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Ski Alpin:Mit der Kraft der Sterne

Gutes Timing: Katharina Liensberger gewinnt in Cortina ihren ersten Slalom - ausgerechnet bei einer Weltmeisterschaft.

(Foto: Andreas Solaro/AFP)

In Cortina d'Ampezzo gelingt der 23-jährigen Österreicherin Katharina Liensberger ihre bisherige Meisterprüfung: Sie wird Weltmeisterin im Slalom vor Petra Vlhova und Seriensiegerin Mikaela Shiffrin.

Von Johannes Knuth, Cortina d'Ampezzo

Diesmal ging alles ganz schnell. Diesmal musste die Skirennfahrerin Katharina Liensberger nicht quälende Minuten auf das amtliche Endergebnis warten, wie im Finale des Parallelrennens am Dienstag, als sie zunächst hinter Marta Bassino eingestuft wurde, obwohl sie zeitgleich mit der Italienerin ins Ziel gerauscht war - ehe der Ski-Weltverband Fis bemerkte, dass er sein Reglement falsch interpretiert hatte und auch Liensberger eine Goldmedaille zustand. Das erfuhr die neue Co-Weltmeisterin freilich erst eine halbe Stunde später, als sie gerade Interviews gab.

Diesmal war also alles frei von Zweifeln. Liensbergers Guthaben war ja auch stattlich, als sie am Samstag als letzte Slalomläuferin ins Ziel preschte: Eine Sekunde vor der Slowakin Petra Vlhova, 1,98 sogar vor Mikaela Shiffrin, der US-Amerikanerin, die bei den vergangenen vier (!) Weltmeisterschaften im Stangentanz reüssiert hatte. Nun stand Liensberger der letzte Jubel zu, sie reckte einen Arm in die Luft, dann kippte sie langsam in den Schnee. Das versprühte eher die Anmut einer rheumatischen Giraffe, aber wer die Weltbesten so klar distanziert, dem können Haltungsnoten auch mal egal sein.

Vlhova, Shiffrin, Gisin - im Weltcup war immer eine besser

Dass die Zukunft es sehr, sehr gut mit dieser 23-Jährigen meinen könnte, das wussten sie eh seit Langem im Österreichischen Skiverband (ÖSV). Aber dass sie schon so sehr die Gegenwart prägen würde? Gut, Liensberger hatte sich in diesem Winter im Weltcup in allen fünf Slaloms auf dem Podium eingefunden, aber ihr erster Sieg wollte einfach nicht gelingen. Vlhova, Shiffrin, Gisin - immer war eine besser.

Dafür gewann Liensberger bei dieser WM zunächst das turbulente Parallelevent, und der Erfolg schien einen dieser Wirbel zu entfachen, der sie einfach weitertrug, zu Bronze im Riesenslalom und nun zu Gold im Slalom; es war schon der fünfte WM-Titel für den ÖSV in Cortina. Liensberger geizte später nicht mit großen Worten, auch wenn das bei ihr oft wie ein Spruch aus dem Tageshoroskop klingt: "Wenn man wirklich etwas will", sagte sie, "hilft einem das ganze Universum dabei, das zu erreichen."

Außerdem sei ihr zuletzt ein Eichhörnchen über den Weg gelaufen, hatte sie im Vorfeld erzählt, und ein Eichhörnchen sei ja auch das Maskottchen der WM. Wenn das mal nicht ein gutes Omen sei!

Vor einem Jahr stritt sie sich so sehr mit dem Verband, dass sie ein Rennen verpasste

Der alpine Weltcup wird ab und zu und nicht völlig zu unrecht als Zirkus tituliert; Fritz Strobl besang sich einst als "Mozart der Mausefalle", Sofia Goggia sprang in Skiklamotten in den Pool, Felix Neureuther rannte schwedischen Prinzessinnen hinterher, um seine Handynummer mitzuteilen, kurz nachdem ihm eine WM-Medaille entglitten war. Liensberger stammt aus Göfis, einem 3300 Einwohner starken Dorf in Vorarlberg, auf den ersten Blick durchlief sie eine windschnittige Karriere an den einschlägigen Skigymnasien, mit 18 debütierte sie im Weltcup, bei Olympia 2018 und der WM 2019 gewann sie schon Silber mit der Mannschaft.

Auf den zweiten Blick wirkt sie schon auch immer etwas entrückt, wenn sie etwa erzählt, wie ihr die richtige Konstellation der Sterne beim Fahren helfe, oder wenn sie in Videos mit engelsglatten Haaren an der Harfe Weihnachtslieder intoniert. Aber wer die Sterne auf seiner Seite hat, wen kümmern da noch fehlende Hundertstelsekunden?

Seine Tochter, hat Liensbergers Vater neulich den Vorarlberger Nachrichten erzählt, habe schon immer gewusst, was sie wollte: Fahrradfahren bitteschön ohne Stützräder, Schwimmen ohne Schwimmflügel, immer so weiter. Wobei ein eigener Kopf auch nicht immer das ist, was im großen Skizirkus geschätzt wird. Vor der Saison 2019/20 wollte Liensberger den Ski-Ausrüster wechseln, ein Routinevorgang, eigentlich. Der Haken war, grob gesagt, dass ihr neuer Sponsor Kästle zwar Ski stellen konnte, aber keine Schuhe und Bindungen - wer für den ÖSV im Weltcup starten will, muss aber Verträge für alle drei Komponenten vorweisen.

Es ging eine Weile ziemlich hin und her, Liensberger bemühte sich erfolglos um einen Drittanbieter für Schuhe und Bindungen, sie verpasste den Saisonauftakt, bald stand sie vor einem Ultimatum: Entweder sie würde rasch zu ihrem alten Ausrüster zurückkehren - ansonsten drohe ihr ein Jahr Sperre. Bei derartigen Debatten ist von außen immer schwer zu fassen, welche Vertragsklauseln im Hintergrund noch eine Rolle spielen, oder ob Liensberger wirklich mit einem Verbandswechsel liebäugelte, wie es kolportiert wurde. Sie kehrte dann doch zu ihrem alten Ausrüster zurück, später sagte sie: "Sehr viele haben gar nicht mitgekriegt, wie tragisch die Situation war."

Lena Dürr kam als beste deutsche Starterin auf Platz 14

Es war sicher kein Nachteil, dass Christian Mitter just in dieser Zeit von den erfolgreichen Norwegern zum ÖSV wechselte, als Cheftrainer der Frauen. Mitter, sagen sie in Österreich, ist einer, der selten den Fokus fürs Wesentliche verliert; er verstehe es auch wie kaum ein anderer, einen schnellen Ski-Schwung zu lehren, und Liensberger war eine willkommene Schülerin: "Sie lernt total schnell", bestätigte Mitter am Samstag, er meinte die Skitechnik, er meinte aber auch die mentale Wehrhaftigkeit der 23-Jährigen, die durchaus von Vorteil sein kann in einer skivernarrten Öffentlichkeit.

Am Samstag katapultierte sie sich im ersten Lauf an die Spitze des Klassements, zum ersten Mal überhaupt, sie brach also als Letzte in den zweiten Durchgang auf. Na und? "Heute", sagte Liensberger, "ist es mir gelungen, mich auf das zu konzentrieren, was zählt: mit Begeisterung skizufahren." Und: "Die Medaille bedeutet nur etwas, weil so viele Menschen und so viel Arbeit dahinterstehen."

Shiffrin, die in Cortina zuvor bereits Gold in der Kombination, Silber im Riesenslalom und Bronze im Super-G gewonnen hatte, gratulierte ihrer Nachfolgerin fair, dann sagte sie: "Auf dem Papier habe ich nicht mehr viele Ziele. Aber wenn ich sehe, auf welchem Level wir hier fahren, bin ich noch immer motiviert und will morgen sofort wieder trainieren."

Die deutschen Starterinnen teilten diese Begeisterung am Samstag nur bedingt. Andrea Filser war mit Rang 20 durchaus zufrieden, Lena Dürr, nach dem ersten Lauf noch Siebte, purzelte im zweiten auf Platz 14. "Das nervt", sagte die 29-Jährige. Da half auch das Universum nicht mehr weiter.

© SZ/and
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