SpVgg Greuther Fürth "Wir waren immer unlocker"

Sport-Geschäftsführer Rachid Azzouzi über den unverhofften Aufstieg in die Spitzengruppe der zweiten Fußball-Bundesliga, die Strukturen des Klubs und die Suche nach einem Investor.

Interview von Thomas Gröbner

Rachid Azzouzi, 47, war bei der Spielvereinigung schon fast alles: Spieler (179 Zweitliga-Partien für Fürth), Trainer, Teammanager, Sportlicher Leiter, Sportdirektor.

(Foto: Adam Pretty/Bongarts/Getty Images)

SZ: Herr Azzouzi, es hätte nicht viel gefehlt, und wir würden heute über die dritte Liga und die Schwierigkeiten nach dem Abstieg aus Liga zwei reden...

Rachid Azzouzi: Als ich im November 2017 gekommen bin, wusste ich, dass es eine brutal schwere Aufgabe wird. Aber dass es so schwer wird, habe ich nicht gedacht. Wir mussten sehr viel aufholen - nicht nur die Punkte. Nach dem Klassenerhalt gab es viele Glückstränen. Für mich hat es bedeutet: Jetzt geht die Arbeit erst richtig los. So etwas wollen wir nicht noch einmal erleben.

Stattdessen steht Fürth auf Platz vier, zwei Punkte hinter dem Tabellenführer. Überrascht?

Klar ist es eine Riesenüberraschung. Es muss schon einiges zusammenkommen, damit es so läuft. Und nach der schwierigen Saison und der harten Vorbereitung war die Stimmung im Umfeld nicht gleich euphorisch.

Und dann kam die unglückliche Niederlage gegen Dortmund im DFB-Pokal...

Wir haben da brutal Werbung für den Verein gemacht, weil wir nicht nur verteidigt haben. Es wäre völlig normal gewesen, wenn wir davon einen Knacks bekommen hätten. Dann haben wir im nächsten Spiel gegen Paderborn (2:2, d.Red.) in Überzahl zwei Gegentore in der Nachspielzeit bekommen. Die Mannschaft hat das weggesteckt, das hat uns weitergebracht.

Es ist eine neue Mannschaft, zwölf Spieler sind weg, neun Neue dazu. Und trotzdem hat sich die Mannschaft schnell gefunden.

Andere fischen in Ozeanen, wir müssen in einem Teich fischen. Und da angeln noch andere Vereine mit größeren Haken. Das macht die Sache nicht leicht, aber das macht einen schon glücklich, wie es gerade läuft. Wir dürfen eben nicht zu oft danebenliegen.

Staunen Sie manchmal angesichts der kursierenden Ablösesummen?

Die Schere zwischen den Ligen geht immer weiter auseinander. Bundesligavereine leben in einer anderen Welt, was Gehälter angeht. Der Dortmunder, der gegen uns das Tor in der Nachspielzeit geschossen hat...

...Axel Witsel...

Der soll zehn Millionen Euro verdienen. Das ist eine Million mehr, als wir für die ganze Mannschaft und den Trainerstab ausgeben.

Hand aufs Herz: Bei Daniel Keita-Ruel haben Sie aber auch gezittert, ob er in Fürth funktionieren würde?

Ehrlich? Ich war erst schon skeptisch, vorsichtig, als ich seine Vorgeschichte gehört habe (Haftstrafe, d.Red.). Nachdem ich ihn das erste Mal persönlich kennengelernt habe, dachte ich: toller Kerl. Die Persönlichkeit, die wir dazugewonnen haben, wiegt fast noch mehr als das sportliche.

Mehr als Tore?

Er hat nicht nur die Sonnenseiten kennengelernt, sondern auch viel Schatten. Und der Schatten hat ihn gelehrt, dass er nun jeden Moment genießt - und dafür alles gibt. Das ist etwas, was viele Jungs nicht beigebracht bekommen. Sie werden früh hofiert und glauben, dass es im Leben immer so weitergeht. Er kann erzählen, dass das Leben auch mal anders laufen kann. Er ist die erdende Kraft in der Kabine.

Die zweite Überraschung heißt Tobias Mohr und hat jetzt schon mehr Tore erzielt als in drei Jahren Regionalliga...

Wenn ich Tobi gesagt hätte, er müsste hier erst zwei Monate den Rasen mähen für die Chance in der zweiten Liga, hätte er das gemacht. Was ich damit sagen will: Diese Jungs bringen eine gewisse Demut mit.

Und Sie leben diese Demut vor?

Ich war 15 Jahre in Fürth. Ich weiß, wie es hier aussah. Als ich gekommen bin, haben sie die Pappeln abrasiert und dort hinten auf der Nordtribüne gab es noch kein Dach. Da drüben war Block eins, eine Steintreppe mit Dreck. Wir haben keine vernünftigen Kabinen gehabt. So, da kommen wir her. Wenn wir glauben, dass das alles normal ist, dann haben wir keine Chance. All diese Dinge, die wir jetzt haben, die so normal wirken, die sind nicht normal. Und ich kann das einschätzen.

War das der Grund, noch einmal nach Fürth zurückzukommen? Es war ja keine besonders komfortable Situation...

Wenn man, egal wie die Umstände waren, nach einem Jahr beurlaubt wird wie ich in Düsseldorf, dann braucht man nicht glauben, dass ganz Fußball-Deutschland auf einen wartet.

Helmut Hack hat im vergangenen Winter die Suche nach einem Investor ausgerufen. Sind Sie schon fündig geworden?

Wenn wir weiter professionellen Fußball spielen wollen, wird unser Etat in vier, fünf Jahren nicht mehr reichen. Und dann müssen wir schauen, wie wir an Geld kommen. Aber es muss passen. Was beim HSV passiert ist oder bei 1860 München - so weit darf es hier nicht kommen. Niemals. Und wenn frisches Geld kommt, dürfen keine Abhängigkeiten entstehen. Und dann darf es schon gar nicht den Trugschluss geben: Jetzt ist ein Investor da, jetzt geht es von alleine.

Einen großen Anteil am Aufschwung hat wohl auch Trainer Damir Buric. Liegt eine Vertragsverlängerung für ihn unterm Weihnachtsbaum?

Plötzlich häufig Grund zum Jubeln: Der Fürther Mannschaft, hier gegen Sandhausen nach einem Tor von Daniel Keita-Ruel (2.v.r.), attestiert Azzouzi "eine gewisse Demut".

(Foto: Zink/imago)

Ach, Damir ist für uns in Fürth ein Glücksfall. Wir sind absolut zufrieden. Mehr muss ich gar nicht dazu sagen.

An welchen Zielen muss sich Buric diese Saison messen lassen?

Ziel ist, dass wir am Freitag gegen Bochum gewinnen. Wir wissen doch noch nicht, in welche Richtung es geht. Ist Darmstadt (0:2, d. Red.) der Rückschlag gewesen oder kommt die schwere Phase erst? Oder können wir eine gute Reaktion zeigen?

Ein Mann für die Zukunft soll Elias Abouchabaka sein, Juniorennationalspieler, aus Leipzig ausgeliehen bis 2020. Wann kommt seine Zeit?

Elias hat die höchsten Ziele für sich. Manchmal wäre es mir recht, wenn er sich ein bisschen losmachen könnte und sich nicht zu sehr Druck machen würde. Das ist ein Spieler mit großem Potenzial. Auch wenn er noch nicht so viele Einsatzminuten hat.

Einige Medien haben ihn "den nächsten Mesut Özil" genannt... Und das ist das große Problem für die jungen Spieler. Wenn du ein großes Talent bist - er hat bei der U17-EM alles in Grund und Boden gespielt -, dann ist die Erwartungshaltung brutal. Wenn du selber auch noch sehr viel von dir erwartest, dann kann es sein, dass es dich blockiert und hemmt.

Die Blockade ist weg?

Er ist jetzt auf einem guten Weg. Ich bin überzeugt, dass er das alles überstehen wird. Aber er muss eine gewisse Geduld mitbringen. Wir sind komplett überzeugt von dem Jungen.

Sie haben Fürth verlassen, nachdem sie es unter dem Motto "Die Unaufsteigbar-Tour" in die Bundesliga geschafft hatten. Braucht Fürth wieder so eine Geschichte?

Ja, die Unaufsteigbar-Tour. Da mussten wir auch erst hineinwachsen. Es ist ja nicht so, dass wir immer so locker waren. Eigentlich waren wir immer unlocker (lacht). Ein Fanklub hat sich damals T-Shirts machen lassen. Das fanden wir richtig gut. Und dann haben wir uns gedacht: Warum verkrampfen wir so? Es hat sich natürlich entwickelt, und plötzlich waren wir auf einer Erfolgswelle.

Braut sich da gerade etwas zusammen, kommt jetzt die nächste Welle?

Wir haben nicht das größte Stadion, wir haben nicht das meiste Geld. Aber wenn alles passt, dann können die Voraussetzungen eine untergeordnete Rolle spielen.

Dann gibt es die "Unaufsteigbar-Tour II"?

Nur so kann es für uns laufen.