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Krawalle bei der Fußball-EM:Hat Frankreich die fremden Schläger unterschätzt?

  • 35 Verletzte zum EM-Auftakt: Marseille ist geschockt von der Brutalität auf den Straßen.
  • Doch die Behörden gestehen keine Fehler ein und widersprechen sogar Augenzeugen.
  • 3254 britischen Hooligans wurden vorsorglich die Reisepässe entzogen.

Von Christian Wernicke, Marseille

Es ist ein Kampf auf Leben und Tod, immer wieder. Denn immer wieder zeigt das französische Fernsehen am Sonntag dasselbe Video, dieselbe Szene: Ein Polizist der CRS, der "Sicherheitskompanien der Republik", beugt sich über den Leib eines ohnmächtigen Fans. Schemenhaft ist das rote, geschwollene Gesicht des kahlen Mannes auf dem Pflaster am Alten Hafen von Marseille zu erkennen. Später werden die Behörden preisgeben, es handele sich um "einen britischen Staatsbürger um die fünfzig". Der CRS-Beamte hat die Halsschlagader des Opfers gefühlt, hat den Puls gesucht - und nichts gefunden. Also hat der Beamte mit einem Kollegen den schweren Körper des Engländers auf den Rücken gedreht, nun drückt er beide Hände auf das blutverschmierte, graublaue T-Shirt. Wiederbelebung per Herzmassage, einmal, zweimal, dreimal. Der Film bricht ab.

Der Engländer hat überlebt. Zeugen wollen gesehen haben, wie ein Unbekannter den Briten mit einer Eisenstange niederschlug. Am Sonntag schwebte der Fan von der Insel noch in Lebensgefahr. Auch die vier anderen Schwerverletzten blieben nach den Straßenschlachten am Samstagabend im Krankenhaus. 35 Verletzte zählten die Behörden offiziell, in Wirklichkeit waren es erheblich mehr Männer, die sich da im Herzen Marseilles Platz- und Schnittwunden zugefügt hatten. Viele der blutverschmierten Opfer tauchten unter - schließlich waren sie zugleich Täter.

Am Morgen danach steht Marseille unter Schock. Die Scherben sind weggefegt, das Blut wurde mit Wasser vom Asphalt gespritzt. Aber zwei Passanten nicken zustimmend, als ein Anwohner sagt: "Was wir hier gestern Abend erlebt haben, das war Bürgerkrieg." Frankreich hatte gebangt, islamistische Terroristen könnten den Fußball und seine Fans attackieren. Nun waren es die Anhänger selbst, die - so fanatisiert wie alkoholisiert - Terror machten.

Videos erzählen eine andere Geschichte als die Behörden

Caroline Pozmentier ist empört. "Wir sind Opfer fremder Gewalt", schimpft die stellvertretende Bürgermeisterin von Marseille, die für die öffentliche Sicherheit in der alten Hafenstadt zuständig ist. Pozmentier weist jedwede Kritik an den Sicherheitsbehörden zurück. Nein, dass sich da Hunderte Hooligans aus England und Russland stundenlange Straßenschlachten in den schönsten Gassen Marseilles liefern konnten, das beweise "keinesfalls ein Versagen der Polizei", glaubt die konservative Lokalpolitikerin, "im Gegenteil, den Polizisten ist es gelungen, die Ausschreitungen einzudämmen und auf wenige Straßen zu beschränken."

Also alles unter Kontrolle? Das haben Tausende Augenzeugen am Samstag anders erlebt. Auch die zahllosen Videos, die nun im Internet kursieren, erzählen eine andere Geschichte. Da ist zu sehen, wie am sonnigen Samstagnachmittag, so gegen 16.30 Uhr, auf dem Quai de Rive-Neuve zwei Menschenhorden Flaschen und Steine aufeinander schleudern. Die einen wirken paramilitärisch gut organisiert, tragen pechschwarze T-Shirts und stammen aus Russland, die anderen haben das weiße Trikot der englischen Nationalmannschaft angezogen oder sind halb nackt und grölen: "Fuck you, Europe!" Per Video ist ebenso dokumentiert, wie später auf einer Straßentreppe ein Hooligan einem anderen einen Klappstuhl auf den Kopf schlägt (und das Möbel dabei zertrümmert).

3254 Hooligans wurden vorsorglich die Reisepässe entzogen

Und verewigt sind auch die Jagdszenen, die sich 300 Meter weiter nach 18 Uhr an der Place Général de Gaulle abspielten. Hier kämpfte jeder gegen jeden: Briten, Russen und obendrein französische Schlägertrupps, darunter offenbar jene berüchtigten "Ultras", die bei den Heimspielen von "Olympique de Marseille" die Fans der Gastmannschaft einschüchtern. Auf einem Video ist ein Mann zu erkennen, der zwischen Schlägern zu schlichten versucht. Plötzlich taucht aus Schwaden von Tränengas ein bulliger Kerl in Shorts und blauer Jacke auf, der den Passanten mit einem linken Haken niederschlägt. Einfach so. Es fliegen Steine, Polizeisirenen tönen, der Mann bleit regungslos im Staub zurück.

Angesichts solcher Dramen klingen die Erklärungen der französischen Gastgeber am Morgen danach merkwürdig schal. Und sehr abgeklärt. "Nein, wir können keinen Fehlschlag konstatieren", wehrt sich Antoine Boutonnet, der Chef der staatlichen Sonderdivision zur Bekämpfung von Hooligans (DNLH). Von Kritik am Sicherheitskonzept der Behörden will auch Henry-Pierre Brandet, der Sprecher des Innenministeriums, nichts hören: "Wenn es ein Scheitern gibt, dann ist es ein Scheitern des Fußballs, der klar zeigt, dass er an einem Teil seiner Fans krankt."

Brandet verweist darauf, dass die britische Regierung 3254 Hooligans vorsorglich die Reisepässe entzogen hatte. Dass dennoch Hunderte Hooligans aus Großbritannien und Russland in Marseille Bürgerkrieg spielen konnten, liege in der Verantwortung von London und Moskau: "Das waren wohl Leute, die die Geheimdienste der Herkunftsländer nicht kannten."

Gefahr durch Hooligans war zuletzt abgeklungen

Hat Paris die fremden Rowdies und Schläger unterschätzt? Aus Kreisen der Stadtpolizei raunt nun Kritik, der Staat habe nicht erlaubt, die per Zug anreisenden Fans gleich am Bahnhof abzufangen und per Bus direkt ins Stadion zu verfrachten. Als Erklärung mag dienen, dass im Land der "Euro 2016" die hausgemachte Gefahr durch Hooligans zuletzt abgeklungen war. Von 2009 bis heute hatte die DNLH, die Sonderdivision für Hooligans, ihre Einsatzkräfte in Fußballstadien um 47 Prozent verringern können.

Aber Paris wusste, dass allen voran die Fans aus England und Russland, aus Polen und der Türkei Probleme machen wollten. Deshalb hatte man ja die samstägliche Partie im "Stade Vélodrome" als eines von fünf "Risikospielen" eingestuft. Dennoch gelang nach dem Schlusspfiff einem Mob russischer Fans, in für Engländer reservierte Stadionblöcke vorzudringen. Die Uefa kündigte am Sonntag an, sie wolle zumindest aus dieser Panne von Marseille Lehren ziehen und das Sicherheitspersonal aufstocken.

Auch die Stadt Marseille erwog Konsequenzen. Kritiker forderten, an Spieltagen ein Alkoholverbot zu verhängen. Am Sonntagabend verfügte Innenminister Bernard Cazeneuve ein Ausschankverbot im "sensiblen Umfeld" von Stadien.

Das meint wohl auch Marseilles alten Hafen, zumindest am 21. Juni - denn dann wartet im Stade Vélodrome" das nächste sogenannte Risiko-Spiel: Ukraine gegen Polen.

© SZ vom 13.06.2016/ska

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