, sondern entgegen seiner ursprünglichen Planung den Schweden Moregardh zusätzlich auch für die TTBL lizenziert, also für den Bundesligakader. Dass dieser Fakt nun beinahe im Kleingedruckten untergeht, ist allerdings auch schon wieder bemerkenswert.

Denn Moregardh, 20, ist längst mehr als nur ein vages Versprechen für sein Heimatland, an die glorreichen Zeiten der Appelgren-Waldner-Persson-Ära anzuschließen. 2021 stand er im Einzelfinale der Weltmeisterschaft gegen den Chinesen Fan Zhendong, was hierzulande auch deshalb auffiel, weil er unterwegs Timo Boll aus dem Turnier warf. Als Neu-Ulm ihn für sein prominentes Champions-League-Quartett verpflichtete, stand er auf Position 15 der Weltrangliste, also hinter den anderen. Inzwischen aber gab es viel Bewegung in der Liste des Weltverbands, die seit 2021 keine Ergebnisse mehr beinhaltet, die älter sind als zwölf Monate. Moregardh steht plötzlich an fünf, gleich hinter drei Chinesen und dem Brasilianer Calderano - und damit vor seinen künftigen Neu-Ulmer Teamkollegen. Er hat diese Liste auf Instagram gepostet und zwischen allerhand weinenden Emojis erklärt, dass schon mit einem Top-Ten-Platz sein Kindheitstraum in Erfüllung gegangen wäre, und nun sei er sogar der beste Europäer. Er werde alles versuchen, um dort zu bleiben.

Wie das dann aussieht, wird das Publikum in Neu-Ulm bald feststellen dürfen. Ein bisschen Zeit wird zwar noch verstreichen bis dahin, mit ein paar Eigenheiten des Jungstars kann man die Fans allerdings schon mal vertraut machen. Da wäre zum Ersten: der Name. Eigentlich heißt der Schwede nämlich Möregårdh. In aller Regel klaut man ihm außerhalb Skandinaviens den Kringel über dem A, manche billigen ihm als Kompromiss noch die Pünktchen über dem O zu, andere nicht - und der Weltverband ITTF hat ihm kurzerhand sogar noch das stumme H gestrichen. Moregard(h)s Name wird zur leichteren Internationalisierung sozusagen rundgeschliffen - was im bemerkenswerten Widerspruch zu seinem Schläger steht. Denn der hat - kein Witz: sechs Ecken.

Moregardhs Spielgerät sieht so aus, als hätte es sich jemand mit wenig handwerklichem Geschick selbst zurechtgesägt

Das seltsame Spielgerät sieht ein bisschen so aus, als hätte es sich jemand mit wenig handwerklichem Geschick selbst zurechtgesägt. Das wäre sogar denkbar, denn im Gegensatz zu den Belägen, die strengen Zulassungskriterien unterliegen und bei denen es auf Zehntelmillimeter ankommt, gibt es für Hölzer im Tischtennis keine nennenswerten Vorgaben. Selbst dass sie einen Griff haben, entspringt weniger einer Regel als der Notwendigkeit, sie irgendwie in die Hand nehmen zu können. Moregardhs ungewöhnliches Konstrukt ist allerdings ein carbonfaserverstärktes Hightech-Gerät, dessen schwedischer Hersteller es mit vergrößertem Sweetspot (effektive Zone) und allerlei anderen Vorteilen bewirbt - und das Glück vermutlich kaum fassen kann, dass sein Werbeträger mit dem auffallenden Material gerade so erfolgreich ist.

Neu-Ulms Klubchef Florian Ebner schwärmt einerseits vom überbordenden spielerischen Talent Moregardhs, von dessen Entertainer-Qualitäten und der auffallend kreativen Spielweise. Andererseits mahnt er, man dürfe die Erwartungen nicht zu hoch schrauben. Zweifellos habe Moregardh einen Lauf, in der Jugend sei er aber "auf einer Ebene gewesen" mit Vladimir Sidorenko, einem der drei jungen Russen, die nach wie vor das Gerüst des Neu-Ulmer Teams für die TTBL-Spiele bilden.

Der Japaner Harimoto ist überhaupt nur für die Champions League gemeldet, Moregardh, Ovtcharov und Lin Yun-ju aus Taiwan zusätzlich für den deutschen Pokal und die TTBL - und exakt diese Reihenfolge entspricht auch der Priorität, die Ebner den drei Wettbewerben für die kommende Saison einräumt. Deshalb ist auch noch völlig offen, wann die Neuen mal in der Liga zu sehen sein werden. Deren Verfügbarkeit hängt ohnehin vom Wettkampfkalender des WTT (World Table Tennis) ab, der noch nicht feststeht, weshalb auch die TTBL noch keine Spieltage planen kann. Sporadisch aber sollen die Stars in der Liga schon zum Einsatz kommen, kündigt Ebner an (zumal sie drei nationale Einsätze brauchen, um am angestrebten Pokal-Final-Four teilnehmen zu dürfen) - vermutlich dann aber nur in Heimspielen und jeweils einzeln. Weshalb man neben den internationalen Ambitionen sogar aufpassen müsse, mit den jungen Russen überhaupt den Klassenerhalt hinzubekommen. "Wir haben nicht die Absicht, in die Playoffs zu kommen", stellt Ebner klar. Aber die Absicht, dem Publikum etwas zu bieten nach den vielen Corona-Geisterspielen, die gibt es natürlich. Und so wird auch der junge Schwede mit den Ecken und Kanten irgendwann mal in Neu-Ulm zu sehen sein.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB