Fina:Der Weltverband verliert die Kontrolle über seine Schwimmer

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Fina: Einige Spitzenschwimmer nehmen an einer neuen Wettkampf-Serie teil - das Finale findet in Las Vegas statt.

Einige Spitzenschwimmer nehmen an einer neuen Wettkampf-Serie teil - das Finale findet in Las Vegas statt.

(Foto: AFP)

Immer mehr Spitzenschwimmer rebellieren gegen die Fina, die sich unter anderem mit ihrer Anti-Doping-Politik unmöglich macht. Athleten organisieren nun sogar eigene Wettbewerbe.

Kommentar von Claudio Catuogno

Seit Jahren beklagen sich die besten Schwimmer der Welt, dass ihr Verband ihnen nicht zuhört. Dann nicht, wenn sie über Geld sprechen wollen - etwa darüber, warum sie auf ihren Badekappen, der einzigen Werbefläche, die einem Schwimmer bleibt, die Schriftzüge der Sponsoren des Weltverbands Fina durchs Becken tragen müssen. Und auch dann nicht, wenn sie die Haltung der Fina in Anti-Doping-Fragen als Zumutung empfinden, was sich bei der WM in Gwangju in Protest gegen den Chinesen Sun Yang entlud, der trotz eines laufenden Dopingverfahrens am Start war.

Aber siehe da: Dass ihre Botschaften ungehört verhallen, das immerhin können die Schwimmer jetzt nicht mehr behaupten. Nur wenige Tage nachdem zunächst der Australier Mack Horton und dann der Brite Duncan Scott bei der Siegerehrung den Handschlag und das Foto mit Sun Yang verweigert hatten, hat die Fina ihre Regeln geändert. Es gibt jetzt einen neuen "Artikel 3" im Verhaltenskodex. In Zukunft kann Schwimmern, die sich bei der Siegerehrung nicht ans Zeremoniell halten, die Medaille wieder weggenommen werden. Die Athleten müssen jetzt "strikt jedes anstößige und unangemessene Verhalten gegenüber den Offiziellen, den Konkurrenten, den Mannschaftskollegen und/oder den Zuschauern während des gesamten Ablaufs des Wettbewerbs vermeiden", inklusive Siegerehrung.

Die Besten starten bald in der International Swimming League - finanziert von einem Milliardär

Man muss den Athleten nur drohen, dann kriegt man die Heile-Welt-Bilder, die man will. Problemlösung auf Fina-Art.

Die Frage ist nur, wie viele Schwimmer sich noch einschüchtern lassen. Längst ist zu beobachten, wie der Weltverband die Kontrolle verliert. Dass der Brite Adam Peaty und die Ungarin Katinka Hosszu die Gründung einer globalen Schwimmer-Gewerkschaft vorantreiben, ist nur ein weiterer Akt der Notwehr. Klar: Solidarität unter Athleten, die auch Rivalen sind, ist schwer zu organisieren. Und wie die Branchengrößen reagieren, sollte wirklich mal jemand für seine Positionierung gegen Doping disqualifiziert werden, muss sich erst zeigen. Aber Eindruck dürfte es schon machen, wenn Peaty jetzt ankündigt, die Schwimmbosse "schachmatt" zu setzen, sollten sie sich weiter dem Ruf nach sauberen Wettkämpfen widersetzen.

Auf einem anderen Spielfeld hat die Fina den Machtkampf fast schon verloren. Im Herbst, wenn der Weltverband seine größten Helden eigentlich im Weltcup dem Publikum vorführen will, startet eine kommerziell organisierte Konkurrenzveranstaltung: die International Swimming League (ISL). Vier Mannschaften aus Europa und vier aus den USA sind dabei, die Deutschen Philip Heintz, Franziska Hentke und Sarah Köhler etwa im italienischen Team Aqua Centurions, das von Federica Pellegrini angeführt wird. Christian Diener startet gemeinsam mit Adam Peaty im englischen Team London Roar. Katie Ledecky führt das Team DC Trident an. Es geht nicht um Bestzeiten - die wären aus dem Olympia-Training heraus ohnehin schwer zu schwimmen. Der Reiz soll sich aus prickelnden Wettkämpfen ergeben, Mann gegen Mann, Frau gegen Frau, Team gegen Team. So ein Format hatten die Schwimmer von der Fina seit Jahren gefordert. Jetzt organisiert und finanziert es der russisch-ukrainische Milliardär Konstantin Grigorischin, jenseits aller Verbandsstrukturen.

Der Fina ist zu diesem kollektiven Seitensprung bisher nichts eingefallen als die Drohung, alle ISL-Teilnehmer zu sperren. Das hat sie zurücknehmen müssen, aber auch diese Konfrontation hat die Gräben weiter vertieft. Und die Weltcupserie der Fina ist deutlich entwertet.

Die neue Schwimm-Welt muss einem nicht sympathisch sein. Vermarktung ist alles. Die Teams heißen nach Sponsoren. Das Branding kommt so amerikanisch-martialisch daher, als wäre man beim Wrestling oder Ultimate Fighting. Niemand schert sich um Nachwuchsarbeit, das sollen weiter die Verbände machen. Und die strikte Anti-Doping-Haltung der ISL folgt auch bloß der Logik: Wer mit Verbotenem auffliegt, ist raus. Und zwar für immer. Doch im Vergleich dazu, dass bei der Fina jemand selbst dann nicht raus ist, wenn er wie Sun Yang eine Dopingprobe mit dem Hammer zertrümmern lässt, ist der ISL-Ansatz geradezu progressiv.

Nach Stationen in Indianapolis, Neapel, Lewisville, Budapest, College Park und London findet am 20. und 21. Dezember das große ISL-Finale statt, im Mandalay Bay Resort in Las Vegas. Las Vegas! Spätestens zu Weihnachten dürften die Leute bei der Fina sich fragen, ob sie den Schwimmern nicht einfach mal hätten zuhören sollen.

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Schwimm-WM 2019

SZ PlusSchwimmer Sun Yang
:Die Mama mit dem Hammer

Auf 59 Seiten beschreibt der Schwimm-Weltverband jene Nacht, in der Sun Yang eine Dopingprobe zerstören ließ - und spricht ihn frei. Die Fina veröffentlicht das Urteil nicht, doch der SZ liegt es vor. Eine Dokumentation.

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