Tennis:Prominenz aus dem Rottal

Lesezeit: 3 min

Tennis: Frische T-Shirts für die deutschen Meister: Marcos Baghdatis (vorne rechts), 37, ehemals die Nummer acht der Welt, und seine Pfarrkirchener Kollegen.

Frische T-Shirts für die deutschen Meister: Marcos Baghdatis (vorne rechts), 37, ehemals die Nummer acht der Welt, und seine Pfarrkirchener Kollegen.

(Foto: oh)

Der TC Pfarrkirchen ist deutscher Mannschaftsmeister bei den Herren 30 - mit Marcos Baghdatis und einigen bekannten Namen mehr.

Von Thomas Becker

Es ist schon spät am Samstagabend, als Felix Riedel endlich ans Telefon geht. Fast acht Stunden lang hat er mit seinem Klub, dem TC Pfarrkirchen, gebangt, gehofft, die Mannschaftskameraden sicher tausend Mal angefeuert, ermuntert, motiviert, bis die Anspannung nach einem Volleyfehler des Gegners in einen kollektiven, schwer definierbaren Urschrei mündet. 13:11 im Champions-Tiebreak des entscheidenden Doppels gegen den Buschhausener TC: Knapper kann man nicht deutscher Mannschaftsmeister werden. Was Felix Riedel dazu sagt? "Ich bin durch. Völlig am Ende."

Natürlich nur eine Momentaufnahme. Nur wenig später kann er schon wieder das Handy halten und seine Jungs beim "Campiones, Campiones, olé, olé, olé"-Freudentanz filmen. Alle Mann tragen frische T-Shirts, auf denen die frohe Botschaft schwarz auf weiß festgehalten ist: Deutscher Meister 2022 steht mitten drauf, es ist der erste deutsche Mannschaftsmeister aus der Südgruppe seit einer halben Ewigkeit, "jedenfalls seit 2004", sagt Riedel. Und auch wenn er nicht zu den Top-Spielern seines Teams gehört, kann man mit Fug und Recht behaupten: Ohne den Mannschaftsführer hätte es diese Erfolgsgeschichte aus dem Rottal nicht gegeben.

Denn vor drei Jahren fragte Riedel Marcos Baghdatis, ehemals die Nummer acht der Welt, per Facebook, ob er nicht mal für die Herren 30 des TC Pfarrkirchen spielen wolle - und der sagte ja, obwohl sich die beiden nicht kannten und Baghdatis bis dahin keinerlei Bezug zu Niederbayern aufwies. Dessen Weltklassekollegen Fabio Fognini, Andreas Seppi, Alessandro Giannessi und noch ein paar andere folgten. Fognini spielte dann zwar doch lieber auf der ATP-Tour, aber der Rest der Truppe war für die Konkurrenz aus der Süd-Gruppe immer noch ein paar Nummern zu groß. Die sechs Spiele endeten meistens 8:1, auch mal 7:2 oder 9:0. Auch Finalgegner Buschhausen blieb in der Nord-Gruppe ohne Niederlage, ist aber nicht annähernd so prominent besetzt wie der Aufsteiger aus Pfarrkirchen.

"So ein knappes Spiel hatten wir bis dahin noch nie", sagt Riedel, "aber dann hat man gemerkt, dass wir eine Mannschaft sind"

Der Finalsamstag beginnt prima für die Gäste: Der an Position zwei gesetzte Alessandro Giannessi holt den ersten Punkt mit einem flotten 6:2, 6:1 gegen den Kroaten Franko Skugor, an vier hält der Belgier Steve Dracis den Kroaten Antonio Sancic mit 6:3, 7:6 in Schach, und an sechs führt der Spanier Pere Riba-Madrid gegen den Belgier Stefan Wauters im ersten Satz mit 5:3, alles sieht mal wieder nach einem entspannten 8:1 aus - doch dann reißt Riba-Madrid ein Muskel, er muss aufgeben, und es steht nur noch 2:1. "Von da an ging's bergab", erinnert sich Mannschaftskapitän Riedel. Andrea Seppi (an eins gegen den Serben Viktor Troicki) und der Tscheche Dusan Lojda (an fünf gegen den Niederländer Roy Westerhof) haben den ersten Satz gewonnen, von Riba-Madrids Malheur gehört - und den Faden verloren: zwei Punkte für die Hausherren, jeweils im Champions-Tiebreak. Marcos Baghdatis, mittlerweile 37, behält dagegen die Nerven und besiegt den Kroaten Antonio Veic, ebenfalls im Champions-Tiebreak: 3:3 nach Einzeln. "So ein knappes Spiel hatten wir bis dahin noch nie", sagt Riedel, "aber dann hat man gemerkt, dass wir eine Mannschaft sind."

Gut 700 Kilometer sind es von Pfarrkirchen bis Buschhausen bei Oberhausen, dennoch haben rund 30 Fans den Weg auf sich genommen, um ihr Team zu unterstützen. Sie brauchten gute Nerven, denn so glatt das erste Doppel gewonnen wird, so glatt geht das an Position drei verloren. Und so kulminiert diese zwei Monate währende Herren 30-Bundesligasaison im allerletzten Doppel: Baghdatis/Darcis gegen Skugor/Westerhof. 6:4, 5:3 heißt es aus Pfarrkirchener Sicht, drei Match- und Meisterschafts-Bälle werden vergeben, Buschhausen schafft mit 7:5 den Satzausgleich - der vierte und letzte Match-Tiebreak des Tages muss die Entscheidung bringen. Das Sonnenlicht hat sich längst schon vom Platz verabschiedet, als der letzte Buschhausener Volley zum 4:5-Endstand ins Aus segelt und der TC Pfarrkirchen tatsächlich deutscher Meister ist. Felix Riedel gibt zu: "Ich hab' schon nicht mehr dran geglaubt." Nur eine Momentaufnahme, natürlich.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB