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Sportphilosoph Gebauer:"Olympia ist aus IOC-Sicht bei Autokraten bestens aufgehoben"

Plakat mit den olympischen Ringen bei der Eröffnungsfeier in Peking 2008.

(Foto: William West/AFP)

Sportphilosoph Gunter Gebauer über die Fehler der Hamburger Bewerbung, die olympische Idee und wie auch der Fußball in Bedrängnis geraten könnte.

Gunter Gebauer ist der Vordenker der deutschen Sportphilosophie. Der 71-Jährige lehrt an der Freien Universität Berlin. Nach der gescheiterten Olympia-Bewerbung Hamburgs spricht er darüber, welche Werte der Sport vertreten muss, um bei der Bevölkerung wieder mehr Akzeptanz zu finden. Und welche Gefahren auch der Sportart Nummer eins, dem Fußball, drohen.

SZ: Herr Gebauer, die deutschen Bürger scheinen genug von Olympischen Spielen zu haben. Hat Sie das Votum in Hamburg gegen die Bewerbung überrascht?

Gunter Gebauer: Etwas überrascht, aber nicht aus dem Sitz geworfen, es war vorauszusehen, dass der Olympiabewerbung in Hamburg der Wind ins Gesicht bläst. Durch die vielen Ereignisse im Weltsport, die alle ungünstig waren. Ich hatte damit gerechnet, dass es mit einem Unentschieden ausgehen würde oder mit einer knappen Mehrheit für die Befürworter. Aber dass das Ergebnis relativ klar sein würde, hätte ich nicht erwartet. Auch nicht, dass es sich durch alle gesellschaftlichen Schichten hindurchzieht.

München, Stockholm, Graubünden, Oslo, Hamburg - hat Europa kein Interesse mehr an Olympia? Werden die Spiele künftig nur noch an Diktaturen vergeben?

Die Spiele sind aus Sicht des IOC in autokratischen Regimen bestens aufgehoben und die IOC-Oberen verstehen sich ja auch ausgezeichnet mit ihnen. Da gibt es einen Schulterschluss. Das ist sehr praktisch für den Sport: Er wird verwöhnt, es gibt keine Gegenwehr oder Opposition, die stören könnte. Europa hat sich dennoch nicht komplett abgewandt, Paris und Rom wollen sich nach wie vor für 2024 bewerben. Aber für Deutschland sieht es wirklich sehr schlecht aus, nachdem das Land viele negative Voten erlebt hat.

Woran liegt das?

Da kommt eine Menge zusammen; es ist schwer zu sagen, welches das ausschlaggebende Argument ist. Ob es an der allgemeinen Weltlage liegt, an den Flüchtlingen, am Terrorismus oder an bestimmten Einzelerscheinungen im Sport, wo der DFB jetzt auch mitten im Korruptionssumpf hängt.

Wie viele Skandale in den Verbänden kann der Sport aushalten?

Der Sport hält eine Menge aus. Das kann man auch daran erkennen, dass die Quoten im Fernsehen immer noch gut sind, dass die Fans in die Stadien strömen und das Publikum bereit ist, Seriensiegern weiter zuzujubeln, die des Dopings überführt sind. Das stört offenbar niemanden. Doping wird insgesamt schon negativ gesehen. Aber ich glaube nicht, dass es der entscheidende Faktor war, um Olympische Spiele abzulehnen.

Was müsste passieren, dass sich die Menschen auch von der Sportart Nummer eins, dem Fußball stärker abwenden?

Eine Erschütterung tritt dann ein, wenn auf höchster Ebene Spiele verschoben werden, wenn Korruption den Spielverlauf beeinflusst. Sobald der Verdacht entsteht, dass der Schiedsrichter nicht korrekt pfeift oder dass sich Spieler untereinander absprechen, welche Mannschaft gewinnen soll. Wenn sich so etwas erhärtet, dann gibt es schwere Einbußen. Wir hatten den Bundesligaskandal in den Siebzigerjahren, der dazu geführt hat, dass mindestens zwei Jahre lang das Interesse an der Bundesliga und die Zuschauerzahlen massiv sanken.