Skisprung-WM Der letzte Höhepunkt einer großen Ära

Anflug auf Innsbruck: Markus Eisenbichler, flügel- und schwerelos, mit der größetn Weite bei der Qualifikation am Freitag am Bergisel.

(Foto: Lars Baron/Getty Images)
  • Die Skisprung-WM in Seefeld ist der letzte große Höhepunkt für Bundestrainer Werner Schuster.
  • Er hat eine ganze Generation von deutschen Skispringern durch Täler zu Triumphen geführt.
  • Bei der WM könnte seine Geschichte ein Happy End bekommen.
Von Volker Kreisl, Seefeld

Irgendwann setzte sich oben in der Dunkelheit ein Mann in einer grünen Funktionsjacke in Bewegung. Ein Männchen zunächst, denn er war ja noch weit weg. Er hüpfte von einem großen Eisenrohrgestell und sprang auf die oberste Stufe einer schmalen Treppe, 100 Meter und noch länger. Von unten wurde bald klar, dass es sich um Werner Schuster handelte. Er beeilte sich auf seinem Weg über die Stufen hinab, vorbei am riesigen Vorbau und am Aufsprunghang der Großschanze von Falun in Schweden. Als er in den Schnee sprang, begann er zu rennen, denn unten formierten sich auch schon die Sieger, die Frauen mit den Blumensträußen sowie die Fotografen, und die Scheinwerfer gingen an.

Das Gestell oben auf Höhe der Schanze ist der Trainerstand im Skispringen, es bildete in den vergangenen elf Wintern und Sommern Schusters Arbeitsplatz in seiner Funktion als Chefcoach bei den Deutschen. Meist war es derselbe Ablauf, er winkte mit der Fahne, sah den Springer in der Anlaufspur vorbeizischen, legte seinen Kopf schräg und prägte sich das Bild vom Absprung ein. Später formte er daraus Analysen, zog Schlüsse für den weiteren Weg und wirkte immer sachlich. Doch wenn es feierlich wurde, wenn der Ertrag der ganzen Arbeit endlich zu greifen war, wie bei Severin Freunds Siegerzeremonie nach seinem WM-Sieg 2015 in Falun, dann hielt er es da oben nicht mehr aus.

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Schuster hat viel erlebt mit der deutschen Mannschaft, diese Zeit geht nun zu Ende. Die Weltmeisterschaften in Seefeld werden der letzte große Höhepunkt dieser Sport-Ära sein, die erste von vier Medaillenchancen haben seine Springer am Samstag auf der Großschanze in Innsbruck. Schaut man zurück, dann wirken Schusters Jahre beim Deutschen Skiverband (DSV) wie eine typische Sportgeschichte, mit einem langen und mühsamen Anfang und dann mit Dramen, Siegen, neuen Dramen - wie ein Plot, der, wäre er konsequent durchgehalten, bei diesen Titelkämpfen kurz vor dem Abschied in einen letzten Triumph, einen finalen Kracher münden müsste.

Schuster hat einen schlüssigen Plan fürs Ganze

Wie die meisten Top-Trainer in diesem Sport war Schuster einst als Aktiver nicht gerade brillant. Dafür hatte er andere Fähigkeiten, wegen denen Horst Hüttel, 2007 vom DSV auch als Sportlicher Leiter für die Sparte angefragt, sein Ja von Schuster abhängig machte: "Wenn, dann nur mit ihm", erzählte Hüttel später einmal. Denn der Österreicher aus dem Kleinwalsertal bot das, was dem DSV fehlte: einen schlüssigen Plan fürs Ganze. Und als ein Vertreter aus dem Land einer Goldgeneration um Gregor Schlierenzauer und Thomas Morgenstern, die sich den Titel Superadler verpasste und auf den Teambus lackieren ließ, sowie als Absolvent und Trainer an der Sprungschule in Stams/Tirol hatte Schuster auch die nötige Autorität.

Vielleicht wollte er auch deshalb in der WM-Nacht von Falun unbedingt bei Severin Freunds Siegerzeremonie dabei sein, weil dies der letzte Beweis dafür war, dass sein Plan aufgeht und weitere Erfolge bringen wird. Der Niederbayer Freund war schon 2014 Skiflugweltmeister geworden, und als Team hatten sie auch schon Olympiagold in Sotschi gewonnen. Aber in Falun sagte Schuster: "Freund ist geflogen wie ein Flugzeug." Sicher und stabil - und allen anderen davon. Er war der erste Einser-Absolvent von Schusters Sprung-Schule, die seit sieben Jahren mehr und mehr an sämtlichen DSV-Stützpunkten von klein auf gelehrt wird.

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Weil nebenbei alle Trainingspläne und Formdaten der Springer in einem gemeinsamen System verfügbar waren, konnte Schuster problemlos auch ein anderes Großtalent befördern, vom SC Ruhpolding in die Nationalmannschaft: Andreas Wellinger. Der wurde mit 18 Jahren plötzlich Weltcupsieger, startete durch, war dabei im Siegerteam von Sotschi und wurde fortan premium-gesponsert - aber dann, als er im nächsten Dezember einer prächtigen Zukunft entgegen zu fliegen schien, stürzte er bitter ab.

Es wurde der große Gegensatz in Schusters Erfolgsjahren. Skispringen ist ein Sport mit eingebautem Widerspruch. Einerseits muss ein Trainer einen langfristigen Plan haben, andererseits kann dieser schneller als in anderen Sportarten jederzeit über den Haufen fliegen. Nachdem Wellinger 2014 in Kuusamo auf dem Scheitel seiner Flugkurve aus dem Gleichgewicht kam, nach vorne stürzte und großes Glück hatte, dass er mit seiner Schulterverletzung nur eine läppische Saison verpasste, reagierte Schuster betroffen, aber auch gefasst: "Es war auch ein individueller Fehler", sagte er. Wellinger hatte zu viel gewollt, zu viel Vorlage erwischt, das bedeutete für den Konzepttrainer: Dieser Sport sieht zwar manchmal so aus, ist aber kein Harakiri.