Serie zur Leichtathletik-WM, Teil 3:"Warum springt die immer noch so weit?"

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Inzwischen hört man die Distanz heraus, die Heike Drechsler zu ihrer Vergangenheit gewonnen hat. Wenn sie von der DDR erzählt, sagt sie: "Ich war 'ne andere Heike zu der Zeit." Und sie verwendet oft das unpersönliche "man": man war, man hat, man konnte nicht, man musste. "Man hat wenig selbst entscheiden können", sagt sie zum Beispiel, und: "Man hatte nur einen Auftrag - seine Ziele zu erfüllen, zu gewinnen." Oder: "In der Mannschaft war man einer von vielen. Bestehen konnte man nur mit Leistung, sonst ist man untergegangen."

Selbst wenn sie von ihrer ersten WM berichtet, von 1983, als sie gewann mit 7,27 Meter, klingt sie nicht so triumphal wie man es erwartet, wenn eine 18-Jährige die Weltrekordlerin bezwingt, damals die Rumänin Anisoara Cusmir (7,43). Drechsler weiß noch, dass sie "ganz schön die Flatter" hatte, als sie zum ersten Mal in dieses große Stadion kam. Und dass sie eher erleichtert war, als es vorbei war: "Für mich war es eine Bestätigung, dass ich den Druck aushalten konnte in dieser Mannschaft. Da zählten ja leider immer nur Siege."

Heike Drechsler möchte nicht alles verdammen, was den Sport in der DDR betrifft; das Prinzip der Sportschulen zum Beispiel hält sie heute noch für sinnvoll als Ausbildungsweg für den Leistungssport. Aber "natürlich war es schlimm, dass in der DDR die Leute über Leichen gegangen sind, dass der Mensch wenig gezählt hat", sagt sie: "Als erstes war ja wichtig, den Klassenfeind zu schlagen, um jeden Preis. Und wenn man minderjährig war und mit Doping konfrontiert worden ist, ohne dass man es wusste oder dass es die Eltern wussten - das ist eine schlimme Sache." Man müsse ehrlich damit umgehen, findet sie heute, aber das ist etwas, was im 20. Jahr nach dem Mauerfall und kurz vor der nächsten Leichtathletik-WM in Deutschland noch immer nicht alle Beteiligten am Dopingsystem der DDR können oder wollen.

Dabei war es selbst für Laien schon bald offensichtlich, dass der Sport im Arbeiter- und Bauernstaat mit Zaubermitteln beackert worden sein musste. Nach dem Hinscheiden des staatlich gelenkten DDR-Systems war dessen sportliches Erbe ja schnell aufgebraucht. Bei der WM in Stuttgart gab es für die Deutschen nicht einmal halb so viele Medaillen (acht) wie noch zwei Jahre vorher in Tokio (17) und gerade mal ein Viertel so viel wie 1987 in Rom für die DDR allein (32).

Heike Drechsler weiß, dass aufgrund dieser rückläufigen Entwicklung viele Beobachter aus dem Westen nach der Wende skeptisch waren ihr gegenüber: "Warum springt die immer noch so weit?"

Den Anfang der neunziger Jahre empfand sie daher als einen "Kampf um Anerkennung: Dass auch ein Ostsportler unter Westbedingungen noch seine Leistungen abrufen kann". Und die WM 1993 in Stuttgart war eine Gelegenheit, zu zeigen: "Ich komm' zwar aus dem Osten, aber ich bin gesamtdeutsch." Es ging also seinerzeit nicht nur darum, Medaillen zu sammeln - es ging um viel, viel mehr: ein Stück Einheit herzustellen.

Es wuchs etwas zusammen

Das Stuttgarter Publikum hat damals seinen Teil beigetragen, indem es für eine positive Stimmung sorgte, auch wenn die gewohnten Erfolge fehlten. Die Chronisten schrieben jedenfalls, dass die Gräben zwischen Ost- und West-Athleten innerhalb des deutschen Teams zugeschüttet waren, zumindest waren sie nicht mehr so tief. Es wuchs etwas zusammen.

Auch Heike Drechsler verband die Fäden ihrer Karriere, sie knüpfte an ihren WM-Titel von 1983 an und auch an ihre EM-Erfolge von 1986 in Stuttgart. Da gewann sie im Weitsprung und über 200 Meter, und schon damals jubelte ihr das Publikum zu. "Aber es war einfach so anders", erinnert sie sich an 1986, "man konnte es nicht so genießen." Sie war ein Kind der DDR, ängstlich, eingeschüchtert: "Und jetzt komme ich hier in den Westen - auweia!"

1993 kam sie mit einem ganz anderen Gefühl zurück nach Stuttgart, reifer, entspannter. Natürlich habe sie auch Druck gespürt vor dieser WM, sagt sie, zumal sie ja als Olympiasiegerin antrat, aber es war ein anderer Druck als zu DDR-Zeiten: "1993 war ich selbst verantwortlich für das, was ich tue." Sie genoss es, sich von der Welle der Begeisterung tragen zu lassen, die ihr eiskalt den Rücken hinunterlief, ehe sie verebbte. "Da kriegt man schon Gänsehaut", erinnert sie sich, die Augen offen, aber den Blick ins Innere gekehrt, als schaute sie sich dort die Bilder von einst noch einmal an: "Das sind Erlebnisse, die hat man ewig im Kopf", sagt sie, "weil man weiß, dass sie vergänglich sind."

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