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Silber bei Ski-WM:Geiger setzt den letzten Tupfer auf der Leinwand

Staunen im eigenen Wohnzimmer: Karl Geiger, der leicht fassungslose Silbermedaillengewinner aus Oberstdorf.

(Foto: Christof Stache/AFP)

Mit zwei herausragenden Sprüngen auf der Kleinschanze fliegt der deutsche Skispringer zu seinem bislang größten Erfolg: einer WM-Silbermedaille in seinem Heimatort.

Von Volker Kreisl, Oberstdorf

Karl Geiger war in diesem Winter schon oft von Scheinwerfern, Kameras, Mikrofonen und Diktiergeräten beleuchtet und aufgenommen worden, aber diese Szene war ein weiterer Meilenstein. Geiger kniete nieder, stand wieder auf, ging wieder nieder, als absolviere er Liegestütze. Dann griff er sich an den Helm und ins Gesicht und wieder an den Helm, und setzte diese Gymnastik mit den Grinsemuskeln seines Gesichts fort. Geiger, der stille, stets beherrschte und analytische Skispringer, konnte es nicht fassen: WM-Silber auf der Kleinschanze, sozusagen in seinem Wohnzimmer.

Denn nichts Anderes ist diese Schanzenanlage, die in Sichtweite seines Elternhauses liegt. Der Skiflugtitel bei der WM in Planica im Dezember war zwar noch um einen Medaillengrad höher, kam ebenfalls sehr überraschend, aber jener Erfolg in Slowenien ereignete sich weit weg vom Allgäu. Dieses Erlebnis jedoch hier, das hat er jetzt zu Hause, sagte Geiger, der wieder seinen sachlichen brummenden Begründungstonfall zurückgefunden hatte: "Ich glaube, so eine WM im eigenen Land (im eigenen Wohnzimmer, Anm. Red.) erlebe ich nur einmal in der aktiven Karriere, deshalb ist das schon noch mal etwas Besonderes", formulierte er.

Der Abend war spannend, geradezu aufreibend, weshalb sich der sonst ebenfalls beherrschte deutsche Cheftrainer Stefan Horngacher und sein Assistent, nachdem Bronze schon sicher war, erstmal auf dem Trainerpodest hinsetzen mussten und durchatmeten. Denn nach der Qualifikation am Freitag war das deutsche Team noch ohne Top-Ten-Platz dagestanden. Wieder sah es so aus, als würde das Heimspiel kompliziert. Doch am nächsten Tag traten Horngachers Springer wieder selbstbewusster auf, Pius Paschke, am Ende Elfter, überraschte im ersten Durchgang mit einem makellosen Sprung auf Platz sechs, und Karl Geiger flog ebenfalls auf der Kleinschanze hoch und weit und landete tief.

Der Favorit Granerud, der wie mit Autopilot sprang, zeigt menschliche Fehler

Zugleich öffneten sich weitere Türen: Kamil Stoch, der Allrounder und aktuelle Tourneesieger erwischte einen schlechten ersten Sprung und war damit schon aus dem Rennen. Und der Norweger Halvor Egner Granerud, der im Gesamtweltcup führt, der springt, als würde er vorher einen Autopiloten aktivieren, zeigte plötzlich menschliche Fehler: Granerud sprang zu spät ab, geriet in Hektik, musste in der Luft rudern, und sah bei der Landung vor sich im Schnee etwas aufleuchten, das ihm sonst immer entgeht, weil er locker drüber weg fliegt: die grüne Linie des Führenden. So weit fiel er zurück, dass er trotz eines Supersprungs am Ende nur noch Platz vier einnahm.

Die Medaillengewinner waren diesmal jene Kollegen, die viel Talent haben, aber lange im Schatten von Hochbegabten viel Arbeit investierten, ehe auch sie gut sprangen: Gold ging an den Polen Piotr Zyla (im Schatten von Stoch und Dawid Kubacki), Bronze an den Slowenen Anze Lanisek (im Schatten der Prevc-Brüder) und Silber an den, der im Schatten von Severin Freund und Andreas Wellinger wuchs: an Karl Geiger. Der hatte jahrelang über seine Sprünge gegrübelt, eher er dann Teamsilber bei den Olympischen Spielen in Pyeongchang gewann, danach Einzelsilber und zweimal Teamgold bei der Weltmeisterschaft in Seefeld 2019 holte, bis er nun diesen verrückten Winter 2020/2021 erlebte.

Diesen Kontext muss man immer wieder erzählen, denn er stellt ja die Leinwand dar, auf die Geiger nun seinen persönlichen Karrierehöhepunkt getupft hatte. Der Winter begann mit mäßiger Form, setzte sich fort mit dem Skiflug-WM-Titel, worauf er Vater einer Tochter wurde, die er eine Weile nicht sehen konnte, weil ihn das Coronavirus erwischt hatte. Bei der Vierschanzentournee gewann er gleich zum Auftakt, fiel wieder zurück, wurde dennoch in der Gesamtwertung Zweiter, verlor seine Form fast vollständig und kam rechtzeitig vor der WM zurück, um das Bild dieser Saison zu vollenden. "Ich bin echt sprachlos, das habe ich nicht kommen sehen", hatte er nach diesem Abend gesagt, genauso, wie schon oft im zurückliegenden Winter. Schon am Sonntagabend wird Geiger erneut antreten in seinem Wohnzimmer: diesmal im Mixed-Teamspringen, mit Markus Eisenbichler, Katharina Althaus und Anna Rupprecht.

© SZ/bkl/tbr
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