Indian-Wells-Siegerin Paula Badosa:Der Triumph der weisen Spielerin

October 17, 2021 Paula Badosa of Spain serves against Victoria Azarenka of Belarus during the finals of the 2021 BNP Pa

"Das Schlimmste sind die Erwartungen, wenn man eine ordentliche junge Spielerin ist": Paula Badosa, 23, Siegerin des WTA-Turniers in Kalifornien.

(Foto: Charles Baus/Zuma Wire/Imago)

Wie viele junge Tennistalente wurde die 23-jährige Paula Badosa früh mit Erwartungen überladen. Doch sie stellte sich dem Druck und verstand: Es gibt nicht nur einen Weg zum Erfolg.

Von Jürgen Schmieder, Indian Wells

Da saß Paula Badosa nun, auf dieser Terrasse in Stadium 1, von der aus man über den Tennisgarten in Indian Wells und auch bis zu den Bergen der kalifornischen Wüste sehen kann. Sie hatte gerade das erste große Turnier ihrer Laufbahn gewonnen. Jemand drapierte eine wehende spanische Flagge hinter ihr, die Fotografen positionierten sich. Badosa starrte in Richtung Joshua Tree, den mystischen Ort nicht weit von hier. Sie sah glücklich aus.

7:6 (5), 2:6, 7:6 (2) hatte die Spanierin zwei Stunden zuvor das Finale gegen Viktoria Asarenka (Belarus) gewonnen. Es war zugleich ein offener Schlagabtausch und taktischer Leckerbissen. Am Ende gewann Badosa, weil sie bei 4:5 im dritten Satz ein Re-Break schaffte - ihren Aufschlag davor hatte sie mit drei leichten Fehlern abgegeben und so gewirkt, als würden im ersten großen Finale ihrer Karriere gegen die einstige Nummer eins der Weltrangliste die Nerven flattern. Und weil sie kurz darauf im Tie-Break doch noch diesen einen präzisen Schlag mehr im Repertoire hatte. Asarenka wirkte weniger enttäuscht über die Niederlage als eher erfreut darüber, an so einer guten Partie beteiligt gewesen zu ein. Bei der Siegerehrung grinste sie, nach der Pokalübergabe für die Zweitplatzierte sagte sie: "Auch eine Trophäe, oder?" Später schrieb sie bei Twitter an die Siegerin: "Revanche nächstes Jahr?"

Sportler verwenden häufig diese Floskel nach Siegen, dass sie 100 Prozent gegeben und sich immer nur auf diesen nächsten Ballwechsel konzentriert hätten - in diesem Fall stimmte es jedoch, als Badosa sagte: "Ich wusste am Ende des dritten Satzes, dass ich gegen einen Champion in dieser Form nur eine Chance habe, wenn ich mein absolut bestes Tennis zeige und mich durch nichts ablenken lasse - also habe ich probiert, alles auszublenden und wirklich ausschließlich auf den jeweils nächsten Schlag zu achten." Badosa spielte wirklich so, als wäre der nächste Ballwechsel stets der letzte ihrer Karriere.

Bei den Männern siegt der Brite Cameron Norrie gegen den Georgier Nikolos Bassilaschwilli

Badosa ist zwar noch nicht in den Top Ten angelangt mit diesem Triumph, der ihr 1,044 Millionen Euro Preisgeld einbrachte. Nach ihrem Sprung von Rang 27 auf 13 ist sie aber kurz davor, in diesen elitären Zirkel einzuziehen. In dieser Saison zählt sie zu den Aufsteigerinnen der Branche. Vor einem Jahr war sie noch auf Rang 70. Die 23-Jährige, in New York geboren und in Spanien aufgewachsen, entwickelte sich seitdem stetig weiter, körperlich, taktisch, mental. Ihr Reifeprozess basiert auf einem ganzheitlichen Ansatz. Auch Angelique Kerber, die in prächtiger Form gewesen war (und nun wegen eines Infekts die Teilnahme am Turnier in Moskau zurückzog), bekam Badosas Stärke im Viertelfinale bei ihrer 4:6, 5:7-Niederlage zu spüren. Bei den Männern siegte der Brite Cameron Norrie im Finale 3:6, 6:4, 6:1 gegen den Georgier Nikolos Bassilaschwilli. Der Linkshänder nutzte das Fehlen vieler Größen und erkämpfte sich seinerseits den bislang größten Erfolg seiner Karriere. In der Weltrangliste ist Norrie auf Rang 15 vorgerückt.

In ihrer Heimat war Badosa schon länger eine, die hoch gehandelt wurde. Im Alter von 14 Jahren wurde sie Profi und gewann beim Masters-Turnier in Miami 2015 bereits zwei Partien. Das ist die nächste ganz große spanische Tennisspielerin, hieß es, vielleicht sogar eine wie Arantxa Sánchez Vicario, Conchita Martinez und Garbiñe Muguruza, alles Grand-Slam-Gewinnerinnen. "Das Schlimmste sind die Erwartungen, wenn man eine ordentliche junge Spielerin ist", sagte Badosa nun: "Die Leute glauben, dass du, wenn du heute gut bist, morgen zu den besten zwanzig Spielerinnen der Welt gehören musst - oder gar zu den Top Ten."

Badosa hat viel mit Psychologen gearbeitet - nun traut sie sich einen Grand-Slam-Titel zu

Sie beschrieb sich selbst, gewiss, aber ein bisschen sprach Badosa damit auch über ihre jungen Kolleginnen, die nach ersten Erfolgen mit Erwartungen beladen werden. Coco Gauff (USA, 17 Jahre) zum Beispiel, auch die US-Open-Finalistinnen Emma Raducanu (England, 18) und Leylah Fernandez (Kanada,19). Und Naomi Osaka natürlich, die erst kürzlich gesagt hatte, nicht mehr besonders viel Freude beim Tennisspielen zu empfinden. "Man sieht doch, dass es anderen Spielerinnen ähnlich geht. Es ist wichtig, darüber zu reden, weil es völlig normal ist", sagte Badosa.

Sie meinte wohl auch: sich mit seinem inneren Ich auseinanderzusetzen, sich den eigenen Ansprüchen und Ängsten zu stellen. Sie tat es. Sie arbeitete mit Psychologen, schleichend wurde sie mental härter, selbstbewusster, stabiler. Wenngleich die Zweifel sie noch manchmal überkommen. "Ich erinnere mich", schilderte sie offen in Indian Wells, "wie ich hierher flog und mit meinem Freund telefonierte. Ich fühlte: Ich habe mich etwas gefürchtet." Dass Badosa nach dem Sieg Tränen vergoss, zeigte: Sie hatte immensen Druck verspürt. Sie wollte den Erfolg, so sehr.

Tennis-Masters

Einfach glücklich: Paula Badosa genießt den Moment ihres größten Erfolges auf einer Terrasse der Tennisanlage in Indian Wells.

(Foto: John Mccoy/dpa)

Umso wichtiger war, das verstand sie mit der Zeit, dass sie den Umgang mit Niederlagen neu lernen musste. Sie verstand allmählich: Es gibt nicht nur einen Weg zum Erfolg, wie es Talenten oft vermittelt wird: "Man muss eine Balance finden zwischen all der harten Arbeit", weiß sie heute, "und auch mal Leid im Training aushalten und während der Partien - und die Freude sehen, die nicht immer durch Siege entsteht." Es gelinge ihr inzwischen, die Karriere als Tennisspielerin vom Leben abseits des Platzes zu trennen, nur deshalb sei sie nun erfolgreich: "Diese Balance ist entscheidend." Weise Worte.

Dass Badosa die spielerische Qualität für größere Taten besitzt, unterstrich sie in Indian Wells. So ist es nur folgerichtig, dass sie sich selbst entsprechende Ziele setzt. "Ich wache jeden Morgen auf und denke daran, dass ich ein Grand-Slam-Turnier gewinnen will", sagte sie. "Oder jetzt gerade denke ich daran, dass ich mich ja noch fürs WTA-Finalturnier in Guadalajara qualifizieren kann." Da waren sie wieder, die Erwartungen. Mit dem einen Unterschied: Badosa hat gelernt, mit ihnen umzugehen.

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