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Sport in Deutschland:Spitzensport, Spitzensport, Spitzensport!

DOSB-Präsident Alfons Hörmann

DOSB-Präsident Alfons Hörmann.

(Foto: dpa)

Der Breitensport mit seinen 90 000 Vereinen wird in Deutschland vernachlässigt. Es ist befremdlich, wie der DOSB unter Führung von Alfons Hörmann seine Prioritäten setzt.

Kommentar von Johannes Aumüller

Vor fast 15 Jahren erfolgte in der Frankfurter Paulskirche eine prägende Fusion. Das Nationale Olympische Komitee und der Deutsche Sportbund schlossen sich zusammen, und fortan gab es den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) als Dachverband des deutschen Sports, der für alle Fragen zuständig ist, vom Spitzen- bis zum Breitensport. Der größte Profiteur dieses Aktes war Deutschlands sportpolitischer Frontmann Thomas Bach, dem dies als Basis für internationale Karriereinteressen diente und der es 2013 auch auf den Präsidenten-Thron beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC) schaffte. Der größte Verlierer aber ist der Breitensport.

Es ist seit Jahren befremdlich, wie der DOSB unter der Führung des seit 2013 amtierenden Präsidenten Alfons Hörmann seine Prioritäten setzt. Ausdauernd ging es um Spitzensport, Spitzensport, Spitzensport, um die ach so große Reform, die mehr Steuerzahler-Geld vom Bund (hat geklappt) und mehr Medaillen bei Olympia (bleibt noch abzuwarten) bringen soll. Der große andere Strang des Sports hingegen, die vielzitierte Basis mit ihren 90 000 Vereinen und 27 Millionen Mitgliedschaften und ihrer in vielen Fragen großen gesellschaftlichen Bedeutung, muss sich oft vorkommen wie ein Stiefkind, das nicht die angemessene Beachtung findet. Erst in der jüngeren Vergangenheit besserte sich das etwas, aber nicht ausreichend.

Streichung droht

Innerhalb des Deutschen Olymischen Sportbundes (DOSB) droht dem gerade in Pandemiezeiten so wichtigen Bereich Sportentwicklung eine formale Abwertung. Ende November scheidet das bisher für dieses Thema zuständige Vorstandsmitglied Karin Fehres aus, und der Verband lässt ausdrücklich offen, ob er den Posten noch einmal besetzt. Auf Anfrage verwies der DOSB nur darauf, dass er gerade "einen intensiven Organisationsentwicklungsprozess des Geschäftsbereichs Sportentwicklung" durchführe, "in dem Aufgaben, Inhalte und Themen einer kritischen Analyse sowie einer Optimierung unterzogen werden" und in den auch die Mitgliedsorganisationen einbezogen seien. Auf Basis dieser Ergebnisse werde "über die zukünftige strukturelle Aufstellung und damit auch über die Frage einer möglichen Nachbesetzung entschieden". Zum Thema Sportentwicklung gehören all die Aufgabenfelder, die nicht ins Ressort Leistungssport fallen; die Rahmenbedingungen für die vielen Vereine im Land ebenso wie etwa Fragen von Nachhaltigkeit und Integration. Fehres war seit der Gründung des DOSB 2006 für diesen Themenkomplex zuständig, zunächst als Direktorin, seit einer Strukturreform als Mitglied des Vorstandes. Diesen Vorstand leitet seit 2019 Veronika Rücker, zudem gehören ihm noch Dirk Schimmelpfennig (Leistungssport), Thomas Arnold (Finanzen) und Christina Gassner (Sportjugend) an. Obwohl der Vorstandsposten möglicherweise gestrichen werden könnte, erklärt der DOSB, dass die Sportentwicklung "gerade auch durch die vielfältigen coronabedingten Auswirkungen auf die Vereine und Verbände in den nächsten Jahren einen zentralen Schwerpunkt in der Arbeit des DOSB bilden" werde. Johannes Aumüller

Das dokumentiert sich in manch inhaltlicher Frage, aber exemplarisch gerade auch in einer personellen. Ende November scheidet Karin Fehres aus dem DOSB-Vorstand aus, sie war dort bisher für das Ressort Sportentwicklung zuständig und damit für viele Fragen, die das breite Vereinssportleben beschäftigen. Aber möglicherweise gibt es für diesen Posten gar keinen Nachfolger. Denn Fehres' Rückzug ist seit April klar, der DOSB jedoch vermeidet bis heute ein klares Bekenntnis, diese Position erneut zu besetzen. Aktuell verweist er nur auf einen umfangreichen Prozess, der gerade laufe.

Ein DOSB-Vorstand, in dem es niemanden gibt, der konkret für Sportentwicklung und Breitensport zuständig ist?

Die Zukunft des Breitensports ist besonders problematisch

Es wäre ein fatales Signal, diesen Themenbereich so herabzustufen; ganz generell und speziell in diesen Corona-Zeiten. Denn im Leistungssport kann bei allen Einschränkungen weiter Wettbewerb stattfinden, in den Ligen ebenso wie im Individualsport. Die Zukunft des Breitensports hingegen ist besonders problematisch, weil sich Ehrenamtler und Mitglieder zurückziehen und Millionen Aktive monatelang nicht einmal trainieren dürfen. Gerade erst verschickte der Freiburger Kreis, in dem sich 180 große Breitensportvereine zusammengefunden haben, einen Hilferuf an die Politik.

"Ohne Spitze keine Breite, ohne Breite keine Spitze", so lautet ein klassischer Beitrag des Funktionärssprechs. Der Satz ist zwar fern der Realität, weil Spitzen- und Breitensport oft nicht mehr gemeinsam haben als die paar letzten Buchstaben im Begriff. Aber die DOSB-Spitze sollte ihn zumindest zum Anlass nehmen, mehr an die Breite und die gesellschaftliche Bedeutung des Sports zu denken. Sonst könnte man irgendwann noch mal die Frage diskutieren, ob es nicht besser war, als die Vertretung des Sportes noch nicht unter einem Dach gebündelt war, sondern verteilt auf NOK und Sportbund.

© SZ vom 24.11.2020/ebc
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