Sergio Ramos:Die letzte Umarmung

Sergio Ramos of Real Madrid puts on a Matador routine during the UEFA Champions League Final match a

Ein großer, triumphaler Abschied von seinem Herzensverein Real Madrid ist Sergio Ramos nicht vergönnt.

(Foto: David Klein/imago/Sportimage)

Nach 15 Dienstjahren sagt die lebende Klublegende Sergio Ramos Adiós zu Real Madrid: nicht freiwillig, unter Tränen, aber doch ohne Groll

Von Javier Cáceres, Madrid

Falls jemand einen Zweifel daran hatte, dass Sergio Ramos sich am Donnerstag einer der größten Herausforderungen seiner Karriere gegenübersah, so war dieser rasch beseitigt. In der Sportstadt Real Madrids in Valdebebas, vor den Toren der Stadt, hatte der Klub eine Bühne mit einem Stehpult aufgebaut, um das Ende einer Ära gebührend zu inszenieren, das schon am Abend vorher angekündigt worden war. Ramos trat ans Mikrofon und blickte in die Augenpaare seiner Angehörigen und der Präsidiumsmitglieder, die auf Abstand saßen, und setzte zu einer Rede an, die er bald abbrach. Beziehungsweise: abbrechen musste.

"Man ist nie darauf vorbereitet, Real Madrid Adiós zu sagen. Aber nun ist der Moment gekommen, mich zu verabschieden...", sagte er noch, ehe er doch in Tränen ausbrach. Als er daran erinnerte, wie er "an der Hand meines Vaters hier..." in Madrid ankam, fünfzehn Jahre ist es nun her.

Ramos senkte den Kopf, Applaus setzte ein, ein Wasser wurde gereicht, und er nahm die Rede auch wieder auf.

Aber eigentlich war alles gesagt.

Oder fast alles.

Mehr als eine Stunde verstrich, und Ramos stellte sich den Medien, um diverse Dinge klarzustellen. Zum Beispiel dies: "Ich habe niemals Real Madrid verlassen wollen." Genau das tut er nun aber, und wie es dazu kam, hätte der Drehbuchautor von "Der Pate" sich nicht besser ausdenken können. Seine Forderungen seien überschaubar gewesen. Zwei Spielzeiten nur habe Ramos seinen 15 Dienstjahren beim spanischen Rekordmeister anhängen wollen. Das Gehalt sollte ihm gekürzt werden, und zwar in einer Weise, die in Madrid als demütigend gilt. Im Grunde, so ist zu hören, war es ein Angebot, das Ramos nicht annehmen konnte, ohne dabei seine Ehre zu verlieren. Doch auch das wollte er hinnehmen, nach reiflicher Überlegung. Er teilte das dem Verein auch mit. Aber siehe: "Das Angebot hatte ein Verfallsdatum, von dem ich nichts wusste." Man sei immer im Gespräch gewesen, da habe ihn der Rückzug der Offerte doch "überrascht".

"Ich lasse jeden Groll hinter mir. Was haften bleibt, ist die Umarmung, die mir heute der Präsident gegeben hat."

Gleichwohl: Über den Vereinsboss Florentino Pérez könne er nur Gutes sagen. Sie hätten "ein Vater-Sohn-Verhältnis", und auch wenn es mal "wie in jeder Familie gekracht hat". So sei ausgeschlossen, dass ihm, Ramos, etwas Schlechtes über Pérez über die Lippen kommen könne. Im Grunde fehlte nur noch die Untermalung durch ein Werk des Filmmusikers Ennio Morricone. "Ich lasse jeden Groll hinter mir", sagte Ramos. "Was haften bleibt, ist die Umarmung, die mir heute der Präsident gegeben hat." In Madrid kursierten umgehend Gerüchte darüber, dass Real die bei Vertragsende fällige Ausgleichszahlung noch ein wenig aufgehübscht hat. "Es ging nicht um Geld, sondern um Jahre. Es ging um Ruhe für mich und meine Familie. Der Präsident weiß das aus erster Hand", sagte Ramos.

Verdient hätte er eine Vertragsverlängerung ehrenhalber wohl allemal. Ramos ist die Ikone der jüngsten, glorreichen Zeit bei Real Madrid. Sein deutscher Mannschaftskamerad Toni Kroos feierte ihn in einem Sozialnetzwerk als "Best! Defender! Ever!". Bei Real Madrid hat er 22 Titel geholt, darunter vier Champions-League-Siege und fünf Meisterschaften; nur der nicht minder legendäre Paco Gento sammelte in den 50er und 60er Jahren mehr Trophäen (23). In 671 Spielen schoss er 101 Tore, kaum eines davon so stilbildend wie der Treffer in der 93. Minute des Königsklassenfinales von 2014 gegen Atlético Madrid in Lissabon. Seinerzeit erzwang er per Kopf die Verlängerung, in der Atlético unterging. Real Madrid holte "La Décima", den zehnten von insgesamt 13 Champions-League-Titeln. Er hat auch einen Rekord inne, der ihn als Raubein ausweist. Er sah 26 rote Karten. "Abgesehen von den Zahlen wirst Du immer einer unserer Kapitäne sein und einer unserer Lieblinge", sagte Präsident Pérez. Und dennoch: Die lebende Legende wollte er offenkundig nicht mehr im Klub haben. Mit Carlo Ancelotti, der schon von 2013 und 2015 Coach in Madrid gewesen war und erst vor wenigen Wochen wieder in das Amt zurückgekehrt ist, habe er telefoniert, berichtete Ramos: "Ich habe ihn (zu seiner Ernennung) beglückwünscht." Aber Ancelotti hat laut Ramos keine Silbe über eine mögliche, neuerliche Zusammenarbeit verloren. Sein größter Trainer sei Ancelottis Vorgänger Zinédine Zidane. "Er ist für mich der beste Trainer der Geschichte. Er hat meine Zuneigung zum Quadrat."

Die Zukunft bleibt vage, sie führt ihn vermutlich ins Ausland

Zidane hatte das Amt am Ende einer titellosen Saison niedergelegt. Oder auch: am Ende eines Halbjahrs, das für Ramos eine Tortur war. Er reihte Verletzung an Verletzung, am Ende verpasste er gar die Europameisterschaft. Nationaltrainer Luis Enrique verzichtete auf die Berufung seines etatmäßigen Kapitäns. Er sei nun "nach den schwersten sechs Monaten meiner Karriere" wieder fit und gesund, und der Verzicht auf die EM mache ihn traurig. "Ich verstehe die Entscheidung bestens", sagte Ramos, der am Samstag auf den ersten spanischen Sieg bei der EM hofft. Spanien trifft in Sevilla, in Ramos' andalusischer Heimat, auf die polnische Nationalelf.

Was ansonsten die Zukunft bringt? Das blieb weitgehend im Vagen. Klar ist, sie wird sich notwendigerweise fern der spanischen Landesgrenzen abspielen. Zuletzt war über eine Rückkehr zum FC Sevilla spekuliert worden, doch das schloss Ramos aus. "Der FC Sevilla ist der andere Klub meines Herzens, ich hatte dort eine wundervolle Zeit. Aber ich ziehe das nicht in Betracht", erklärte Ramos. Gleich ganz ausgeschlossen ist ein Wechsel zu Real Madrids Erzrivalen FC Barcelona: "Mein Nein ist so groß wie das neue Bernabéu-Stadion", versicherte Ramos. Bleiben also nur noch Auslandsengagements. Die Zeitung As versicherte, dass er noch keine konkreten Angebote gehabt habe. "Es hat seit Januar den einen oder anderen Anruf gegeben, aber ich habe zu keinem Zeitpunkt an einen anderen Verein gedacht", betonte Ramos. Er dürfte in England Abnehmer finden, zum Beispiel gilt Chelsea-Eigner Roman Abramowitsch als glühender Ramos-Fan. Auch in Italien wird munter spekuliert, Juventus Turin und AC Milan sind in den einschlägigen Medien genannt worden, aber auch die AS Roma mit José Mourinho, der ebenfalls mit Ramos bei Real Madrid zusammengearbeitet hat. Wie auch immer: Ramos versicherte, dass er zurückkommen werde. "Dies ist ein ,Auf bald', nicht ein ,Auf immer'. Sergio Ramos wird zurückkehren."

© SZ/lib
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