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Start der 47. Bundesliga-Saison:Kulturphänomen Fußball

Denn anders als das Doping eines Radsportlers, Schwimmers oder Sprinters bedeutet im Fußball eine noch so kräftige Finanzspritze, ein noch so spektakulärer Spielereinkauf nicht verlässlich, dass die Leistungsfähigkeit der Mannschaft steigt, schon gar nicht über eine ganze Saison hinweg.

Bundesliga-Vorspiel, 1. Spieltag

Endlich! wieder! Bundesliga!

Es ist unwahrscheinlich, dass die Mannschaft mit dem geringsten Jahresetat Meister wird. Es ist aber möglich, dass sie die Mannschaft des künftigen Meisters besiegt. Darum ließ sich im Fußball das Misstrauen gegen das Geld als Element der Wettbewerbsverzerrung stets durch den Verweis auf die Unverfügbarkeit des physischen Spielgeschehens beschwichtigen.

"Geld schießt keine Tore" - diese Fußballweisheit wird auch in dieser Saison von Stars wie Franck Ribéry widerlegt werden. Und doch wird sie en gros plausibel bleiben. Denn sie ist nur eine aktuelle Umformulierung jener älteren Fußballweisheit, die lautet: Die Wahrheit ist auf dem Platz. Die Gültigkeit dieses Satzes hat sich in der vergangenen Saison glanzvoll bewährt, als der von vielen prognostizierte Durchmarsch der Münchner Bayern unter ihrem charismatischen Trainer Jürgen Klinsmann unterblieb.

Ja, es kam dadurch eine Variante dieser Weisheit hinzu: Charisma schießt keine Tore. Es scheiterte ja nicht nur Klinsmann, sondern zugleich holte in dem VfL Wolfsburg ausgerechnet eine Werksmannschaft den Titel, die bis dato als Inkarnation des uncharismatischen Fußballs gegolten hatte.

Auf immer treu

"Die Wahrheit ist auf dem Platz" ist die Grundformel für die Selbstbehauptung des Fußballs als Realgeschehen gegenüber allen spekulativen Blasen und allem resonanzverstärkten Mediencharisma. Sie stellt den Fußball an die Seite jener Kulturphänomene, die von der physischen Realpräsenz der Akteure leben wie die Theateraufführung, das Konzert oder der Tanz. Die dichte Bewirtschaftung und Verwertung des Fußballs in den audiovisuellen Medien und im Internet schränken diese Schlüsselstellung des Realgeschehens nicht ein.

Denn dass die Wahrheit auf dem Platz ist, gilt im Fußball gleichermaßen für die Akteure des Spiels und für das Publikum. Sein heißer Kern will leibhaftig am Ort der Wahrheit sein. Dem Boom der Konzerte, der in der Musikbranche den Rückgang der CD-Verkäufe zu kompensieren hat, entsprechen im Fußball der Ausbau, die technische Hochrüstung oder gleich der Neubau attraktiver Stadien.

Einzelne Trainer oder Manager mag das Publikum hier aus dem Amt pfeifen, einzelnen Spielern höhnisch Gehalt gegen Leistung aufrechnen. Ins Stadion aber kehrt es immer wieder zurück. Denn seine Leidensfähigkeit bei Misserfolgen der Vereinsmannschaft ist ausgeprägter als die Geduld mit der Nationalmannschaft, die innerhalb eines kurzen Turniers ihre Sympathien verspielen kann.

Während in der deutschen Politik haltlose Vorverurteilungen gang und gäbe sind, kann ein Fußballstar, der unter dem Verdacht steht, in dubiose Geschäfte verwickelt zu sein, mit Erfolg auf die rechtsstaatliche Unschuldsvermutung pochen. Und während ein hohes Managergehalt in der deutschen Autoindustrie oder gar im Bankenwesen unter ebenso hohem Legitimationsdruck steht, kann es geschehen, dass deutsche Fußballfans ihr eigenes Scherflein dazu beitragen, dass der teure Transfer eines ihrer Lieblingsspieler zum eigenen Verein möglich wird.

Die Fußball-Bundesliga, die nun wieder angepfiffen wird, ist eine Utopie, von der die deutsche Wirtschaft und die deutsche Politik nur träumen können: Sie ist eine Welt der unausschöpfbaren Loyalitätsressourcen.

© SZ vom 8.8.2009/hum
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